Wird es sein letzter großer Auftritt, oder betritt er auf seine alten Fußballer-Tage noch einmal Sphären, die ihm bislang stets verschlossen waren? Ganz Ägypten schaut auf seinen Fußballstar Mohamed Salah, wenn das Nationalteam an diesem Dienstag im Achtelfinale der WM in Atlanta auf Weltmeister Argentinien trifft (18.00 Uhr MESZ, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD).Mo Salah – der heute 34 Jahre alte Dribbler, dessen Geschmeidigkeit und technische Finesse über Jahre für Albträume bei den besten Verteidigern der englischen Premier League sorgte –, er gilt als so etwas wie der „Unvollendete“ im afrikanischen Fußball. Siebenmal hat sein Land bereits den Afrika-Cup, die prestigeträchtigste Trophäe des Kontinents, gewonnen. Ohne Salah allerdings. Als der die internationale Fußballbühne betrat, 2011 war das, waren die besten Zeiten der „Pharaonen“, wie das ägyptische Team genannt wird, gerade vorbei.Völkerverbindende WirkungIn der Heimat war es im Arabischen Frühling zur politischen Krise gekommen, die auch Ägyptens Nationalteam in ein tiefes Leistungstal führte. Infolge der politischen Proteste und einer Stadionkatastrophe 2012 in Port Said wurde die ägyptische Liga ausgesetzt. Die Nationalmannschaft, in der Salah ab November 2011 die wichtigste Position in der Angriffsreihe besetzte, konnte sich für die Afrika-Cups 2012, 2013 und 2015 nicht qualifizieren.Erst 2017 in Gabun waren Salah und Co. dabei und schafften es tatsächlich ins Endspiel. Dort aber erlebte er eine 1:2-Niederlage gegen Kamerun. In Ägypten war längst so etwas wie ein Salah-Hype ausgebrochen – in der Hauptstadt Kairo kam kaum mehr eine der zahlreichen riesigen Werbetafeln ohne das schüchterne Lächeln des Fußballstars aus.Es war neben Salahs fußballerischer Ausnahmestellung vor allem sein Wesen, das ihn über die Jahre so unfassbar beliebt gemacht hat. Salah hat einen guten Charakter, er ist ein netter Mensch. In Liverpool wurde er wegen seiner Tore auf die Titelseiten der Zeitungen gehoben. Aber auch, weil er mal an einer Tankstelle die Rechnung aller Kunden übernahm oder mit einem Jungen auf einem Foto posierte, nachdem dieser auf der Jagd nach einem Salah-Autogramm mit seinem Roller gegen einen Baum gekracht war.Regelrecht völkerverbindende Wirkung hatte Salahs Umgang mit der Religion. Als gläubiger und praktizierender Muslim jubelte er über die meisten seiner Tore auf dem Rasen mit dem Sudschud – der Haltung des Muslims beim Gebet, wenn sieben Punkte des Körpers den Boden berühren. Andererseits ließ er sich alljährlich beim christlichen Weihnachtsfest mit seiner Familie im Liverpooler Wohnzimmer ablichten.Verkrampfte Verbindung zur NationalelfIn Liverpool jubelt man über Salahs Rolle als Brücke zwischen religiösen Welten. Nach 2018 sprach man in der nordenglischen Fußballmetropole vom sogenannten „Salah-Effekt“: Seine Verpflichtung habe zum deutlich messbaren Rückgang von Hassverbrechen und Islamophobie geführt. Muslimische Kinder seien einst in der Schule beim Beten und Fasten gehänselt worden. Mo Salah habe muslimische Riten salonfähig gemacht.Aber bei aller Liebe und Zuneigung für den sympathischen Kicker: Salah und die Nationalmannschaft – es blieb über Jahre eine teilweise verkrampfte Verbindung. Während er sich ab 2017 beim FC Liverpool unter Jürgen Klopp zum Weltklassespieler entwickelte und an der Seite von Mané und Roberto Firmino zum über Jahre torgefährlichsten Trio des europäischen Vereinsfußballs aufstieg, blieben Salahs Auftritte im ägyptischen Nationalmannschaftstrikot eher tragisch.Das Team, das sich erst ganz allmählich von der ägyptischen Fußballkrise erholte, qualifizierte sich zwar für die WM 2018 in Russland, schied dort allerdings sang- und klanglos nach der Vorrunde aus. Man hatte keinen einzigen Punkt gewonnen, Salah, nach einer Oberschenkelverletzung gehandicapt, war quasi unsichtbar geblieben. Die nächste Chance auf großer Bühne ergab sich 2022, als Ägypten mit dem mittlerweile auf Klubebene zum Weltstar aufgestiegenen Salah das Finale des Afrika-Cups in Kamerun gegen Senegal erreichte.Salah gegen seinen Klubkollegen Mané – tagelang ging es um nichts anderes als um dieses Duell. Nur einer von beiden würde den afrikanischen Fußballthron besteigen können. Es siegte: Mané, der nach einem zähen 0:0 nach 120 Minuten im Elfmeterschießen den entscheidenden Treffer setzte. Salah kam als fünfter ägyptischer Schütze schon gar nicht mehr zum Zug.Salah und Ägypten weinenWenige Wochen später der nächste Tiefschlag: In zwei entscheidenden Qualifikationsspielen für die WM 2022 trafen die beiden Liverpooler Kollegen schon wieder aufeinander. Zweimal lautete das Resultat 0:0, wieder musste das Elfmeterschießen entscheiden. Diesmal trat Salah als erster Schütze für Ägypten an – und verschoss. Der Unglückliche brach nach seinem Fehlschuss regelrecht auf dem Platz zusammen, wieder war Ägyptens Schicksal besiegelt. Senegal fuhr zur WM. Salah und Ägypten weinten.Auch die Afrika-Cups 2024 und 2025 brachten nicht den erhofften Titel. 2024 kam das Aus schon im Achtelfinale gegen die Demokratische Republik Kongo, 2025 in Marokko spielte wieder Senegal den Scharfrichter, besiegte die Pharaonen im Halbfinale mit einem 1:0.Und nun also plötzlich die unverhoffte Gelegenheit bei der WM, doch noch einmal große Geschichte zu schreiben. Im Sechzehntelfinale, beim Elfmeterschießen gegen Australien, war am Freitagabend völlige Stille im Stadion in Dallas eingetreten, als Mo Salah zu seinem Schuss antrat. Es knisterte regelrecht in der Arena, der Großteil der Teamkollegen schaute gar nicht hin. Salah schoss – und verwandelte. So gerade eben.Sein mauer Versuch in die Mitte des Tores klappte nur, weil sich Australiens Keeper Ryan krass verschätzt hatte. Welchen der großen Stars dieser WM er sich denn für seinen vielleicht letzten großen Auftritt als Gegner gewünscht habe, wurde Salah anschließend gefragt. „Messi“ hatte er nur geantwortet.