Als Mohamed Salah in der 84. Minute auf die ägyptische Bank zu trabte, gab es erst einmal keine Debatten mehr, nur frenetischen Beifall. 34 Jahre alt ist Salah inzwischen, in einem Fußballalter also, in dem Auswechslungen zum Alltag gehören. Aber was ist schon Alltag im Leben dieses einzigartigen, wenngleich manchmal selbstverliebten Fußballers: Im ersten Gruppenspiel, beim 1:1 gegen Belgien, hatte er sich augenscheinlich verärgert gezeigt über seine Auswechslung.Als ein Zeichen des Misstrauens gegenüber Trainer Hossam Hassan hatten manche das gewertet, der als einstiger Rekordspieler selbst eine stolze Institution im Land ist und entsprechend pikiert reagiert hatte. Jedenfalls war dadurch eine Debatte entstanden, die bisher die ägyptische Reise bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft bestimmte. Und die mindestens bis zur zweiten Hälfte dieses Spiels gegen Neuseeland in Vancouver anhielt, vielleicht sogar darüber hinaus.Lamine Yamal:Alle Bälle und Augen auf ihnSelten zog in Spaniens Nationalteam jemand so sehr den Fokus auf sich wie Lamine Yamal. Gegen Saudi-Arabien beweist er, warum der Europameister den 18-Jährigen dringend in der Startelf braucht.Was in der zweiten Halbzeit passierte, konnte man eine Erlösung nennen, oder etwas weniger pathetisch: Die Erfüllung jener enorm hohen Erwartungen, die 120 Millionen Ägypter seit vielen Jahren an den besten Fußballer der Landesgeschichte haben. Salah hatte mit einem Tor und einer Vorlage den größten Anteil am 3:1. Was wirklich fast alle so sahen. Fast.Der erste Sieg bei einer Fußball-WM in der Geschichte Ägyptens wurde auch deshalb so freudvoll zelebriert von den vielen, lautstarken Anhängern im BC Place von Vancouver, weil er lange Zeit unwahrscheinlich erschien. 45 Minuten lang hatte man viele Anzeichen für weitere Debatten finden können bei den Ägyptern. Hassan zürnte auf seiner Trainerbank, Salah fand kaum ins Spiel, und Omar Marmoush im Sturm fiel nur dadurch auf, dass er kurz vor der Halbzeit einen Mitspieler anpfiff, weil er nicht schneller nach vorn spielte. Die gesamte ägyptische Mannschaft wirkte verloren und lag noch dazu in Rückstand: Der neuseeländische Innenverteidiger Finn Surman hatte in der 15. Minute nach einer Ecke per Kopfball getroffen. Und die tapferen Kiwis hatten weitere Chancen gehabt, um höher zu führen.Mostafa Ziko vom Pyramids FC trifft zum AusgleichErst in der zweiten Halbzeit wendete sich das Spiel zugunsten des Favoriten. Zunächst ohne Beteiligung der großen Namen: Den Ausgleich erzielte in der 58. Minute der offensive Mittelfeldspieler Mostafa Ziko, der für Pyramids FC in der ägyptischen Liga spielt. Danach ergaben sich in der neuseeländischen Defensive Räume für Dribblings und ein besseres Zusammenspiel. Genau die brauchte Salah: Das 2:1 erzielte er nach einem schnellen Doppelpass mit Ziko selbst, das 3:1 durch Trézéguet bereitete er von der linken Seite mit einem Eckball vor. „Wir haben heute Geschichte geschrieben“, sagte Salah später. Aber der Euphorie, der sich die Anhänger und weite Teile der ägyptischen Delegation hingaben, enthielt er sich.„Ich habe einfach schon viel erreicht“, sagte Salah, als er auf seinen zurückhaltenden Jubel nach Abpfiff angesprochen wurde. Zudem hatte er seine Zeit dem verletzten Abwehrspieler Hossam Abdelmaguid gewidmet: „Der Große“, wie Salah etwas nonchalant informierte, habe eine Gehirnerschütterung erlitten. „Ich bin der Kapitän, ich muss mich um alle kümmern“, sagte er mit einem Lächeln.Es war nicht so, dass Salah den Sieg überhaupt nicht zelebrierte. Allein und barfuß drehte er eine Runde durch das Stadion und winkte in die Menge, die ihm genauso viel Ehre erbot wie während des Spiels. Wenn Salah etwa einen Eckball schoss, erhoben sich die Zuschauer in der entsprechenden Ecke des Stadions für ihn. Nach einer fast kompletten Runde über den Rasen brachte ihm dann sein Mitspieler Marmoush eine ägyptische Flagge und legte sie ihm um die Schultern. Es war dieselbe Flagge, mit der Minuten zuvor schon jemand anders gefeiert hatte: sein Trainer.Ehrenrunde ohne Schuhe, aber mit ägyptischer Flagge: Mohamed Salah (li.) wird von Omar Marmoush „eingekleidet“. Albert Gea/ReutersHossam Hassan hat einen großen Teil von Ägyptens Fußballgeschichte geprägt, er ist bis heute Rekordtorschütze. Wenn ihm bei der Pressekonferenz Fragen gestellt werden, dann immer erst nach einer ehrerbietigen Anrede. Und dieser Hassan sah nach dem Spiel ebenfalls die Zeit gekommen für eine Jubelgeste: Während seine Mannschaft sich sammelte und Salah den Gegnern gratulierte, drehte der Trainer zusammen mit einem Assistenten eine Ehrenrunde, die ägyptische Flagge spannten sie zwischen sich auf. Es war eine etwas eigenwillige Interpretation einer gemeinschaftlichen Feier. Aber so etwas sind die Ägypter von Hassan durchaus gewohnt.„Salah hat heute hart gearbeitet auf dem Feld, und da ist etwas, das sie wissen sollten“, sagte Hassan später: „Ich bin vermutlich der erste Trainer, der ihn in einer Position spielen lässt, die seiner Gefährlichkeit gerecht wird, seinen Fähigkeiten und Qualitäten.“ Er klang in diesem Moment wie jemand, der die große Bühne für sich selbst beanspruchte und sie keinem anderen überlassen wollte. Nicht auszuschließen, dass das noch Debatten nach sich zieht.
WM 2026: Alle feiern Mo Salah – nur sein Trainer nicht so richtig
Der Angreifer führt Ägypten zum ersten WM-Sieg in der Geschichte des Landes. Die Debatten nach dem schwachen Start könnten nun leiser werden – wäre da nicht Trainer Hossam Hassan.














