Die Finnen sollen die Glücklichsten sein. Dabei sind wirtschaftlicher Kriechgang und Arbeitslosigkeit längst zur Normalität geworden. Auf der Spur eines Paradoxons.Wer verstehen will, was in Finnland schiefläuft, muss nach Heinola – 18 000 Einwohnerinnen und Einwohner, zwei Autostunden von Helsinki entfernt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Städte wie diese gibt es in Finnland viele. Niedrige, kastenförmige Bauten aus der Nachkriegszeit säumen den leeren Marktplatz. In einem Radius von hundert Metern werben gleich drei Bestattungsinstitute um Kundschaft. Das Sportgeschäft verkauft neben Langlaufski und Wanderschuhen auch Jagdgewehre. Am Rande des Platzes sitzt eine Seniorin auf ihrem Rollator und beobachtet zwei Drogensüchtige, die sich ein paar Meter entfernt streiten. Ein gewöhnlicher Nachmittag in einer gewöhnlichen Kleinstadt im glücklichsten Land der Welt.Dieses Jahr ist Finnland zum neunten Mal in Folge auf dem ersten Platz des «World Happiness Report» der Universität Oxford gelandet. Der Rekord steht in Kontrast zur wirtschaftlichen Realität des Landes, das seit bald zwanzig Jahren keinen Aufschwung mehr erlebt hat. Seit Anfang Jahr ist die Arbeitslosigkeit in Finnland mit 10,8 Prozent die höchste in der EU. In Heinola ist sie noch etwas höher, 15,8 Prozent.Was passiert mit einem Land, wenn hohe Arbeitslosigkeit und Konjunkturschwäche zur Normalität werden? Und vor allem: Wie konnte es so weit kommen?Heinola ist eine gewöhnliche finnische Kleinstadt. Es gibt hier fast alles – nur keine Arbeit.I. Das Märchen von 100 000 JobsEs ist noch gar nicht so lange her, da blickte Marta-Laura Treufeldt zuversichtlich in die Zukunft. Die 28-Jährige hatte die Ausbildung zur Lastwagenchauffeurin abgeschlossen, und der Lehrer in der Berufsschule versprach ihr beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.Zehn Monate sind seither vergangen, in denen sie fast hundert Bewerbungen geschrieben hat. Einmal wurde Treufeldt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und bekam eine Absage. Immerhin. Meist erhielt sie gar keine Antwort. Jetzt sitzt sie im Café am Marktplatz von Heinola und sagt: «Das ist schon ziemlich entmutigend.»Marta-Laura Treufeldt hat fast hundert Bewerbungen geschrieben – erfolglos.Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einfiel, brach auch Finnland die wichtigen Handelsbeziehungen mit dem östlichen Nachbarn ab. Besonders hart traf das die finnische Holzindustrie und die Baubranche. Diese verloren ihren Zugang zu billigem russischem Holz, und die Preise schossen in die Höhe. Fabriken im ganzen Land mussten schliessen.Treufeldt sagt es so: «Alles ist heute teuer. Die Leute bestellen nichts mehr. Es wird nicht mehr gebaggert, nicht mehr gebaut, nicht mehr abgerissen.» Und deshalb gebe es für Leute wie sie nichts mehr zu transportieren.Die rechtskonservative Regierung von Petteri Orpo versprach den Finninnen und Finnen bei ihrem Amtsantritt vor drei Jahren 100 000 neue Arbeitsplätze. Stattdessen schlitterte das Land in eine Rezession. Seit dem Frühling wächst die Wirtschaft zwar wieder leicht, doch der sanfte Aufschwung hat Heinola bisher nicht erreicht.Der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo versprach dem Land 100 000 neue Arbeitsplätze. Doch so einfach war es dann doch nicht.Marcin Gadomski / EPAPro Monat bekommt Treufeldt 740 Euro Arbeitslosengeld, wovon nach Abzug der Steuern 540 Euro übrig bleiben. Hinzu kommen 260 Euro steuerfreies Wohngeld.Vom Arbeitsamt hat sie die Auflage erhalten, sich pro Monat mindestens auf eine Stelle zu bewerben – mehr ist auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt kaum möglich. Tut sie es nicht, riskiert sie die Kürzung der Sozialgelder. Doch selbst eine einzige Bewerbung fällt schwer. «Als ich zuletzt geschaut habe, gab es in der Region keine einzige Stelle im Transportbereich.»In anderen Branchen sieht es nicht besser aus. Sich umschulen zu lassen, wäre theoretisch möglich, aber: «Das ist im Moment etwas schwierig, weil ich schon einen Abschluss habe und kein zweites Studium mit Beihilfen finanzieren kann.»Treufeldt klagt nicht, sie stellt nur fest. «Wieso sollte ich mich von der Arbeitssituation stressen lassen, wenn wir alle gar nicht wissen, ob es die Welt in zwei Monaten noch gibt?» An der Weltlage könne sie nichts ändern.Natürlich habe sie über einen Umzug nachgedacht – weg von Heinola an einen Ort, wo es mehr Arbeit gibt. Diesen hat sie noch nicht gefunden. Die nächstgelegene Stadt Lahti liegt eine halbe Autostunde entfernt. Auch dort ist die Arbeitssituation nicht besser, im Gegenteil.Heinola ist eine alte Industriestadt. Doch in den letzten Jahren mussten immer mehr Fabriken schliessen.In der städtischen Werkstatt finden junge Arbeitslose Halt und Struktur – zum Beispiel bei Handarbeiten.Statt mit einem Lastwagen durch das Land zu kurven, verbringt Treufeldt ihre Tage nun damit, Steine zu bemalen oder zu häkeln. Und dann sind da die Haustiere – der Hund und die Katze, die ihr Gesellschaft leisten. In den vergangenen drei Sommern konnte sie in einem Erdbauunternehmen über die Ferien aushelfen, doch dieses Jahr sieht es schlecht aus.Vor einigen Wochen wurde Treufeldt plötzlich aus der Whatsapp-Gruppe der Firma entfernt. Warum, weiss sie nicht. «Ich hatte bis jetzt nicht einmal die Energie zu fragen, weil ich gerade Rückenprobleme hatte. Vielleicht tut so eine Auszeit zwischendurch sogar ganz gut.»II. Selig sind die, die dem Staat vertrauenAm Stadtrand steht ein zweistöckiges Backsteingebäude. Über dem Eingang ist mit grossen weissen Buchstaben «Gewerbehaus von Heinola» zu lesen – eine Reminiszenz an bessere Zeiten. Wo einst Jeans genäht wurden, werden heute Arbeitslose beschäftigt. Die städtische Werkstatt ist das letzte Auffangbecken. Wer auf dem regulären Arbeitsmarkt über längere Zeit keine Stelle findet, wird vom Arbeitsamt hierhergeschickt.Paula Tuominen leitet die Werkstatt. Sie soll dafür sorgen, dass die Arbeitslosen arbeitsfähig bleiben. Doch dafür müssten diese erst einmal in der Werkstätte erscheinen.Paula Tuominen hat einen der schwersten Jobs in Finnland: Sie soll dafür sorgen, dass die Arbeitslosen arbeitsfähig bleiben.Dieser Morgen hat so angefangen wie alle anderen Tage auch: mit einer Whatsapp-Nachricht eines Klienten. «Die Leute kommen zu spät oder gar nicht – oft melden sie sich nicht einmal ab», sagt Tuominen. An das Zuspätkommen habe sie sich gewöhnt. Erst wenn jemand vier, fünf Tage am Stück ohne triftigen Grund fehle, rufe sie beim Arbeitsamt an.In Finnland wird niemand zur Arbeit gezwungen – die Werkstatt versteht sich als Angebot, nicht als Strafe. Wer arbeitslos wird, meldet sich beim kommunalen Arbeitsamt. Dort wird ein individueller Beschäftigungsplan erstellt. Die Teilnahme an einer Arbeitswerkstatt wird erst dann verpflichtend, wenn sie in diesem Plan vereinbart wurde.Tuominen arbeitet seit den neunziger Jahren mit Arbeitslosen. Sie kann sich an Zeiten erinnern, als Finnland noch in einer weit tieferen Rezession steckte als heute. «Ich vermisse die wilden Buben von früher, die Cannabis rauchten und rebellierten», sagt sie. «Heute haben die Jungen Angst – vor Begegnungen, davor, zu scheitern oder es in der Arbeitswelt überhaupt erst zu versuchen.»Die Rastlosigkeit von damals ist einer Lethargie gewichen. Tero Auvinen, der als Arbeitsmarktkoordinator in Heinola arbeitet, sagt: «Auch junge Menschen können kaum übersehen, was in der Welt geschieht. Das prägt – bewusst oder unbewusst – ihre Sicht auf die eigene Zukunft. Die Hoffnung schwindet.»Tero Auvinen arbeitet seit zehn Jahren als Arbeitsmarktkoordinator in Heinola. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass jeder Arbeitslose das passende Eingliederungsangebot findet.Tuominen führt in den ersten Stock. Auf einem Zettel im Gang steht: «Auf den Boden spucken verboten!» Sechs junge Erwachsene sind mit zwei Betreuerinnen dabei, ein Mittagessen für sich zuzubereiten. Es gibt Ofenlachs und Frühkartoffeln.Auch die 22-jährige Pinja und der 23-jährige Aleksi kommen seit mehreren Jahren jede Woche hierher. Sie träumt von einem Blumenladen, er von einem Tattoostudio. Aber Pinja und Aleksi haben noch nie gearbeitet. Beide kämpfen mit psychischen Problemen. Sie brach drei Ausbildungen ab. Ihn überkam bis vor kurzem jedes Mal eine Panikattacke, sobald er die Wohnung verliess. In der Werkstatt haben sie Halt und Struktur gefunden.Riku (ganz links), Janne, Paula (Zweite von rechts) und Aleksi haben noch nie gearbeitet. Viele der jungen Erwachsenen haben Angst vor sozialen Kontakten.Aleksi hat seine Beine selbst tätowiert. Irgendwann möchte er das Hobby zu seinem Beruf machen.Die jungen Erwachsenen lernen hier alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Die Werkstatt bietet auch andere Dienstleistungen an – etwa Computerschulungen, eine Holzwerkstatt oder Hilfe bei der Erstellung eines Lebenslaufs. Pro Tag werden die Teilnehmenden mit 9 Euro entlöhnt.Im Erdgeschoss sitzt der 46-jährige Riku seine Zeit vor einem schwarzen Bildschirm ab. Es ist sein letzter Tag. Der Gärtner hat gelernt, wie man Word bedient und Bilder bearbeitet – «und dass ich nie am Computer arbeiten will». Einen Job hat er noch nicht gefunden, in drei Monaten hat er auch nur eine Bewerbung verfasst – aber beunruhigt wirkt Riku trotzdem nicht. «Ich könnte es mir gerade gar nicht leisten, zu arbeiten», sagt er. «Anders als das Arbeitslosengeld kommt der Lohn erst am Ende des Monats – wie soll ich denn bis dann meine Rechnungen zahlen?»Riku ist seit zweieinhalb Jahren arbeitslos. In der Medienwerkstatt hat er gelernt, wie man Word bedient und Bilder bearbeitet.In Heinola ist wenig los, wenn gerade kein Markt ist.In Finnland sorgt der Staat für seine Bürger. Seit den sechziger Jahren wurden die Sozialleistungen kontinuierlich ausgebaut. Heute umfasst der Katalog der Sozialversicherungsanstalt über hundert verschiedene Hilfeleistungen. Finnland sei sicher nicht das glücklichste Land, aber eines, wo die Menschen dem Staat vertrauten, heisst es jeweils, wenn man die Finnen nach der rätselhaften Glücksstudie fragt.Doch die Fürsorge hat ihren Preis, und der finnische Staat ist mit 90 Prozent des Bruttoinlandprodukts hoch verschuldet. Die Gesellschaft altert, die Wirtschaft stagniert. Der Ministerpräsident Orpo hat deshalb einen Systemwechsel angekündigt. «Arbeit muss sich immer mehr lohnen als der Bezug von Sozialleistungen», wiederholt er mantraartig.Das findet auch der Arbeitsmarktkoordinator Tero Auvinen. Über die Massnahmen gehen die Meinungen allerdings auseinander. Früher konnten Arbeitslose bis zu 300 Euro pro Monat hinzuverdienen, ohne dass sich dadurch ihr Arbeitslosengeld verringerte. Die Regierung schaffte den Freibetrag ab. Auvinen sagt: «Da stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, einen schlecht bezahlten Job anzunehmen, wenn man ohne Arbeit mehr Geld bekommt.»Jade, 48, hat es trotzdem getan. Vor fünf Jahren verlor die Pflegeassistentin ihren Job und kam erstmals in die Werkstatt. Sie schnupperte in der Küche und liess sich schliesslich umschulen. Im September 2025 erhielt sie von der Stadt einen befristeten Vertrag. Heute betreut sie als Köchin Arbeitslose. Mit 1500 Euro im Monat verdient die alleinerziehende Mutter gleich viel wie mit Hilfeleistungen. Für sie sei es jedoch nie eine Option gewesen, zu Hause zu bleiben: «Die Arbeit hilft meiner Psyche, durch sie habe ich meine Menschenwürde wiedererlangt.»Jade hat sich zur Köchin umschulen lassen. Heute betreut sie Arbeitslose in derselben Küche, wo sie selbst vor fünf Jahren erstmals schnupperte.Klientinnen wie Jade bleiben in der städtischen Werkstatt die Ausnahme. Nur drei von zehn finden irgendwann Arbeit. Der Rest bezieht weiterhin Sozialhilfe – manche ein Leben lang.III. «Da dachte ich mir: Dem zeig ich’s!»Es gibt eine Charaktereigenschaft, auf die die Finnen besonders stolz sind: «sisu». Das Wort lässt sich nicht direkt übersetzen, beschreibt aber im Grunde die innere Entschlossenheit – oder Sturheit –, in einer schier ausweglosen Situation nicht aufzugeben. Es heisst, es sei «sisu» gewesen, mit der die Finnen die übermächtige Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg von ihren Feldern gejagt hätten.Auf die Frage, was in Finnland in den vergangenen Jahrzehnten schiefgelaufen ist, gibt es keine einfache Antwort. Die Weltlage trägt wesentlich zur aktuellen Krise bei – erklärt sie aber nicht allein.Manche behaupten, dass die innere Entschlossenheit im modernen Finnland verlorengegangen sei – erstickt im Auffangnetz des Sozialstaates. Dass es nur mehr «sisu» brauche, um das Land aus der miserablen Lage zu befreien.Zumindest auf individueller Ebene mag das stimmen. Eigentlich sprach nichts dafür, dass ausgerechnet der 19-jährige Anselmi Rainio in Heinola Arbeit finden würde. Rainio ist Legastheniker und hat eine visuelle Lernstörung. «In der Berufsschule meinte der Lehrer zu mir, dass ich keine Chance auf einen Abschluss hätte», sagt er. «Da dachte ich mir: Dem zeig ich’s!»Anselmi Rainio wird ein Jahr lang Wehrdienst leisten. Wenn es ihm in der Armee gut gefällt, könnte er sich vorstellen, auch länger zu bleiben. Sonst will er in seine Heimatstadt zurückkehren.Statt sich auf seine Schwächen zu berufen, suchte sich Rainio einen Lehrmeister und liess sich das Handwerk in der Praxis zeigen. Auf der Baustelle lernte er, wie man einen Laser bedient und einen Bagger fährt. Im Sommer 2025 schloss er seine Ausbildung zum Zimmermann ab – ein Jahr früher als seine Klassenkameraden.Statt auf einen Arbeitsplatz zu warten, hat sich Rainio einen Arbeitsplatz geschaffen. Nach dem Abschluss gründete er seine eigene Firma. Über seinen Lehrmeister kam er an erste Aufträge. Der gute Ruf eilt den beiden im kleinen Ort, in dem jeder jeden kennt, voraus. Im letzten Sommer verdiente Rainio monatlich 3000 Euro – viel Geld für einen, der noch bei seinen Eltern wohnt. In den Wintermonaten gönnte er sich von dem Verdienst eine Reise nach Thailand.Ab Juli wird Rainio Wehrdienst leisten. Danach will er in seine Heimatstadt zurückkehren. Sorgen um die Zukunft macht er sich keine. «Meen ja teen», sagt er – «Ich gehe und mache».Seit einigen Monaten stehen auf dem Marktplatz von Heinola neue Klettergerüste. Die vielen Senioren im Ort haben dafür kaum Bedarf.im IPassend zum Artikel
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