In diesem Sommer wird der kleine Ort Ernen im Wallis wieder zur kulturellen Begegnungsstätte. Das junge Klaviertrio Gaspard gestaltet dort sechs Konzerte an drei Tagen und findet einen besonderen Draht zum Publikum.Dorothea Walchshäusl03.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOhne Instrumente sieht man besser, aber es klingt nicht halb so gut: Die Cellistin Vashti Hunter, der Pianist Nicholas Rimmer und der Geiger Jonian Ilias Kardesha bilden das Trio Gaspard.Andrej Grilc / Trio GaspardMöglichst abgeschieden sollte er sein, jener Ort, den der ungarische Pianist und Musikpädagoge György Sebök vor gut 50 Jahren für seine Meisterkurse suchte. Eine Enklave, weit weg vom Lärm der Städte und dem Rummel der grossen Bühnen, um mit talentierten jungen Musikern möglichst konzentriert arbeiten zu können. Inmitten der Bergwelt des Goms im Wallis fand Sebök einen solchen Ort: in Ernen. Ein paar dunkle Holzhäuser nur, der Turm der kleinen St.-Georgs-Kirche ragt spitz in den Himmel, dahinter breitet sich die raue Kulisse der Berge aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den Meisterkursen ist es freilich nicht lange geblieben. Aus den Talentschmieden von einst entstand das Festival «Musikdorf Ernen», das längst ein Publikum weit über den Kanton hinaus anzieht. Von dieser Saison an steht es neu unter der Leitung des Kontrabassisten und Musikwissenschafters Jonathan Inniger. Unverändert aber gilt: Wer nach Ernen reist, um die Hochkultur zu erleben, sucht die künstlerische Fokussierung und die persönliche Begegnung gleichermassen. Denn die Wege sind kurz hier in Ernen, Backstage-Bereiche gibt es nicht, stattdessen teilen Künstler und Zuhörer Musik und Raum.Künstlerisches GedankenlesenAn diesem Wochenende trifft man in Ernen die drei Musiker des Trios Gaspard. Der griechisch-albanische Geiger Jonian Ilias Kardesha, die britische Cellistin Vashti Hunter und der deutsch-britische Pianist Nicholas Rimmer sind ein junges, aber bereits international gefragtes Ensemble – und ziemlich furchtlos sind sie auch. Denn zusammen werden sie nicht weniger als sechs Konzerte an drei Tagen spielen. Ein derartiger Konzertmarathon ist Wagnis und Chance zugleich, er verändert das Musizieren ebenso wie das Zuhören.«Erst einmal erfordert das eine andere Vorbereitung, weil es derart viel Repertoire ist. Aber wenn es so weit ist, gerät man im schönsten Fall in einen Flow und hat gar nicht erst die Zeit, um nervös zu werden, sagt Vashti Hunter. Zudem entstehe eine besondere Bindung zwischen den Hörern und den Musikern: «Ernen ist so ein kleines Dorf. Man kann dort wirklich eine Beziehung zum Publikum aufbauen, trifft die Zuhörer in den Pausen, trinkt mit ihnen Kaffee neben der Kirche. Das ist sehr inspirierend.»Schon seit 16 Jahren musizieren Hunter, Kardesha und Rimmer im Trio, längst verbindet sie eine enge Freundschaft und ein starkes Vertrauen zueinander. Die Freiheit, die daraus erwächst, ist für Hunter und ihre Kollegen die Basis ihrer künstlerischen Zusammenarbeit: «Dadurch wird eine sehr grosse Flexibilität auf der Bühne möglich. Das lieben wir – diese Idee, dass wir auf die Bühne gehen können und spontan schauen, was passiert. Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass wir fast schon Gedanken lesen können», sagt Hunter.Erlebt man das Trio im Konzert, ist diese Verbindung spürbar. Mit auffallend transparentem Klang und emotionaler Präsenz begeben sich die drei förmlich in die Musik hinein, scheinen mit ihren Instrumenten zu singen und zu debattieren und gelegentlich auch zu scherzen. Ein Mentor für das Trio war der Bratschist und Gründer des Alban-Berg-Quartetts, Hatto Beyerle, der die Musiker nicht nur zusammengebracht, sondern auch musikalisch entscheidend geprägt hat. Für Hunter hat die Begegnung mit ihm nicht weniger als «unser Leben verändert».Hatto Beyerle habe sie ebenso dazu ermutigt, dem Instinkt zu vertrauen, wie er ihnen ein tiefes Verständnis für musikalische Rhetorik vermittelt habe. «Es ging ihm immer um die Klarheit – die Musik sollte klar strukturiert und verständlich sein für das Publikum.» Das sei bis heute ihr Anspruch. Dennoch ist für die Trio-Musiker keineswegs die absolute Verschmelzung der Instrumente das Ziel. Der Reiz sei vielmehr, so Hunter, die «Vielfalt in der Einheit zu stärken und weiterhin wie drei individuelle Stimmen zu klingen, die über einen dialogischen Prozess zueinanderfinden».Folgerichtig pflegt jeder der drei neben der Arbeit im Trio eine solistische Karriere, unterrichtet und spielt in anderen Formationen. Damit unterscheidet sich das Trio von vielen vergleichbaren Ensembles. «Ausschliesslich im Trio zu spielen, würde uns ermüden», sagt Hunter. «Stattdessen schätzen wir es, diese Impulse von aussen zu haben, die wir dann in unser Triospiel hereinbringen.»Eine Box voller SchätzeDerzeit befindet sich die Formation mitten in einer intensiven Auseinandersetzung mit Joseph Haydn, dessen Klaviertrios – es sind knapp fünfzig – sie komplett einspielen möchten. Für Hunter strahlt Haydns Musik grosse Natürlichkeit, Freude und Klarheit aus. Doch bei aller Strukturiertheit gebe es immer wieder diese unerwarteten Wendungen und Stellen, bei denen man angesichts der genialen Einfälle nur staunen könne. «Haydns Musik gleicht einer Box voller Schätze, und selbst nachdem wir schon sehr viel von ihm gespielt haben, gibt es für uns bis heute Momente, in denen wir von Haydn überrascht werden und einfach laut loslachen müssen.»Auch in Ernen werden die Musiker ein Klaviertrio von Haydn aufführen, ausserdem bekannte Grosswerke von Beethoven oder Schumann. Darüber hinaus aber finden sich etliche unbekannte Stücke auf den Programmen, die symptomatisch sind für die Offenheit und Neugier des Trios. Darunter etwa die «Suite orientale» der französischen Komponistin Mel Bonis. Oder «D’un soir triste – D’un matin de printemps» von Lili Boulanger, «Trance» von Sally Beamish und nicht zuletzt die Uraufführung «Hide in Trio» von Giovanni Sollima.«Wir lieben es, neue Stücke zu entdecken, und finden es sehr schade, wenn sich das Trio-Repertoire immer nur auf die grossen Werke beschränkt, die jeder kennt», sagt Hunter. Schliesslich gebe es viele unentdeckte Stücke, die es zu bergen gelte; ausserdem möchte das Trio selbst das Repertoire erweitern und vergibt deshalb regelmässig Auftragskompositionen. Dabei machen die drei regelmässig eine spannende Erfahrung: «Oft sagen die Zuhörer nach einem Abend mit klassischem und mit ungewöhnlicherem Repertoire: ‹Das zeitgenössische Werk – das war mein liebstes Stück.›»Passend zum Artikel