„Was für eine Hitze! Heute scheint die Sonne doppelt so heiß“, singt Cefalo und spricht dem Publikum aus der Seele. „Zeffiretto, lieber Windgeist, komm und kühle mich ein bisschen ab“, heißt es weiter, und siehe, der Rhythmus beginnt zu hüpfen, die Blockflöten blasen sanft, ein musikalisches Lüftchen weht, das die Hitze in der Pflanzenhalle des Orangerieschlosses von Sanssouci für kurze Zeit herunterkühlt. Noch zärtlicher wird es: „Nicht mehr lange, mein Lieber. Bald kühle ich deine verschwitzte Haut“, singt Procride, „und dann küsse ich dir die Hitze von den Lippen.“ So klingt eine Trostlyrik des Klimawandels, verfasst vor dreihundert Jahren, gewitzt übersetzt von Michiel Dijkema, dem Regisseur der Potsdamer Aufführung.Derweil sitzen die Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin in Schafspelze gehüllt auf ihren Plätzen: mal als Kopfbedeckung mit eindrucksvollem Gehörn, mal als mantelartiger Überwurf. Die beiden Oboisten hat es besonders hart getroffen. Zur Belohnung für szenische Auftritte stecken sie fast schon im Ganzkörper-Schafanzug. Als Betrachter tröstet man sich in die mitleidige Hoffnung, dass Wolle bestimmt auch dämmende Wirkung haben kann.Barockes Welttheater: Yuriy Mynenko (links) und Chloë Morgan in „Cefalo e Procride“Stefan Gloede/Musikfestspiele Potsdam SanssouciMichiel Dijkema als Regisseur und Bühnenbildner ist gemeinsam mit Jula Reindell, die sich die Kostüme ausgedacht hat, jedenfalls entschlossen, den pastoralen Charakter von Giovanni Bononcinis „Cefalo e Procride“ möglichst realitätsnah auf die Bühne zu bringen. Da gibt es ein kompostierbares Bühnenbild gleich mit, bestehend aus Naturrasen, der den schmalen Laufsteg rund um das Instrumentalensemble herum bedeckt. Neben dem Hör- und Sehsinn wird mit zunehmender Dauer der Vorstellung auch der Geruchssinn adressiert: Wenn schon nicht nach Schafsmist, riecht es doch ganz pflanzenhallenhaft nach feucht ausdünstendem Gras. Wenn das mal nicht barockes Sinnentheater ist!Wieder einmal wird bei den Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci eine Barockoper aus der Versenkung geholt, die für den preußischen Hof komponiert wurde. Nicht allzu glücklich war die Welfenprinzessin Sophie Charlotte, als sie als Frau des brandenburgischen Kurfürsten und späteren ersten preußischen Königs Friedrich I. nach Potsdam kam. Der Hof schien der französisch erzogenen, kunstinteressierten Prinzessin wenig kultiviert, sie musste sich helfen und ließ mit Schloss Lietzenburg, dem heutigen Charlottenburg, ein eigenes Reich erbauen. Hierher lud sie Denker wie Gottfried Wilhelm Leibniz ein, ließ ein kleines Holzopernhaus errichten und schaffte es 1702, mit Giovanni Bononcini einen der angesagtesten Opernkomponisten der Zeit zu verpflichten – vom Wiener Kaiserhof weg, wo der aus Modena stammende Italiener als Hofkomponist tätig gewesen war.Königin Sophie Charlotte von Preußen bekam eine PastoraleFür Sophie Charlotte schrieb Bononcini ein Pastoralstück über das Menschenpaar Procride und Cefalo – die Geschichte wird auch in Ovids „Metamorphosen“ erwähnt –, das durch die Leidenschaft einer Göttin auseinandergetrieben wird. Aurora, die Göttin der Morgenröte, drängt sich zwischen die Liebenden, entführt Cefalo und stiftet ihn an, die trauernde Procride in verwandelter Gestalt zu verführen. Wie die Agentin einer modernen Trollfabrik geht Aurora vor: Fake News verbreiten, Misstrauen säen, bis niemand mehr weiß, wo oben und unten, rechts und links ist.„Licht“ lautet in diesem Jahr das Motto des Potsdamer Musikfestivals, in Auroras Fall bringt der Morgen ein Zwielicht der Verwirrung. Entsprechend spielt und singt Chloë Morgan dann auch diese eifernde Göttin, mit eisigem Sopran und säuerlicher Mimik. Die Sympathien verteilen sich klar in diesem Stück, vielleicht ein bisschen zu klar: Procride ist die arme Gute, deren Verzweiflung Jiayu Jin anrührenden Ausdruck gibt. Verletzlichkeit und Widerstandskraft verbinden sich in ihrer Darstellung, Feinheit und Beweglichkeit ihrer Stimme sind abgesichert von einem stabilen Atemfundament.Yuriy Mynenko singt den CefaloYuriy Mynenko als Cefalo tritt mit seinem warmen, gleichwohl für jede Leidenschaftsäußerung offenen Countertenor in den Klagewettbewerb mit ein. Die Akademie für Alte Musik Berlin, angeleitet von Konzertmeister Bernhard Forck, meist aber ein kammermusikalisches Spiel ensemblehafter Gleichberechtigung pflegend, zeichnet Bononcinis südländische Melodienseligkeit mit Freuden nach, lässt auch die Rhythmen ordentlich krachen, wenn Aurora wieder einmal die Gäule ihrer Eifersucht durchgehen, bleibt aber nicht unbeschadet von der Gefahr der Eintönigkeit.Wie man ein ausgedehntes Werk musikalisch gliedert, ihm Kontur gibt, dem Hörer frische Reize verschafft, das führt Dorothee Oberlinger, die Intendantin des Festivals, Tage später persönlich vor mit ihrem Ensemble 1700. Bietet das Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ die bessere Musik? Wohl auch. Frappierend jedenfalls, was dem gerade einmal 22 Jahre alten Georg Friedrich Händel an unmittelbar sprechender, bildkräftiger Musik eingefallen ist.Als Allerheiligstes: „Lascia la spina“, das in der Oper „Rinaldo“ als „Lascia ch’io pianga“ weiter Karriere machen wird. Francesca Lombardi Mazzulli als Piacere, das personifizierte Vergnügen, lässt dieser unsterblichen Musik die ganze Zartheit ihres Singens zukommen, Oberlinger und ihre Musiker geben sich die nötige Zeit, ohne ins Zelebrieren zu verfallen. Überhaupt nimmt stark für sich ein, wie das Ensemble herzvolles Spiel und klare Zeichnung zusammenbringt. In der Schärfung der Artikulation tut sich für Oberlinger ein Mittel auf, die Zuhörer zu immer neuem Ohrenspitzen zu verleiten.Die Bedingungen sind denkbar hart, tagsüber wurde in Potsdam ein neuer Hitzerekord gemessen, die klimatischen Bedingungen in der Erlöserkirche unweit des Parks von Sanssouci tendieren bald zu jenen einer Dampfsauna. Nahezu unberührt davon die Ausführenden: Johanna Wallroth als glanzreiche, jeder stimmlichen Härte bare Bellezza, der Countertenor Alois Mühlbacher als gestrenger Disinganno (die „Ent-Täuschung“), der im Laufe des Abends zunehmend die sympathischen Seiten der Vernunft vertreten darf, der Tenor Daniel Behle mit einer hintersinnigen Darstellung der personifizierten Zeit.Das musikalische Niveau dieser Darbietung wird vom nassgeschwitzten Publikum mit Ovationen gefeiert: ein Beispiel für die weiter steigende Exzellenz der Potsdamer Musikfestspiele unter Oberlingers Leitung. Mit dem Freiburger Barockorchester, dem Ensemble Il Pomo d’Oro und dem Helsinki Baroque Orchestra traten maßgebende Ensembles der Alte-Musik-Szene auf, mit Andreas Scholl, Christine Schornsheim und Kit Armstrong bekannte Namen. Potsdam mausert sich zu einem der führenden Barockmusik-Festivals.
Exzellent: Bononcini und Händel bei Musikfestspielen Potsdam
Oboisten im Schafspelz und der Duft von Gras: Die Musikfestspiele Potsdam trotzen der Hitze und bieten mit Händel und Bononcini barockes Sinnentheater höchster Exzellenz.









