Bombenangriffe in Damaskus während Macrons Staatsbesuch: Frankreichs Präsident reist für eine riskante Visite nach SyrienFür Ahmed al-Sharaa ist die erste Reise eines EU-Regierungschefs nach Syrien ein Coup. Macron erhofft sich, den französischen Einfluss in Nahost auszubauen.07.07.2026, 13.04 Uhr4 LeseminutenEmmanuel Macron und Ahmed al-Sharaa am Dienstag im syrischen Präsidentenpalast.Mahmoud Hassano / ReutersAm Dienstagmorgen glich Damaskus einer Geisterstadt. Der Umayyaden-Platz im Zentrum der syrischen Hauptstadt war abgesperrt, die wenigen Passanten konnten auf dem sonst immer verstopften Kreisverkehr spazieren gehen. Doch dann zerriss gegen 10 Uhr 20 Ortszeit der Knall einer Explosion die ungewöhnliche Stille. Kurz darauf folgte ein weiterer Bombenangriff in der Nähe des «Four Seasons»-Hotels, wo der französische Präsident Emmanuel Macron am Montagabend für eine Überraschungsvisite in Syrien angekommen war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Macron hatte das Hotel laut syrischen Medienberichten nur wenige Minuten vor den Explosionen verlassen. Die Bomben waren in einem Auto und einem Abfalleimer versteckt gewesen, mindestens drei Menschen wurden getötet und achtzehn verletzt. Bisher bleibt unklar, wer für das Attentat verantwortlich ist.Die Angriffe werfen einen Schatten auf die historische Reise Macrons. Zum ersten Mal seit dem Sturz des Asad-Regimes im Dezember 2024 ist ein EU-Regierungschef nach Syrien gereist. Bis zuletzt verlor der Élysée-Palast über den Besuch aus Sicherheitsgründen kein Wort. Wie die Explosionen am Dienstag zeigen, ist die Lage in Syrien auch eineinhalb Jahre nach der Machtübernahme von Ahmed al-Sharaa alles andere als stabil.Eine der zwei Explosionen in der Nähe des Hotels von Emmanuel Macron in Damaskus.Yamam al-Shaar / ReutersMacron steht wegen seiner Nähe zu Sharaa in der KritikZugleich dürfte die Geheimhaltung auch dazu gedient haben, im Vorfeld keine politische Kontroverse auszulösen. Der neue starke Mann in Syrien gilt vielen im Westen als umstrittene Figur: Sharaa führte einst eine islamistische Miliz an, bevor er begann, sich als pragmatischer Staatsmann zu inszenieren. Schon bei Sharaas Besuch in Paris im Mai 2025 musste Macron sich gegen den Vorwurf verteidigen, einem früheren Jihadisten internationale Legitimität zu verschaffen.So bestätigte der Pressestab des französischen Präsidenten die Reise erst, als Macron am Montagabend in Damaskus gelandet war. Aus europäischen Diplomatenkreisen in Syrien war zu hören, dass Paris die Visite schon seit Monaten vorbereitet hatte.Aus dem Élysée-Palast hiess es, dass Frankreich mit dem Besuch den Wiederaufbau eines «souveränen, stabilen und friedlichen» Syrien unterstützen wolle und zugleich ein «neues Kapitel» der Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Sicherheit aufschlage. Paris trete zudem für ein Syrien ein, «das alle seine Bevölkerungsgruppen respektiert». Damit reagiert Paris auf die anhaltende Kritik, wonach Sharaas Regierung den Schutz von Alawiten, Drusen und anderen Minderheiten nicht gewährleistet.Eine Botschaft der religiösen Toleranz hinterliess Macron im goldenen Buch der jahrhundertealten Umayyaden-Moschee. Am Montagabend besuchte der französische Präsident, der trotz der späten Stunde eine Pilotensonnenbrille trug, gemeinsam mit Ahmed al-Sharaa den Sakralbau. Dieses «Juwel von Syrien» zeuge «von so vielen Jahrhunderten der Geschichte, der Religionen und der Zivilisationen», schrieb Macron. In vorislamischer Zeit war die Moschee einst ein römischer Tempel und danach eine christliche Basilika gewesen.NZZDie Attentäter konnten die Bomben trotz hohen Sicherheitsvorkehrungen in Damaskus zünden. Weite Teile der syrischen Hauptstadt waren am Dienstag vollständig für den Verkehr gesperrt.Frankreichs Wirtschaftsinteressen in SyrienTrotz der Kritik am islamistischen Machthaber Sharaa setzt Macron auf eine frühe Annäherung an die neue Führung in Damaskus. Dahinter stehen nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen: Nach 14 Jahren Bürgerkrieg muss das Land neu aufgebaut werden.Macron wurde von einer Delegation französischer Unternehmer aus den Bereichen Energie, Bau und Transport begleitet. Der Energieriese Total beteiligt sich bereits an Gasprojekten vor der syrischen Küste, die Reederei CMA CGM betreibt den Hafen von Latakia. Syriens Regierung kündigte zudem an, acht zivile Airbus-Maschinen aus Frankreich zu kaufen. Die ehemalige Mandatsmacht Frankreich will auch mit diesen ökonomischen Mitteln ihren Einfluss in Syrien ausbauen – und daran verdienen.Auf die Wirtschaft konzentrieren sich gleichfalls die syrischen Erwartungen. «Ich hoffe vor allem auf neue Investitionen», sagte der syrische Parlamentarier Annas al-Abdah wenige Stunden vor Macrons Ankunft am Montag. Abdah führte einst die syrische Nationalkoalition im Exil, ein gegen Asad gerichtetes Oppositionsbündnis. Heute ist der 59-Jährige eng vernetzt mit dem syrischen Präsidenten. «Der Besuch eines einflussreichen europäischen Anführers ist äusserst wichtig, um das Vertrauen in Syrien zu stärken.» Die Explosionen in Damaskus dürften allerdings den gegenteiligen Effekt haben.Schon am vergangenen Donnerstag hatte ein Bombenangriff im Zentrum der syrischen Hauptstadt das Land erschüttert. Neun Menschen wurden bei einer Explosion in einem Café in der Nähe des Justizpalastes getötet. Während Syriens Präsident seine Macht im Land ausbaut und vor einem halben Jahr auch den Nordosten des Landes unter die Kontrolle der Zentralregierung gebracht hatte, hat sich die Sicherheitslage in der jüngsten Vergangenheit verschlechtert.Der Bombenangriff am Dienstag war der neunte seit Anfang Mai in Damaskus. Unter anderem der sogenannte Islamische Staat (IS) hatte wegen Sharaas Anlehnung an den Westen zum Kampf gegen die Regierung aufgerufen.Emmanuel Macron setzte seine Visite in der syrischen Hauptstadt trotzdem wie geplant fort. «Nichts wird das Streben der Syrerinnen und Syrer nach einem vollständig souveränen, sicheren, pluralistischen und geeinten Syrien behindern können», teilte der französische Präsident nach den Explosionen und einem Besuch im syrischen Präsidentenpalast mit. Im Verlauf des Dienstags wird Macron beim Nato-Gipfel in Ankara erwartet. Sein Gastgeber begleitet ihn: Ahmed al-Sharaa hat ebenfalls eine Einladung zum Treffen der westlichen Militärallianz erhalten.Passend zum Artikel
Bombenangriff in der Nähe von Macrons Hotel in Damaskus
Für Ahmed al-Sharaa ist die erste Reise eines EU-Regierungschefs nach Syrien ein Coup. Macron erhofft sich, den französischen Einfluss in Nahost auszubauen.










