Als Mohamed Salah durch die Arena in Dallas schritt, mit geballten Fäusten und angewinkelten Armen, wusste jeder, wo er in der ägyptischen Teamhierarchie steht. Nicht, dass es hierüber je Unklarheit gegeben hätte. Aber Salah hatte sich am Freitag bei der Fußball-Weltmeisterschaft nun mal ein Nemes-Kopftuch aufgesetzt, das traditionelle Kopfgewand altägyptischer Könige wie Tutanchamun. Muss man tragen können. Und klar, Salah konnte: wer, wenn nicht er?Hierzu muss zunächst angemerkt werden, dass Salah, 34 Jahre alt, seit geraumer Zeit die Spitznamen „Pharao“ und „Ägyptischer König“ mit sich führt. Und dass er sich darüber – womöglich zum Leidwesen jener Spürnasen, die überall nach stereotypen Mikroaggressionen fahnden – übrigens noch nie beschwert hat. Salah jedenfalls untermauerte seinen Monarchenstatus an besagtem Freitag in einem engen, wirklich sehr engen WM-Sechzehntelfinale mit Australien.So ein Nemes-Kopftuch muss man tragen können - Mo Salah (re.) kann. Julio Cortez/AP/dpaIm Elfmeterschießen chippte er den Ball lässig in die Mitte des Tores, eine „spontane“ Eingebung, wie er hinterher unter Tränen sagte. Er war sichtlich gerührt von diesem „historischen Moment“, den sein Team dem ägyptischen Fußball und dem ägyptischen Volk beschert habe, für ihn selbst war es „einer der schönsten Tage meines Lebens“.In der ägyptischen Heimat herrschte hinterher Feierbetrieb, tanzende Menschen auf den Straßen, Autokorsos, Leuchtraketen. Im Internet verbreiteten sich Videos eines frisch vermählten Ehepaares, das während des Elfmeterschießens auf eine Leinwand starrte, statt sich zu küssen. Nicht auszudenken also, was von Kairo bis Alexandria los wäre, wenn jetzt noch der ganz große Wurf gelingen sollte: ein Triumph an diesem Dienstag (18 Uhr/ARD) in Atlanta, im Achtelfinale gegen Argentinien.Salah jedenfalls weiß, wie das ist, wenn man die Hoffnungen einer gesamten Nation schultern muss. Zum ersten Mal oblag ihm diese Rolle bei der WM 2018, damals hatte er seine erste Saison mit dem FC Liverpool hinter sich gebracht und war gerade noch dabei, sich auf Weltniveau zu etablieren. Seitdem sind einige Körner durch die Sanduhr gerieselt, und Salah hat sich jeden großen Titel geschnappt, der im englischen und europäischen Spitzenfußball zu holen ist. Doch obwohl das Ziel der Pharaonen stets Unsterblichkeit lautete, wird Salah zumindest an diesem Vorhaben scheitern. Seit diesem Sommer ist Salah kein Spieler des FC Liverpool mehr. Vor allem die vergangene Saison war kompliziert, seine Form enthielt Ausschläge nach oben, aber auch nach unten.Ägyptens Nationaltrainer:„Ich widme diesen Sieg unseren Brüdern aus Palästina“Nationaltrainer Hossam Hassan spricht nach Ägyptens Einzug ins Achtelfinale von „unseren Brüdern aus Palästina“ und „Gnade mit den Märtyrern“. Eine politische Äußerung gemäß Fifa-Regeln?Der Mohamed Salah der Gegenwart war auch gegen die Australier zu sehen, und zwar in verdichteter Form: Jener Salah war lange unauffällig über den Platz geschlichen, ohne Bindung zum anderen Edelangreifer im ägyptischen Team, dem früheren Frankfurter Omar Marmoush, 27. Jener Salah war viel in gedrosseltem Tempo unterwegs, er gönnte sich Verschnaufpausen, die sich auf eine halbe Halbzeit erstrecken konnten. Aufmerksame Ressourcenschonung eben, um da zu sein, wenn es wichtig wird. Ein bisschen so wie, ja genau: Lionel Messi, 39, sein Kontrahent am Dienstag. Was eine hübsche Pointe ist, schließlich war Salah jahrelang der Fußballer, der mit seiner Spielweise wohl am meisten an Messi erinnerte, wenngleich, klar, am Ende nur Messi Messi sein kann.Mit Ende der Partie gegen Australien hatte Salah, übers gesamte Turnier gerechnet, 16 Torchancen eingeleitet. So viele wie kein anderer Spieler bei dieser WM. Und nicht wenige dieser Pässe hatte er beigesteuert, als dieses Sechzehntelfinale schon in seine entscheidende Phase abgebogen war, als die Ägypter ihren Fußballkönig also am meisten gebraucht hatten. Dieser Teil seines Spätwerks erinnert auf erstaunliche Weise an einen kleinen Argentinier namens … ach, lassen wir das.Vor Turnierstart war Salah übrigens nach seinem Wunschgegner für seinen letzten Tanz gefragt worden, zur Auswahl standen Messi, Cristiano Ronaldo und Neymar. Seine Antwort: Messi. Was ihn, der nahezu alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, jetzt natürlich in die Bredouille bringt. Salah würde diese WM sicher gerne über das Achtelfinale hinaus fortsetzen.