PfadnavigationHomeICONISTSchweizer TraditionWie das weltgrößte Jodler-Treffen Brücken zwischen Stadt und Land schlägtVon Jochen OverbeckStand: 11:30 UhrLesedauer: 6 MinutenGejodelt wird vom Leben in den Bergen, deren Schönheit oder der Schweiz an sichQuelle: Georgios Kefalas/KEYSTONE/dpaWeltkulturerbe und eine Tradition, die die Schweizer verbindet: Das Jodeln ist auch bei Jüngeren im Aufwind. Ein Besuch auf dem 32. eidgenössischen Jodlerfest zeigt: Es ist auch erstaunlich vielschichtig.Dann steht Chris Trummer mit dem Jodlerklub „Heimattreu“ auf der Bühne der Predigerkirche. Glockenläuten. Ruhe bitte! Die Stimmen schwellen an, langsam. „Bärgmorge“ heißt das Stück. Als drei Minuten später der letzte Ton verstummt ist, brandet frenetischer Applaus auf.Der Jodlerklub Heimattreu ist aus dem kanadischen Calgary angereist. Wenn man mit Jodler Trummer spricht, wird schnell klar, wie bewegend es für ihn ist, beim 32. Eidgenössischen Jodlerfest dabei zu sein. 12.000 Jodlerinnen und Jodler, Alphornbläser und Fahnenschwinger aus der ganzen Welt haben sich am letzten Juniwochenende in Basel getroffen, um urschweizerisches Brauchtum zu zelebrieren. „Unser Klub feiert in diesem Jahr sein 50. Jubiläum“, erzählt Trummer stolz. Er arbeitet als Feuerwehrmann. In seiner Freizeit pflegt er eine Tradition, die seine Eltern mitgebracht haben, als sie Anfang der 1970er-Jahre aus der Schweizer Stadt Aarau nach Kanada ausgewandert sind.Jodeln, dieser eigentümliche alpenländische Gesang, erlebt derzeit eine Renaissance. Es gibt Jodelkurse an Musikschulen und an Universitäten. Unter dem Hashtag #jodeln laden junge Interpreten auf TikTok Videos hoch. Jodeln, so heißt es, soll helfen, Stress abzubauen. In Deutschland hat das Jodeln ebenso Tradition wie in Österreich. Dabei gibt es zwischen den Alpenländern hörbare Unterschiede. So ist das Schweizer Jodeln eher getragen. Seit 2025 gehört es zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe.Das Jodler-Treffen in Basel ist das weltweit größte Festival dieser Art. Rund 200.000 Besucher tummeln sich im „Jodlerdorf“ und auf dem „Jodlerberg“, den Festmeilen in der Altstadt. Die Rekordtemperaturen von knapp 40 Grad tun der Stimmung keinen Abbruch. An diesem Wochenende kühlen sich die angereisten Appenzeller und Walliser gemeinsam mit den Einheimischen im Rhein und in den vielen Brunnen. So kommt zusammen, was zusammenkommen soll. Jodeln, so steht es im Programmheft, schafft Räume der Begegnung. Offizieller Slogan: „Stadt und Land mitenand“. Das ist in der Schweiz keine Phrase. Tatsächlich ist der Graben zwischen den modernen urbanen Zentren und den tendenziell konservativen ländlichen Regionen so tief, dass bei Volksabstimmungen notwendige Kompromisse blockiert werden.Das Fest ist also eine ernste Angelegenheit. In der ganzen Stadt treten Ensembles und Einzeljodler auf, um nach den vom Eidgenössischen Jodlerverband (EJV) festgelegten Kriterien bewertet zu werden: nach Tongebung und Aussprache, Rhythmik und Dynamik sowie harmonischer Reinheit. Im Abstand von exakt zehn Minuten betreten die Teilnehmer die Bühne. Der Zuschauer lernt rasch: Jodeln ist so vielfältig wie die Interpreten oder das vorgetragene Werk. Wenn da vier Jodler die „Abezyt“ – die Abendzeit – besingen und dabei ihre Stimmen in- und auseinanderfließen, ist das melancholisch wie ein finnischer Tango. Wenn hingegen ein gewisser Rex Romero aus Wädenswil den „Lippschä Jüüzli“ intoniert, einen traditionellen Jodelgesang aus dem abgelegenen Muotathal, mutet das in seiner Dissonanz beinahe archaisch an. Der Sitznachbar im Auditorium lehnt sich rüber und raunt: „Eigentlich ist es unmöglich, einzuschätzen, wie das war, wenn du nicht selbst aus dem Muotathal kommst.“Die Musik sollte ein Stück Heimat zurückgebenJodeln ist eine Vokaltechnik, bei der schnell zwischen Brust- und Kopfstimme gewechselt wird. Dieser Registerwechsel erzeugt den charakteristischen, sprungartigen Klang. Dabei erklingen typische Silbenketten wie „Jo-lo-i-ti“. Eine tiefere sprachliche Bedeutung haben sie nicht. Die Schweizer jodeln vorwiegend auf O und U. Ursprünglich diente das Jodeln Hirten und Bergbauern, um sich über Entfernungen zu verständigen. Aus dieser funktionalen Praxis entwickelte sich eine musikalische Form. Die ältesten Jodellieder stammen aus dem 19. Jahrhundert. Gesungen wurden sie vor allem in den Städten: Arbeiter, die aus den ärmlichen Bergtälern nach Basel, Bern oder Zürich gezogen waren, gründeten im frühen 20. Jahrhundert die ersten Jodelklubs und -verbände. Die Musik sollte ihnen ein Stück Heimat zurückgeben. So entstand ein bis heute genutztes Repertoire an gejodelten Liebeserklärungen an die Schönheit der Alpen und die unberührte Natur der Schweiz an sich.Lesen Sie auch„In Basel hatten wir noch in den 1980er-Jahren 16 Jodelklubs“, sagt Marianne Smug, 80. „Oft ging das nach Arbeitgebern oder Berufsgruppen.“ Die Milchmänner hatten einen eigenen Verein, die Verkehrsbetriebe ebenfalls. Marianne Smug ist eine feste Größe in der Schweizer Jodelszene. 40 Jahre lang war sie in etlichen Unterverbands- und eidgenössischen Jodlerfesten als Jurorin und Organisatorin vertreten. Sie trete mittlerweile etwas kürzer, sagt sie. Ihre Mutter brachte ihr das Jodeln bei, als sie noch ein Kind war. „In der Küche beim Geschirrabtrocknen“, erinnert sie sich. Später machte sie eine Ausbildung am Konservatorium, leitete verschiedene Chöre. Ende der 1970er-Jahre war sie erstmals international unterwegs. „Zuerst mit dem Wysel Gyr, dem Ländlerpapst der Schweiz“, erzählt sie. Mit ihm ging es auf Japan-Tournee, ein Jahr später folgte eine Reise in die USA, dieses Mal im Rahmenprogramm des Schlagersängers Vico Torriani.Wie eine Prinzessin in der Tracht gefühltHeute leitet sie das 1942 gegründete 1. Frauenjodelchörli Basel, das ebenfalls beim Wettbewerb antritt. Besonders am Herzen liegt ihr die Nachwuchspflege. Im letzten Jahr hat sie den Basler Kinder-Jodelchor mit auf den Weg gebracht. Die 20 Mitglieder, von denen die meisten vorher keinerlei Berührung mit dem Jodeln hatten, begeisterten bei der Eröffnungsfeier. „Wir hoffen natürlich“, sagt Marianne Smug, „dass sie auch nach dem Jodlerfest zusammenhalten.“ Die Zeichen stehen gut. Wie eine Prinzessin, so sagt eines der Mädchen, habe sie sich in der Tracht gefühlt.Die aufwendig handbestickten traditionellen Kleidungsstücke sind ein zentraler Bestandteil der Jodler-Tradition. Zu den typischen Elementen beim Mann gehören das „Edelweißhemd“ oder die „Chüejermutz“ genannte Jacke. Frauen tragen Mieder und reich verzierte Röcke. Auf den Köpfen thronen Hauben. Beim großen Jodlertreffen in Basel haben die Trachtenschneiderinnen Doris Rudin und Marianne Buser viel zu tun. In ihrem in einem Raum der Universität untergebrachten „Flickstübli“ werden Säume neu gefasst und Knöpfe angenäht. Viele, sagt Marianne Buser, würden ihr Gewand offenbar erst kurz vor dem Fest aus dem Schrank ziehen. Für einen Gang zum eigenen Schneider sei es dann zu spät. „Dabei wissen die doch schon seit Monaten, dass sie hierherkommen werden!“Am Sonntag geht es zum großen Festakt auf dem Marktplatz. Es wird noch einmal aus voller Kehle gejodelt – und noch einmal betont, wie wichtig Jodeln für die Einheit von Stadt und Land sei. Am Ende liegen auch die Ergebnislisten der Wettbewerbe vor. Rex Romero und die vier Jodler mit der „Abezyt“ bekommen jeweils eine Zwei. Und der Jodlerclub Heimattreu aus Calgary? „Keine Wertung“, lautet das Urteil der Jury. Der Herr auf dem Nachbarplatz hatte so etwas schon vermutet. Die Aussprache sei doch etwas eigen gewesen. Chris Trummer und seine „Heimattreu“-Kameraden hatten trotzdem Spaß. Dabeisein ist alles. „Hollodiri!“
Jodlerfest Basel: Wie das weltgrößte Jodler-Treffen Brücken zwischen Stadt und Land schlägt - WELT
Weltkulturerbe und eine Tradition, die die Schweizer verbindet: Das Jodeln ist auch bei Jüngeren im Aufwind. Ein Besuch auf dem 32. eidgenössischen Jodlerfest zeigt: Es ist auch erstaunlich vielschichtig.








