Wie dick müssen Wände sein, wie breit die Türen, wie viel Dämmung braucht ein Haus? Für fast alles beim Bau gibt es DIN-Normen – Standards, ausgearbeitet am Deutschen Institut für Normung in Berlin.Nicht immer sind solche Normen verbindlich. Trotzdem halten sich die meisten Planer und Bauunternehmen daran. Aus Sorge, bei einer Klage vor Gericht würde ihnen unterstellt, sie hätten nicht nach den „anerkannten Regeln der Technik“ gebaut. So werden Wände dick und dicker, Wärmeschutz stark und stärker und Türen mittlerweile so breit, dass sie auch den Anforderungen von Barrierefreiheit entsprechen. Eine Folge: Bauen kostet immer mehr. Um 245 Prozent seien die Baukosten für Wohnraum seit dem Jahr 2000 gestiegen, sagt Dietmar Walberg. Ein Fünftel des Anstiegs, schätzt er, sei nur auf neue oder veränderte Normen zurückzuführen.Walberg und andere Fachleute haben deshalb zur „Deutschen Baunormen-Konferenz“ nach Berlin eingeladen. Um der „Normenflut“ im Wohnungsbau Einhalt zu bieten, wie er sagt. Und Normen wieder auf ihren Zweck auszurichten und auf das zu reduzieren, was sie sind: Empfehlungen.Keine KontrolleWalberg ist Leiter des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstitutes ARGE, seine Mitstreiterin Heike Böhmer ist Direktorin des niedersächsischen Institutes für Bauforschung (IFB). Beide Institute wurden schon 1946 gegründet, um den Wohnungsbau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt erst in großem Maßstab wieder möglich zu machen. Ohne Normen und Standardisierungen wäre das Wirtschaftswunder vermutlich ausgeblieben. Mit der Zeit allerdings hat sich das Umfeld stark geändert. Von den vielen damals ins Leben gerufenen Bauforschungsinstituten existieren nur noch diese beiden. Und das ist nach Walbergs Worten eines der Probleme. Niemand mehr kontrolliere den Normen-Wahn, niemand kümmere sich um eine Folgeabschätzung, prüfe, welche Kosten neue Normen verursachten, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.Walberg ist enttäuscht. Er war schon Mitglied der „Baukostensenkungskommission“ vor mehr als zehn Jahren. Der Ruf nach einer Folgenabschätzung schon damals einer von einundsiebzig Verbesserungsvorschlägen, die das Expertengremium Ende 2015 Bund und Ländern empfohlen hat. Viel sei danach geredet worden, sagt Walberg, passiert sei de facto nichts.Mehr als 7000 NormenDie Zahl der Baunormen steige ungebrochen, seit vielen Jahren sogar deutlich stärker als andere DIN-Normen. Mittlerweile seien es mehr als 7000. Besonders auf den Gebieten Barrierefreiheit, Wärmeschutz, Energieeinsparung und Schallschutz gebe es immer mehr Normen. Zugleich seien die Baukosten immer weiter gestiegen und die Zahl der neu fertiggestellten Wohnungen im Vorjahr auf 207.000 gefallen – so wenig wie seit 13 Jahren nicht mehr.Für Walberg liegt der Fehler schon im System. Viele profitieren von neuen Standards. Normung ist in Deutschland eine Selbstverwaltungsaufgabe der Wirtschaft. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) ist ein gemeinnütziger Verein, der sich im Wesentlichen aus dem Verkauf von Normen und Verlagsprodukten finanziere. Zugleich sind Anwender und Bauherren in den Normungsausschüssen nach Walbergs Beobachtung stark unterrepräsentiert. Die meisten Abgesandten stammten aus der Industrie und der Wissenschaft.Unternehmen profitieren aber im Zweifel von neuen Normen: durch mehr Verkauf von Dämmmaterial, teuren schalldichten Fenstern oder schlicht dickeren Wänden. Vertreter der Wissenschaft wiederum haben nach Walbergs Worten die Tendenz, das Beste vom Besten zu wollen. So steige die Zahl der Normen ständig. Es fehle an öffentlicher Kontrolle und nicht selten auch an Praxistauglichkeit.Kaum noch messbarIn den Ausschüssen würden einzelne Punkte geregelt, ohne das Gesamtbild zu betrachten, sagt Wahlberg. Schon heute sei es kaum möglich, den Anforderungen an Schallschutz und Wärmeschutz mit einem handelsüblichen Fenster gleichermaßen zu entsprechen. Beim Schallschutz sei ohnehin jedes Maß verloren gegangen. Wo sich früher ein Arbeitsausschuss mit dessen Normung befasst habe, seien es heute drei Arbeitsausschüsse und sechs Arbeitskreise. Dabei sei die Differenz zwischen „normalem“ und „gehobenem“ Schallschutz kaum noch zuverlässig zu messen. Eine Folge der aufgeblähten Ausschüsse sei, dass sich mancher wegen des Zeit- und Arbeitsaufwands gar nicht mehr einbringe.Weil die Vorschriften immer komplizierter würden, gebe es auch immer mehr Anwendungsfehler in der Praxis. So besteht nach Walbergs Worten ein Zusammenhang zwischen steigenden Anforderungen an die Dämmung und einer wachsenden Zahl an Feuchteschäden wegen fehlerhaft gedämmter Wohnungen.Energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses in Stuttgart.Picture AllianceKein GesetzDabei sind die meisten DIN-Normen Empfehlungen, mehr nicht. Bauunternehmen sind nicht verpflichtet, sich daran zu halten. Nur wenn eine Regel als „technische Baubestimmung“ eingeführt wird, hat sie eindeutig rechtliche Relevanz. Trotzdem halten sich Falschmeldungen hartnäckig, nach denen zum Beispiel für eine Dreizimmerwohnung siebenundvierzig Steckdosen vorgeschrieben sind.Zum Problem werden DIN-Normen, weil sie in der Praxis oft mit den gesetzlich geforderten „anerkannten Regeln der Technik“ gleichgesetzt werden, nach denen zu bauen ist. Selbst Baufachleute gehen davon aus, dass Gerichte im Streitfall überprüfen, ob nach DIN gebaut wurde und damit die geforderten anerkannten Regeln der Technik eingehalten wurden. Dabei ist dies nicht automatisch der Fall. Erst vor ein paar Tagen hat der Deutsche Anwaltverein mit Verweis auf eine Klarstellung des BGH mitgeteilt: „Für Architekten, Ingenieure und Bauunternehmen heißt das: Eine DIN-Norm verschafft im Streit keine automatische Rückendeckung mehr. Ob sie die allgemein anerkannten Regeln der Technik abbildet, klärt im Zweifel das Gericht mit Sachverständigen.“ Ob dieser Hinweis in der Praxis viel ändert, bleibt abzuwarten.Die beiden Forschungsinstitute fordern, die „Normenflut“ auf andere Weise einzudämmen. Zum einen wiederholen sie in Berlin ihre Forderung nach einer unabhängigen Stelle zur Abschätzung der Folgekosten. Zum anderen sprechen sie sich für einen rechtssicher festgelegten „Basisstandard“ für den Wohnungsbau aus – der nur Abweichungen nach oben zulässt. Sofern nichts anderes vereinbart ist, schuldet ein Bauunternehmen nur diesen einfachen Standard. Walberg verweist auf gute Erfahrungen in Schleswig-Holstein. Das Land habe für Geschosswohnungen einen solchen Regelstandard für erleichtertes Bauen eingeführt, der mittlerweile bei 80 Prozent aller neuen Geschosswohnungsbauten eingesetzt werde.Die Anfang Juni vom Nationalen Normenkontrollrat ins Spiel gebrachte Idee, bestehende Normen zu kategorisieren und so gleich drei rechtssichere Standards zu schaffen – einfach, mittel, hoch –, gehe ebenfalls in die richtige Richtung, brauche aber viel Zeit zur Umsetzung. Der Normenflut müsse aber schnell Einhalt geboten werden. Sonst werde Bauen noch teurer.
Warum das Bauen immer teurer wird
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