Um markige Worte ist der niederländische Generalsekretär Mark Rutte, der zum Auftakt des Nato-Gipfels in Ankara am Dienstagmorgen ein Industrieforum eröffnet, selten verlegen. Schon bei einem Berlin-Besuch in der Vorwoche hatte er klare Worte an die Rüstungsindustrie gerichtet. „Liefert schnell, was wir brauchen“, sagte er da, „denn Abschreckung wird genauso sehr in Fabriken gebaut wie von unseren Streitkräften ausgestrahlt.“Ein zentrales Ziel des Gipfels ist es, die vor einem Jahr in Den Haag beschlossenen Zusatzausgaben für das Militärische auch in einsatzbereite Waffensysteme umzuwandeln. Aus „money“ müssten schnell „missiles“, also aus Geld Geschosse werden, sagte der Nato-Chef am Vorabend des Treffens der 32 Staats- und Regierungschefs samt ihrer Außen- und Verteidigungsminister. Dafür brauche es eine „viel stärkere industrielle Basis“.So viel Geld war noch nie dafür da. Fünf Prozent der Wirtschaftsleistung – 3,5 für klassische Militärausgaben, 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Infrastruktur, Zivilschutz oder Geheimdienste – will die Allianz bis 2035 investieren. Nur ein Jahr nach dem Haager Beschluss ist man Nato-Kreisen zufolge schon bei vier Prozent angelangt. 2025 und 2026, sagte Rutte, steigerten Europäer und Kanadier ihre Ausgaben um 258 Milliarden US-Dollar, umgerechnet 225 Milliarden Euro. Deutschland erwähnte er in diesem Zusammenhang besonders.Die Nato bringt Wirtschaft und Militär zusammen, damit beide Seiten wissen, was die andere braucht.Ein Nato-Diplomat vor dem Gipfel in AnkaraIm Haushaltsentwurf für 2027, den das Kabinett am Montag verabschiedet hat, zeigt sich, dass es wegen der sogenannten „Bereichsausnahme“ von der Schuldenbremse kein echtes Limit nach oben mehr gibt. Mit 109,7 Milliarden Euro soll sich der Wehretat im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppeln und erstmals in der bundesrepublikanischen Geschichte die Hundert-Milliarden-Marke knacken.610,2Milliarden Euro sieht der Bund von 2027 bis 2030 im Verteidigungshaushalt vor.Und der Anstieg soll weitergehen. Um weitere, bereits ins Auge gefasste Waffensysteme und den geplanten Stellenzuwachs bei der Bundeswehr zu bezahlen, soll der Etat 2028 auf, 153,9, im Jahr danach auf 162,9 und 2030 schließlich auf sage und schreibe 183,7 Milliarden Euro anwachsen.Ein Teil des Geldes wird an diesem Dienstag in Ankara bereits verplant – beim dritten Industrieforum der Nato. In militärischer Präzision ist für 11.07 Uhr eine Initiative zur besseren Versorgung mit kritischen seltenen Erden angekündigt. Um 11.15 Uhr geht es um Drohnen. Es gibt sechs „Sessions“ hinter verschlossenen Türen.„Die Nato bringt Wirtschaft und Militär zusammen, damit beide Seiten wissen, was die andere braucht“, sagt ein Nato-Diplomat. Es geht um bestimmte militärische Anforderungen, aber auch um politische Hürden, die dem gewünschten Tempo entgegenstehen. Gesetze mache das Bündnis freilich keine, sagt der Diplomat weiter: „Beim Bürokratieabbau für schnellere Vergabeverfahren kann die Allianz nur Empfehlungen aussprechen.“Genutzt wird das Forum auch als Bühne. „Wir werden Verträge im Wert von zig Milliarden ankündigen“, sagte Rutte schon am Vorabend, als noch gar nicht klar war, dass Kanada sich für den milliardenschweren Kauf deutscher U-Boote entscheiden würde. Im Laufe des Tages folgen Dutzende solcher Ankündigungen über fast alle Waffensysteme hinweg. Mit dem „Wir“ gemeint sind Rüstungsschmieden und Regierungen, Konzerne und Kooperationsverbünde, die gemeinsam neue Anschaffungen anpeilen – und die Nato selbst.Schon bevor der Generalsekretär am Dienstagvormittag auf dem Industrieforum ans Mikrofon tritt, ist bekannt geworden, was es mit dem angekündigten „big reveal“, der „großen Enthüllung“, auf sich hat: Die Nato ersetzt ihre Flotte von zuletzt 14 Awacs-Aufklärungsflugzeugen mit der markanten Radarschüssel auf dem Rumpf. Der Großauftrag geht an ein kanadisch-schwedisches Konsortium der Hersteller Bombardier und Saab. Das Foto zeigt ein Awacs-Aufklärungsflugzeug der Nato beim Start in Geilenkirchen bei Aachen – nun soll die Flotte ersetzt werden.. © dpa/Christoph Reichwein Deutschland wird sich bei der Anschaffung an den Kosten beteiligen. Für den Standort Geilenkirchen bei Aachen, wo die Awacs stationiert sind, ist es eine bedeutsame Zukunftsinvestition. U-Boot-Auftrag ist militärisch und wirtschaftlich bedeutsam Sehnsüchtiger noch erwartet haben die Regierung, die Thyssenkrupp-Tochter TKMS und deren Beschäftigte an den Werft-Standorten Kiel und Wismar die auf den Gipfel hin terminierte U-Boot-Entscheidung Kanadas. Kurz vor Abflug nach Ankara gab Premier Mark Carney bekannt, seine Marine gebe dem deutsch-norwegischen Angebot für den Bau von zwölf U-Booten den Vorzug gegenüber dem eines südkoreanischen Anbieters.Dass sich noch am späten Montagabend Kanzler Friedrich Merz, Außenminister Johann Wadephul (beide CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) äußerten, unterstreicht nur, dass solche Erfolgsgeschichten zurzeit eher rar gesät sind. Zusammen mit den jeweils sechs Booten, die Deutschland und Norwegen für sich selbst in Auftrag gegeben haben, entsteht eine interoperable Flotte für die Arktis und den Nordatlantik, was nicht nur wegen des allianzinternen Grönland-Streits, sondern auch wegen russischer Aktivitäten immer wichtiger wird.Die wirtschaftliche Bedeutung ist enorm – auch ohne offizielle Angaben dazu. Schon der Verkauf selbst soll mit dem zugehörigen Service Berichten zufolge bis zu 20 Milliarden Euro einbringen. Teil des Vertrages, über den in den kommenden Monaten noch detailliert verhandelt werden muss, ist auch die anschließende Wartung über den gesamten Lebenszyklus der Boote hinweg. Dies könnten weitere 40 Milliarden Euro sein.Zu einem Zeitpunkt, da die Kosten der Aufrüstung voll zu Buche schlagen und in Ankara Investitionen in die militärische Weltraumsicherheit sowie die europäische Entwicklung neuer Abstandswaffen angekündigt werden, ist es der Regierung willkommen, dass das Geld sichtbar heimische Arbeitsplätze sichert. „Das kann ein richtiger Boost für die deutsche Industrie werden“, sagt ein Nato-Diplomat in Ankara: „Sie wird nicht nur von den Rüstungsausgaben der Bundesregierung profitieren, sondern auch von Großaufträgen der Verbündeten.“Die Herstellung der vollständigen Verteidigungsfähigkeit bis 2029 führt zu Begehrlichkeiten – auch in der Verteidigungsindustrie –, die sich leider immer häufiger in einer Rüstungsinflation niederschlägt.Andreas Mattfeldt, CDU-VerteidigungshaushaltsexperteNicht nur Freude, sondern auch „große Sorge“ empfindet dagegen CDU-Haushaltspolitiker Andreas Mattfeldt angesichts des vielen Geldes, weil es in der Rüstungsindustrie zu „Begehrlichkeiten“ geführt habe, „die sich leider immer häufiger in einer Rüstungsinflation niederschlägt“. Es sei notwendig, „die Balance zwischen der sicherheitspolitisch gebotenen Dringlichkeit der Beschaffung und der Goldgräberstimmung zu wahren“.Seinem Grünen-Kollegen Sebastian Schäfer begegnen im Ausschuss ebenfalls „horrende Preissteigerungen, selbst bei relativ trivialen Produkten wie Tankcontainern, Sattelschleppern und IT-Komponenten“. Zuletzt habe sogar schon Pistorius’ parlamentarischer Staatssekretär das Wort „Rüstungsinflation“ in den Mund genommen.Man prüfe daher sorgfältig und kritisch, sagt Mattfeldt: „Beschafft werden darf nur, was erforderlich und preislich angemessen ist.“ Er will, um selbst mehr direkt in Augenschein zu nehmen, das Verfahren ändern, „weg von Hochglanzfolien und hin zu praxis- und wettbewerbsorientierter Marktsichtung durch Vorführung“. Trotz oder gerade wegen der Ausnahme von der Schuldenbremse brauche es einen „effizienten Einsatz mit den Steuergeldern. Andernfalls verspielen wir das Vertrauen der Steuerzahler.“Oppositionsmann Schäfer sieht die Regierung auf bestem Weg dorthin. Er habe den Eindruck, dass das Verteidigungsressort, „schlicht nicht mehr nach Dringlichkeit priorisiert, sondern großflächig versucht, möglichst viele Beschaffungsvorlagen durch die Bereichsausnahme einzubringen“. Hohe Mehrkosten beim Digitalfunk oder ein teurer Projektstopp beim Schiffsbau kämen hinzu. Für Schäfer ist das „keineswegs nachhaltig“.