Jürgen Klopp ist der grösste Charismatiker des deutschen Fussballs. Nun liefert sich der DFB dem Trainer ausDass Klopp die Nachfolge von Julian Nagelsmann antreten wird, scheint beschlossen. Die Überstürztheit der Entscheidung passt zum orientierungslos wirkenden Verband.07.07.2026, 18.29 Uhr6 LeseminutenAuch im Deutschen Fussball-Bund würde Jürgen Klopp auf Händen getragen werden.Manu Fernandez / APFür die kommenden Tage hat der Deutsche Fussball-Bund (DFB) eine Expedition geplant. Es geht nach New York, nach Manhattan, dorthin, wo die Deutschen eigentlich am 20. Juni hätten sein wollen: als Finalisten im WM-Final, zum Abschluss einer Kampagne, die dem Ruf des Verbandes endlich wieder gerecht geworden wäre.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun aber ist die kleine Delegation in anderer Mission unterwegs, denn es gilt, einen Mann für das Engagement im DFB zu gewinnen, der die Nachfolge des Trainers Julian Nagelsmann antreten soll. Es ist kein Geheimnis, dass es sich dabei um Jürgen Klopp handelt, der als Experte für Magenta TV bei diesem Turnier tätig ist. In dieser Funktion hat er mehr oder minder verklausuliert sein Interesse an der Position signalisiert, als Nagelsmann noch im Amt war.Die Vertragsunterschrift als KrönungsmesseEs wird eine kleine Delegation sein, angeführt vom Präsidenten Bernd Neuendorf, begleitet von Hans-Joachim Watzke, dem Vizepräsidenten des DFB und Präsidenten von Borussia Dortmund. Watzke, so heisst es, habe hinter den Kulissen für Klopp derart lobbyiert, dass die Vertragsunterschrift eher einer Krönungsmesse gleichkäme. Er kann sich zugutehalten, Klopp in grauer Vorzeit für den deutschen Fussball entdeckt zu haben, als er ihn von Mainz nach Dortmund holte und die Borussia von Grund auf restaurierte.Meisterschaft, Cup, Teilnahme am Champions-League-Final: Watzke und Klopp galten als unzertrennlich. Dann schlitterte die Borussia 2014 in eine Krise, und plötzlich kamen Zweifel an den wundersamen Fähigkeiten des Trainers auf.Klopp zog sich daraufhin zurück und schaffte in Liverpool dasselbe wie in Dortmund: Er reanimierte einen traditionsreichen Klub und hievte ihn an die Spitze. Keine Frage, hier war ein Welttrainer am Werk, einer, dessen Abgang die Dortmunder noch heute betrauern. Wer Watzke über Klopp reden hört, der glaubt nicht, dass er über einen Angestellten spricht, sondern über ein Familienmitglied, das in den Kreis der Verwandten heimkehren soll.Jürgen Klopp verabschiedete sich im Mai 2024 vom FC Liverpool.ReutersDie Chance dazu hat sich bei der Borussia nie wieder ergeben, aber nun hat Watzke die Gelegenheit, eine Wiedervereinigung auf andere Weise anzustossen. Er ist der mächtigste Mann im DFB, das lässt sich durchaus sagen, ohne Bernd Neuendorf zu nahe zu treten, der alles in allem ein Bild von einem Funktionär abgibt: blass bis zur Unkenntlichkeit, in Sachfragen überfordert, angewiesen auf die Expertise anderer. Und das ist im DFB auf höchster Ebene Hans-Joachim Watzke.Die Geschichte der Trainer im DFB ist inhaltlich eine erschöpfende, aber chronologisch ist sie in weiten Teilen schnell erzählt. Was daran liegt, dass der Verband lange Zeit äusserst konservativ auf Konstanz setzte – und damit gar nicht schlecht fuhr. Über viele Jahrzehnte wurden Trainerposten im DFB gewissermassen vererbt. Vorgänger und Nachfolger kannten sich, in der Regel war der Nachfolger der Assistent des Vorgängers.Früher wurde das Traineramt beinahe vererbtSo war es, als Sepp Herberger 1938 die Nachfolge des Reichstrainers Otto Nerz antrat und später die Deutschen zum ersten WM-Titel führte; so war es auch, als Helmut Schön 1964 Herberger beerbte. Auf Schön folgte Jupp Derwall, der Mann, den sie «Häuptling Silberlocke» nannten und der nach einer verkorksten EM 1984 aus dem Amt gejagt wurde. Externe Belebung kam durch Franz Beckenbauer, der mit dem WM-Titel 1990 abtrat – für den DFB ein revolutionärer Schritt, da Beckenbauer nicht einmal einen Trainerschein hatte.Beckenbauers Autorität speiste sich nicht aus einer formalen Qualifikation, sondern aus einer Vita, wie sie kein anderer deutscher Fussballer hatte – und aus der Fähigkeit, Menschen in seinen Bann zu schlagen. In Letzterem sind sich der Mann, den sie in Deutschland den «Kaiser» nannten, und Klopp durchaus ähnlich. An Charisma gebricht es auch ihm nicht, man kann sogar behaupten, dass er den Prototyp des charismatischen Herrschers, wie ihn einst der Soziologe Max Weber skizzierte, auf dem Fussballfeld darstellt: «Die charismatische Herrschaft ist, als das Ausseralltägliche, sowohl der rationalen, insbesondere der bureaukratischen [. . .], schroff entgegengesetzt.»Und in etwas Weiterem ähnelt Klopp dem 2024 verstorbenen Beckenbauer: Es ist die Eloquenz, die Bereitschaft, in jedes Mikrofon zu sprechen, das ihm entgegengestreckt wird. Dabei ging es bei Beckenbauer ebenso wenig um Widerspruchsfreiheit wie bei Klopp. Zu seinen Hochzeiten, als die Fussballnation Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 zu Füssen lag, gab es Spötter, die sagten, er könne sich dreimal in einem Satz widersprechen, ohne dass dies auffalle. Der «Spiegel», immer schon despektierlich, nannte ihn den «Firlefranz».Auf Widersprüche sollte man auch bei Klopp besser nicht achten, will man ein einigermassen kohärentes Bild von ihm behalten. Eines aber unterscheidet die beiden: Klopp war ein Spieler von überschaubarem Talent, Beckenbauer ein Jahrhundertfussballer. Klopp wurde dieses Gottesgnadentum nicht zuteil, an dem sich Beckenbauer lange Zeit seiner Karriere erfreuen konnte. Und dennoch: Geht es um das Charisma, ist ihm kein anderer im deutschen Fussball je näher gekommen.Klopp büsste viele Sympathien einAllerdings stösst auch dieser Mann an seine Grenzen. Der Wechsel zum Red-Bull-Konzern wurde ihm sehr verübelt, nachdem er zuvor noch getönt hatte, er sei ausgebrannt und werde erst einmal eine lange Pause einlegen. Verübelt wurde ihm das nicht zuletzt deshalb, weil gerade Klopps Image – trotz umfangreichen kosmetischen Korrekturen – mit dem modischen Schlagwort der Authentizität verbunden wurde: Der BVB hätte seinen Slogan «echte Liebe» wohl kaum ohne diesen impulsiv auftretenden Trainer etablieren können.Jürgen Klopp bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Head of Global Soccer von Red Bull in Salzburg.ImagoAllerdings hatte es ohnehin den Eindruck gemacht, dass Klopp sich in einem gut bezahlten Sabbatical befinde. Kürzlich betonte der 59-Jährige, er strotze nur so vor Energie. Hundert Prozent ausgeruht sei er, und wer ihn sieht, der glaubt ihm das: Gemessen am letzten Jahr bei Liverpool scheint er nun um ein halbes Jahrzehnt verjüngt. Das mag an der stimulierenden Atmosphäre in New York liegen, vielleicht aber auch an der Vorfreude auf die neue Aufgabe.Dem Vernehmen nach geht es schon um Personalfragen; Klopp möchte, so wird kolportiert, gerne mit Rudi Völler als Direktor der Nationalmannschaft weiterarbeiten. Wogegen Völler nichts hat. Das muss man einen Augenblick wirken lassen: Klopp ist noch gar nicht im Amt, der Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Details, so erklärte Watzke, seien erst noch zu klären. Bis dahin ist Klopp ein Angestellter des Red-Bull-Konzerns. Somit ist klar, dass der Verband in der Rolle des Bittstellers ist.In einer starken Position sind die Funktionäre tatsächlich nicht, aber womöglich wähnen sie sich noch schwächer, als sie es sind. Immerhin ist der DFB der grösste Fachverband der Welt und nach wie vor der erfolgreichste Fussballverband Europas. Es ist daher rätselhaft, dass man sich nicht zumindest für ein oder zwei Wochen die Zeit nimmt, darüber nachzudenken, was in dieser Situation das Beste wäre, zu fragen, wer tatsächlich ein geeigneter Trainer für die Mannschaft sein könnte, die von Grund auf neu aufgebaut werden muss.Es ist gut möglich, dass man zu dem Schluss kommt, dass Klopp genau der Richtige ist. Möglich sind aber auch andere Wege. Die erfolgreichsten Nationalverbände der letzten Jahre haben dies vorgemacht: Spanien bewies mit dem Nachwuchstrainer Luis de la Fuente ebenso ein glückliches Händchen wie Argentinien mit Lionel Scaloni. Aber die Überstürztheit im DFB passt zu einem Verband, der nicht erst seit gestern orientierungslos wirkt. Und in einem solchen Milieu haben Retter oder Leute, die für solche gehalten werden, leichtes Spiel.Was allerdings manchem im DFB nicht klar zu sein scheint: Der Verband wird zum Vehikel für die Rehabilitation von Klopps Image gemacht. Denn sein Ruf hat durch das Engagement bei Red Bull in einem Mass Schaden genommen, wie es zuvor bei einer derart populären Figur kaum vorstellbar war.Ancelotti als MahnungAllerdings waren in den letzten Tagen von Klopp selber vorsichtigere Aussagen zu hören. Er ist sich offenbar darüber im Klaren, wie gross die Erwartungen sind, die er durch seine Bereitschaft geschaffen hat. Zur grossen Lust auf die neue Aufgabe gesellen sich auf einmal differenziertere Töne, in denen es darum geht, dass die Situation im DFB nicht von heute auf morgen zu bereinigen sei, dass an vielen Stellschrauben zu drehen sei.Dabei dürften sowohl Klopp als auch die Verantwortlichen im DFB gewarnt sein. Man braucht nur auf die Brasilianer zu schauen, mit ihrem Trainer Carlo Ancelotti. Und vielleicht auch darauf, dass ein Rollenverständnis, in dem der Trainer mehr Fachmann als Messias ist, der Situation vielleicht angemessener ist. Wenn schon ein Mann wie Carlo Ancelotti nicht die Fähigkeit hat, durch Handauflegen einen ehemaligen Champion zu heilen, warum sollte Klopp dann über diese Gabe verfügen?Wenn Neuendorf und Watzke nach New York reisen, dann wären sie gut beraten, den unterschriftsreifen Vertrag auf einem Kissen zu präsentieren und auf die Knie zu gehen und diese Szene von einem Hofmaler festhalten zu lassen. Nichts anderes würde die Situation angemessen abbilden.Passend zum Artikel
Neuer Bundestrainer Klopp: Deutschland braucht mehr Fachmann und weniger Messias
Dass Klopp die Nachfolge von Julian Nagelsmann antreten wird, scheint beschlossen. Die Überstürztheit der Entscheidung passt zum orientierungslos wirkenden Verband.










