PfadnavigationHomeGeschichteHistorikertag in Bonn„Wir sind längst im Krieg“Veröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 6 MinutenNeue Deutung auf dem Historikertag: Kaiser Wilhelm I. gab seinem Kanzler Otto von Bismarck tatsächlich Befehle (Gemälde von 1877)Quelle: picture alliance/Heritage Images/© Fine Art Images/Heritage ImagesAls Dänen unterhalb von „Ausländern“ rangierten: In Bonn traf sich die deutsche Geschichtswissenschaft zu ihrem zweijährlich stattfinden Kongress. Aktualität und Fragmentierung prägten eine der größten geisteswissenschaftlichen Tagungen Europas.Der Geschichtswissenschaft vorzuwerfen, sie sei gestrig (oder vorgestrig), klang noch nie sonderlich geistreich. Umgekehrt allerdings dürften sich viele der zum 55. Historikertag in Bonn versammelten rund 2500 Forscher sowie weitere Teilnehmer gewünscht haben, ihr Fach wäre zurzeit deutlich weniger aktuell. Doch das Motto „Dynamiken der Macht“ erwies sich aus ganz verschiedenen Blickwinkeln als geradezu bedrängend gegenwärtig.Zu den Topthemen des Kongresses gehörte die „Rückkehr der Großmachtpolitik“ seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Die Diskussion der fünf Fachleute auf dem Podium traf augenscheinlich den Nerv des Publikums: Einer der größten Hörsäle der Universität war überfüllt. Als ein Zuhörer fragte, ob der Begriff denn zeitgemäß wäre, weil er mit Kriegen verbunden sei, antwortete der Nürnberger Völkerrechtler Christoph Safferling trocken: „Wir sind längst im Krieg.“Lesen Sie auchSo klare Worte hatten jedoch eher Seltenheitswert auf dem Kongress, der alle zwei Jahre Wissenschaftler, Geschichtslehrer, Schüler und Gäste in einer deutschen Universitätsstadt versammelt und zu den größten geisteswissenschaftlichen Tagungen Europas zählt. Viele der mehr als 200 Vorträge ließen Bewusstsein für die Gegenwärtigkeit historischer Themen nur mit gutem Willen erkennen.Die Diskussion zum Antisemitismus zum Beispiel, vor der es Sorgen über mögliche Störungen durch Hamas-Sympathisanten gegeben hatte, fiel durch weitgehendes Ausblenden der Aktualität auf. Dass die Diskussionsleiterin Stefanie Middendorf (noch Jena, demnächst Berlin) den 7. Oktober 2023 und seine Folgen ausdrücklich ausklammerte, mochte man bei einem historischen Kongress noch verstehen – doch dass die dahinter stehenden anderen beiden „Elefanten im Raum“, der muslimische und der linke Antisemitismus, ebenso wenig zur Sprache kamen, sorgte für Unverständnis im dicht besetzten Saal.Lesen Sie auchEin geisteswissenschaftlicher Kongress in den 2020er-Jahren kommt nicht um die Modethemen Geschlechtergeschichte und Postkolonialismus herum. Wer bisher geglaubt hatte, auf den Schiffen der Royal Navy hätten ausschließlich Männer gedient, sah sich eines Besseren belehrt. Simon Karstens (Paris) führte aus, dass bis ins 19. Jahrhundert etwa ein Fünftel der Besatzungen weiblichen Geschlechts waren, ob nun als Passagierinnen oder Besatzungsmitglieder. Die Admiralität duldete die Arbeit von Frauen in Küchen sowie Krankenstationen, nicht zuletzt als Prostituierte und Wirtinnen in den langen Wochen auf Reede oder im Hafen. Es gibt sogar Beispiele, in denen Frauen im Kampf ihren Mann standen. Lesen Sie auchWichtigster Rohstoff jeder historischen Arbeit bleiben Archivalien. Doch wer eine „Geschichte der Migration“ schreiben wolle, müsse sich mit einem methodischen Problem auseinandersetzen, kritisierte Carolin Authaler (Bielefeld): „Staatliche Archive spiegeln die Perspektive der Dominanzgesellschaft“; die Sicht von Migranten und deren Opferstatus würden ausgeblendet. Nötig sei daher deren wohlwollende „Partizipation“. Gegen den Einwurf, so ein „innovativer und kreativer“ Ansatz verletzte das Credo Leopold von Rankes, Historiker sollten emotionale Distanz gegenüber ihrem Thema wahren, wehrten die Podiumsgäste ab und verwiesen auf die „Autorität der Betroffenen“.Lesen Sie auchDoch solcher postkolonialer Klimmzüge bedarf es gar nicht, um die Bedeutung von Macht in Archiven und über ihre Bestände zu illustrieren. Das zeigte Rainer Hering (Schleswig) in einer anderen Sektion des Kongresses: Noch 1960, anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches, gab es am Landesarchiv Schleswig-Holstein unterschiedliche Aktenzugänge für Deutsche, für „Wissenschaftler sowjetzonaler Prägung“, für Ausländer – und für Dänen. Erst 1963 beendete ein offizieller Notenwechsel zwischen Auswärtigem Amt und dem dänischen Botschafter in Bonn diese Schlechterstellung: Nun konnte jeder die Akten auswerten, die bis 1918 entstanden waren. Heute gelten natürlich auch in Schleswig-Holstein die Regeln des Archivrechts mit einer meist 30-jährigen Sperrfrist.Archivalien wohnt zugleich die Macht inne, zu Paradigmenwechseln zu führen. Zu den Höhepunkten des 55. Historikertags gehörten die Ausführungen von Jan Markert (Trier) und Frederik Frank Sterkenburgh (Utrecht). Sie führten anhand von Archivfunden aus, Kaiser Wilhelm I. sei keineswegs ein williges Werkzeug in den Händen seines Kanzlers Otto von Bismarck gewesen. Vielmehr habe er maßgeblich in die Tagespolitik eingegriffen, beispielsweise die Reichsgründung von 1871 geprägt. Ob dieser Paradigmenwechsel allerdings das vorherrschende, von so unterschiedlichen (allerdings durchweg bereits verstorbenen) Größen der Zunft wie Lothar Gall, Ernst Engelberg und Otto Pflanze geprägte Narrativ ersetzen kann, muss sich zeigen. Lesen Sie auchDer Kongress bot zu anderen Themen ebenfalls überraschende Einsichten. Beatrice de Graaf (Utrecht) etwa zeigte, wie sich die Terrorismusbekämpfung in den Niederlanden der 1970er-Jahre vor der Negativfolie des westdeutschen Beispiels entwickelte. Auch zu einflussreichen Netzwerken jüdischer Oberschichten in der Frühen Neuzeit, zum Sklavenhandel der polnischen Piasten oder der Endzeit in Ideologie und Propaganda der Russischen Föderation gab es neue Erkenntnisse.Macht und ihre Dynamik beschäftigten die Teilnehmer auch auf grundsätzliche Weise, prägen sie doch den Arbeitsmarkt für Geschichtswissenschaftler. Eine Umfrage des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD), an der sich 576 Forscher beteiligten, ergab: Machtmissbrauch beschränke sich im Fach keineswegs auf Einzelfälle. Moniert wurden die mangelhafte Betreuung von Dissertationen, unangemessene Beurteilungen und karrierehinderliches Verhalten akademischer Lehrer bis zu rhetorischen und sogar tätlichen sexuellen Übergriffen.