Taumelt die Welt in einen dritten Weltkrieg? – Odd Arne Westad vergleicht die Welt von heute mit der von 1914Ein Pulverfass, das zu explodieren droht: Die Welt ist unberechenbar geworden, globale Kriege gehören zum Alltag. Der Historiker Odd Arne Westad sucht nach historischen Analogien.Florian Keisinger07.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKrieg tötet Menschen und verödet Landschaften: Über der Strasse einer Ortschaft in Donbass schützt ein Anti-Drohnen-Netz vor Angriffen russischer Drohnen.minic Nahr / NZZ«Die Welt von heute ist mindestens so chaotisch wie die vor dem Ersten Weltkrieg. Und es spricht wenig dafür, dass unsere Entscheidungsträger besser sind als die vor 1914»: Zu diesem ernüchternden Résumé gelangt Odd Arne Westad, Historiker an der London School of Economics und ausgewiesener Kenner der Geschichte des Kalten Krieges, gegen Ende seines neuen Buches.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Band ist ein konziser Essay darüber, inwiefern die Gegenwart stark an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erinnert, wenngleich das einstige europäische «Konzert der Mächte», bestehend aus Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland, mittlerweile im globalen Massstab gedacht werden muss. Zudem steht das politische Weltgeschehen heute unter veränderten Rahmenbedingungen, etwa was die technologischen Möglichkeiten der Kriegsführung und der Kommunikation anbelangt.Das ist gedanklich ebenso reizvoll wie eingängig und wirkt als historische Analogie zunächst so plausibel, dass man sich dabei ertappt, Westad intuitiv in fast allen Punkten zustimmen zu wollen. Bis einen dann doch Zweifel beschleichen. Denn Seite um Seite zeigt sich: Was Westad beschreibt, sind grossenteils Allerweltserkenntnisse, die man an anderer Stelle schon gelesen hat, wenngleich nicht so geschickt verpackt und angeordnet: Die alte Ordnung des Kalten Krieges ist vorüber, wir bewegen uns in Richtung einer multipolaren Welt, und ja, auch das Risiko militärischer Auseinandersetzungen steigt, nicht nur in den Peripherien, sondern auch in den machtpolitischen Zentren.Dazu kommt, dass Westad kaum Zeit darauf verwendet, auf Schattierungen oder Abweichungen einzugehen, wenn er seine historische Vergleichsschablone entwirft. Sollte es ihm beim Schreiben des Buches primär darum gegangen sein, die Gesellschaften und Entscheidungsträger aufzurütteln und ihnen vor Augen zu führen, wie ernst die weltpolitische Lage ist und dass wir dringend wieder strategische Ordnung in die internationale Politik bringen müssen, dann erfüllt das Buch seinen Zweck. Als fundierter Vergleich zwischen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und der Gegenwart taugt es nur bedingt.Xi Jinping und Wilhelm II.Weltpolitik wird für Westad heute vor allem von den Vereinigten Staaten und China bestimmt. Hinzu kommen Russland, Indien und Europa, wobei die EU aufgrund ihrer besonderen Struktur als loser Staatenverbund sowie erheblicher militärischer Defizite ihre Rolle in den kommenden Jahren erst noch finden muss – mit offenem Ausgang.Die Punkte einer Anknüpfung an die Welt von vor über hundert Jahren sind für Westad vielgestaltig: Das heutige Wiedererstarken von Populismus und Nationalismus erinnert ihn, naheliegenderweise, an die nationalen Rivalitäten des ausgehenden 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. Hinzu kommt, dass sich mit Grossbritannien die damals dominierende Macht ökonomisch, politisch und militärisch im Niedergang begriffen sah, herausgefordert von einem wirtschaftlich prosperierenden und global ambitionierten Deutschen Reich.Der Brückenschlag zur heutigen amerikanisch-chinesischen Rivalität liegt auf der Hand. Das kommunistische China und das wilhelminische Deutschland verbindet aus Westads Sicht eine Mischung aus expansiver Wirtschaftspolitik und autoritärem Dirigismus im Inneren. Weiter verweist Westad auf regionale Konfliktfelder wie den Balkan oder Elsass-Lothringen, denen er heutige Krisenherde gegenüberstellt, von Taiwan über Nordkorea und den Himalaja bis zum Nahen Osten und zur Ukraine. In allen Fällen stiess beziehungsweise stösst das ordnungspolitische Potenzial der Grossmächte an seine Grenzen. Was dazu führt, dass damals wie heute dieselbe Frage im Raum steht: «Ist Krieg in Sicht?»Auch der Zustand des Welthandels liefert für Westad Anknüpfungspunkte: Ähnlich wie die heutige Maga-Politik der Vereinigten Staaten versuchten konservative Kräfte in London um 1900, ihre ökonomische Vormachtstellung durch handelspolitische Barrieren zu sichern. Schon damals blieben die Erfolge einer solchen Politik überschaubar. Stattdessen trug sie dazu bei, politische Spannungen weiter zu verschärfen.Wie die Staaten heute reagierten auch die europäischen Grossmächte um 1900 auf das wachsende Bedrohungsgefühl mit höheren Wehretats und verstärkten Rüstungsanstrengungen. Während die Investitionen zurzeit vor allem in autonome Systeme, Flugabwehr und domänenübergreifende Vernetzung bis hin zum Weltraum fliessen, stand damals der Ausbau der Marine im Vordergrund.Die Kriege der ZukunftWestad formuliert auch konkrete Hinweise an die Politik, wie sich ein neuer grosser Krieg verhindern liesse. Dazu gehört die Erkenntnis, dass glaubwürdige Abschreckung funktioniert. Wer mit einem massiven Gegenschlag rechnen muss, wird sich den Angriff zweimal überlegen; ein Risiko, das Putin im Februar 2022 zumindest von europäischer Seite kaum einkalkulieren musste. Weiter betont Westad die Bedeutung von Verteidigungsbündnissen, allen voran der Nato. Ebenso wichtig seien schnelle Kommunikationskanäle zwischen den globalen Entscheidungsträgern, um unkontrollierte Eskalationsdynamiken wie im Sommer 1914 zu verhindern.So wichtig historische Vergleiche sind, sie stossen an Grenzen. Geschichte kann Einsichten in Entwicklungen liefern und damit Lehren für die Gegenwart ermöglichen. Direkte Parallelen liefert sie nicht. Xi Jinping ist nicht Wilhelm II., und die ostelbischen Junker des Kaiserreichs sind nicht die Funktionselite der Kommunistischen Partei Chinas, auch wenn Westad solche Analogien nahelegt.Hinzu kommt, dass Westad einen zentralen Aspekt weitgehend ausblendet: den Erfahrungsraum und Erwartungshorizont der Zeitgenossen. Als man im August 1914 in den Krieg zog, geschah dies in der Überzeugung, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Das entsprach den europäischen Erfahrungen des 19. Jahrhunderts, in dem Krieg trotz seinen Grausamkeiten weithin als ein ebenso legitimes wie ordnungsstiftendes Mittel der Politik galt.Von einer solchen Sichtweise ist die westliche Welt nach zwei Weltkriegen weit entfernt. Moderne Kriege werden kaum mehr als ein gestaltendes Element internationaler Ordnung verstanden, sondern primär unter dem Gesichtspunkt ihrer Begrenzung und Einhegung gedacht. Spätestens seit der Entwicklung der Atombombe bestehen keine Illusionen mehr über die potenzielle Zerstörungskraft militärischer Konflikte; KI und autonome Waffensysteme dürften die Letalität künftiger Kriege weiter erhöhen.Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste grosse Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Dierlmann. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2026, 266 S., Fr. 39.90.Passend zum Artikel
Droht ein dritter Weltkrieg? Der Historiker Odd Arne Westad vergleich die Welt von heute mit 1914
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