Tränen, schiitische Symbolik und ein Überraschungsgast: In Teheran beginnt die Trauerzeremonie für Ayatollah Ali KhameneiZehntausende Iraner strömen mit einer Mischung aus Trauer und Wut zum Sarg des getöteten Revolutionsführers. Auffällig ist, wer in Teheran fehlt – und wer gekommen ist.04.07.2026, 16.54 Uhr5 LeseminutenTrauernde füllen den Platz vor der Mosalla-Moschee in Teheran. Während der wochenlangen Zeremonie werden Millionen Menschen erwartet.Altaf Qadri / APSchon in der Dämmerung hatten sich Tausende Iraner an den Eingangstoren des Mosalla-Gebetskomplexes in Teheran postiert. Sie wollten zu den Ersten gehören, die am frühen Samstagmorgen ab sechs Uhr Ortszeit Ayatollah Ali Khamenei ihren Respekt zollen. Bis Montag ist der getötete iranische Revolutionsführer gemeinsam mit Familienmitgliedern in der religiösen Stätte aufgebahrt. Khamenei wurde am 28. Februar, dem ersten Kriegstag, durch einen amerikanisch-israelischen Luftangriff getötet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Über zehn Millionen Menschen werden laut iranischen Angaben bei der Trauerzeremonie erwartet, die eine ganze Woche andauern soll. Es dürfte die grösste Trauerfeier in der iranischen Geschichte werden. Am Montag wird Khameneis Sarg durch die Strassen von Teheran getragen werden, danach folgen weitere Stationen in wichtigen religiösen Stätten in Iran und im benachbarten Irak. Schliesslich soll der mit 86 Jahren getötete Revolutionsführer am Donnerstag in Khameneis Geburtsstadt Mashhad im Nordosten des Landes beerdigt werden.Die ersten Trauernden schwenkten am Samstag im Hof des Mosalla-Komplexes Flaggen, auf denen Rache für den getöteten Anführer gefordert wurde. Immer wieder erklangen die Parolen «Tod Amerika» und «Möge Gott Israel verfluchen». Viele Menschen brachen in Tränen aus und schlugen sich rituell auf die Brust, um ihre Trauer auszudrücken. Die iranische Führung will mit der pompösen Zeremonie Stärke demonstrieren. Doch hinter der Fassade der Einigkeit sind erste Risse sichtbar.In einer Reihe mit dem grössten schiitischen MärtyrerUnter Ausschluss der Öffentlichkeit fanden die ersten Trauerbekundungen vor dem Sarg schon am Freitag statt. Zunächst traten wichtige Vertreter der iranischen Führung vor dem Sarg Khameneis und jener seiner Familienmitglieder zusammen, die ebenfalls bei dem amerikanisch-israelischen Luftangriff getötet wurden. In der Mitte unter Khameneis sterblichen Überresten war ein Kindersarg aufgebahrt, in dem sich die Leiche der 14 Monate alten Enkelin des getöteten obersten Führers befindet.Die Särge von Ayatollah Ali Khamenei und seiner getöteten Enkelin Zahra Mohammadi Golpayegani, die ebenfalls bei dem Luftangriff am 28. Februar 2026 getötet wurde.Mohammed Salem / Reuters«Aus der iranischen Perspektive symbolisiert der Kindersarg das wahrhaftige Märtyrertum Khameneis», sagt der iranische Historiker Rouzbeh Parsi von der Universität Lund im Gespräch. «So wird eine symbolische Verbindung zu dem Tod von Imam Hussein in der Schlacht von Kerbala hergestellt.»Die Schlacht von Kerbala im Jahr 680 ist der Gründungsmythos für die Schiiten. Gegen einen übermächtigen Feind zog Imam Hussein, der Enkel des Propheten Mohammed, in einem innerislamischen Kampf für die gerechte Sache in die Schlacht und wurde gemeinsam mit seinen Familienmitgliedern getötet. So geht die Überlieferung.Ayatollah Ali Khamenei steht aus Sicht der Islamischen Republik in einer Traditionslinie mit diesem grössten Märtyrer des schiitischen Glaubens. Im Verlauf der Trauerwoche wird Khameneis Sarg unter anderem auch in die irakische Stadt Kerbala gebracht, um die religiöse Symbolik zu unterstreichen.Mojtaba Khamenei bleibt abwesendVor dem Sarg versammelten sich am Freitag die Granden der Islamischen Republik: der Präsident Masud Pezeshkian, Irans Verhandlungsführer und Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf, Aussenminister Abbas Araghchi, der oberste Richter des Landes sowie ranghohe Militärs und Generale der Revolutionswächter.Sie wollen Einigkeit in der Trauer demonstrieren: Irans Parlamentssprecher und Chefunterhändler Mohammed Bagher Ghalibaf (links) und der iranische Präsident Masud Pezeshkian.Pressestelle der iranischen Präsidentschaft via ImagoWer bisher bei der Zeremonie abwesend war, ist der Mann, der eigentlich an der Spitze des Staates steht: Mojtaba Khamenei, der Sohn und Nachfolger von Ayatollah Ali Khamenei. Seit seiner Wahl zum neuen obersten Führer ist der 56-Jährige nicht öffentlich aufgetreten. Mojtaba Khamenei soll bei einem Luftangriff ebenfalls schwer verwundet worden sein und kommuniziert seit seinem Amtsantritt nur durch schriftliche Mitteilungen. Bis heute halten sich daher Zweifel, ob der neue oberste Führer wirklich am Leben ist oder nicht.Die anhaltende Abwesenheit von Mojtaba Khamenei könnte auch ein Grund dafür sein, dass Lagerkämpfe innerhalb des Machtzentrums der Islamischen Republik in den vergangenen Tagen immer offener ausgetragen wurden. Die gemeinsame öffentliche Trauer kann nicht über die tiefen Differenzen hinwegtäuschen.«Die neue Bruchlinie in der iranischen Führung ist nicht zwischen Reformern und Konservativen», sagt Rouzbeh Parsi. «Sondern zwischen konservativen Pragmatikern und Hardlinern, die gegen jedwede Verhandlungen mit den USA sind.»Vor wenigen Tagen wurde dieser Bruch für alle Iraner sichtbar. Ein vorher aufgezeichnetes Interview mit dem iranischen Verhandlungsführer Mohammed Bagher Ghalibaf wurde im Staatsfernsehen mit einem Mal unterbrochen. Ghalibaf hatte gerade angesetzt, um die Gespräche mit den USA zu erklären, die im nationalen Interesse Irans seien. Seit Tagen wird im von Hardlinern dominierten iranischen Staatsfernsehen gegen die Verhandlungen mit den USA geschossen.Saudiarabien sorgt für eine ÜberraschungNeben der iranischen Führung machten auch ausländische Verbündete ihre Aufwartung in Teheran. Neben den üblichen Vertretern des libanesischen Hizbullah, der palästinensischen Hamas und den jemenitischen Huthi reisten unter anderem auch der Premierminister von Pakistan und der Präsident des Iraks nach Teheran. Die mächtigsten Verbündeten, Russland und China, schickten allerdings nur Politiker aus der zweiten oder dritten Reihe nach Teheran.Trauernde laufen mit Flaggen des Konterfeis von Ayatollah Ali Khamenei am Samstag durch den Mosalla-Gebetskomplex in Teheran.Majid Asgaripour / Wana via ReutersAus Moskau kam der ehemalige russische Präsident Dimitri Medwedew, der heute allerdings nur noch als stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates amtiert. Aus China reiste He Wei an, ein hochrangiger Parlamentarier des Nationalen Volkskongresses.Für Überraschung sorgte jedoch ein anderes Land: Auch eine Delegation aus Saudiarabien unter Führung des Vizeaussenministers Walid al-Khuraiji zollte ihren Respekt am Grab des getöteten obersten Führers Irans. In der Vergangenheit hatte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman Khamenei mit Hitler verglichen. Während des Kriegs mit den USA und Israel schoss Iran mehrmals Drohnen und Raketen auf saudisches Territorium.Der Besuch ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Saudiarabien von der Stabilität des Regimes überzeugt ist und einen eigenen Kommunikationskanal mit Teheran aufbauen will, falls der Krieg wieder ausbricht. Gleichzeitig sendete Riad damit auch ein Signal an die USA, die gegen eine Reise zu der Trauerzeremonie lobbyiert haben dürften. Für Iran ist die saudische Teilnahme ein Etappensieg.Passend zum Artikel
In Iran beginnt die einwöchige Trauerzeremonie für Ayatollah Ali Khamenei
Zehntausende Iraner strömen mit einer Mischung aus Trauer und Wut zum Sarg des getöteten Revolutionsführers. Auffällig ist, wer in Teheran fehlt – und wer gekommen ist.












