AnalyseLeerverkäufe gelten oft als Warnsignal. The Market zeigt, welche deutschen Aktien derzeit besonders im Fokus der Short-Seller stehen. An der Spitze gibt es einen Führungswechsel. Zugleich nehmen die Wetten gegen Dax-Spitzenreiter Beiersdorf deutlich zu.Bei den grössten deutschen Shorts hat Anfang Juli eine Wachablösung stattgefunden. Sartorius ist die am stärksten leerverkaufte Aktie am deutschen Aktienmarkt. Der Laborausrüster verdrängt damit Porsche von der Spitzenposition.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Insgesamt haben sich die Short-Seller am deutschen Aktienmarkt Anfang Juli nach vielen Monaten steigender Wetten erstmals wieder etwas zurückgezogen – zumindest teilweise. Von Januar bis Anfang Juni war das Short-Volumen noch kontinuierlich von 22 Mrd. auf zuletzt knapp 41 Mrd. $ gestiegen und hatte damit den höchsten Stand seit drei Jahren erreicht. Anfang Juli registriert der US-Datenanbieter S3 Partners noch Leerverkaufspositionen im Volumen von rund 34 Mrd. $, was einem Rückgang von 16% binnen eines Monats entspricht.Leerverkäufer wetten auf fallende Kurse: Sie verkaufen geliehene Aktien und hoffen, diese später günstiger zurückzukaufen. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis ist ihr Gewinn (eine Übersicht der grössten Short-Positionen gegen Schweizer Aktien finden Sie hier).Aktien mit hohen Leerverkaufsquoten können für Investoren einen Blick wert sein. Zwar deutet ein hoher Short-Anteil einerseits oft auf anhaltenden Kursdruck hin, andererseits erhöht er die Chance auf einen Short-Squeeze: Müssen Short-Seller ihre Positionen durch Rückkäufe überhastet eindecken, kann der entstehende Kaufdruck den Kurs explosionsartig nach oben treiben.Grund für die Reduzierung der Short-Wetten könnten die Entspannung im Nahen Osten und die langsame Öffnung der Strasse von Hormuz sein, die sich positiv auf die Weltwirtschaft und die Börsen auswirken.Wetten gegen Beiersdorf steigen deutlichAuch wenn die Wetten am deutschen Markt insgesamt rückläufig sind, geraten einzelne Aktien stärker unter Beschuss. Innerhalb der grosskapitalisierten Unternehmen im Dax schiessen sich die Leerverkäufer immer stärker auf Beiersdorf ein. Der Konsumgüterhersteller eroberte erst im letzten Monat den Spitzenplatz unter den grössten Shorts im Dax. Seitdem hat sich die Ausleihquote der ausstehenden Aktien von 14,4 auf 18% noch einmal deutlich erhöht.Die Hamburger liefern derzeit mehr Fragen als Kursphantasie. Die Aktien sind seit über zwei Jahren im Abwärtstrend. Grund ist vor allem eine spürbare operative Abkühlung des Konzernwachstums seit dem vergangenen Jahr. Selbst der einstige Wachstumsmotor Nivea geriet ins Stocken, da preissensible Konsumenten zunehmend zu günstigeren Drogerie-Eigenmarken abwanderten. Gleichzeitig brach das margenstarke Luxussegment rund um La Prairie infolge der globalen Konsumzurückhaltung und der Schwäche im Asiengeschäft ein.Anfang März schockte Beiersdorf den Markt mit schwachen Jahreszahlen und einem vorsichtigen Ausblick. Auch die Mitte April veröffentlichten Quartalszahlen liessen kaum auf eine Besserung hoffen. Anfang Juni könnten die Aktien jedoch einen Boden gefunden haben. Seitdem geht es mit dem Kurs vorsichtig aufwärts. Gut möglich, dass Schnäppchenjäger angesichts der massiv gesunkenen Bewertung (siehe Grafik) langsam zugreifen. Die könnte wiederum Leerverkäufer auf den Plan rufen, die der Erholung nicht trauen.Auf dem zweiten Platz steht weiterhin der Chemiedistributor Brenntag, dessen Ausleihquote sich nur geringfügig reduziert hat. Das gilt ebenso für die dritt- und viertplatzierten Fresenius Medical Care und Zalando.Siemens Healthineers leidet unter HängepartieEtwas mehr getan hat sich bei Siemens Healthineers, wo die Ausleihquote von unter 5 auf 6,4% gestiegen ist. Das Medizintechnikunternehmen musste im Mai die Jahresprognose aufgrund der Schwäche im chinesischen Markt senken und erwartet nun nur noch ein Umsatzwachstum von 4,5 bis 5% (zuvor: 5 bis 6%).Das Unternehmen leidet unter seiner kriselnden Diagnostics-Sparte. Das Management treibt daher deren Abspaltung voran, ein Börsengang (IPO) oder ein eigenständiger Spin-off gelten dabei mittlerweile als die realistischsten Optionen, während konkrete Gespräche mit Finanzinvestoren derzeit nicht geführt werden, wie Finanzchef Jochen Schmitz kürzlich gegenüber der «Börsen-Zeitung» sagte. Die Transaktion könnte rund 6 Mrd. € einbringen und dazu beitragen, die zuletzt auf mehr als 13 Mrd. € gestiegene Nettoverschuldung des Konzerns zu reduzieren.Zudem monieren Kritiker den noch immer grossen Einfluss des Mutterkonzerns Siemens, der 67% der Stimmrechte hält. Immerhin plant der Konzern eine grössere Selbstständigkeit der Tochter: 30% des Grundkapitals sollen per Direktabspaltung an die Siemens-Aktionäre verteilt werden. Die Hauptversammlung soll darüber allerdings erst im Februar 2027 abstimmen. Das könnte Anleger zu einer abwartenden Haltung verleiten, da Details zur Struktur und Wertverteilung bis dahin in der Schwebe bleiben.Commerzbank erscheint neu in der Short-RanglisteNeu in den Top Ten der grössten Shorts im Dax ist die Commerzbank. Mehr als 5% der ausstehenden Aktien sind ausgeliehen. Das bestimmende Thema bleibt das anhaltende Übernahmeringen mit der italienischen UniCredit, die im Frühjahr und Sommer 2026 ihre Anteile weiter aufgestockt hat.Um die Unabhängigkeit der Bank zu verteidigen, fährt CEO Bettina Orlopp einen strikten Abwehrkurs: Sie hat das Gewinnziel für 2026 im Juni auf mindestens 3,4 Mrd. € angehoben, setzt auf künstliche Intelligenz zur Steigerung der Profitabilität und stützt die Eigenständigkeit mit Aktienrückkäufen sowie einer deutlich höheren Dividende.Für die Commerzbank Platz machen musste MTU Aero Engines, die aus den Top Ten herausfällt. Der Zulieferer für Flugzeugtriebwerke profitiert vom Trend zu effizienteren Triebwerken und bietet nach Einschätzung von The Market eine unterschätzte Wachstumsstory.Sartorius wird zum Lieblingsziel der ShortsellerAm breiten Markt hat derweil Sartorius den Autohersteller Porsche als am stärksten leerverkaufte deutsche Aktie abgelöst. Dabei stieg die Ausleihquote von Sartorius nur leicht auf 28,8%. Der Führungswechsel ist auch darauf zurückzuführen, dass die Short-Quote bei Porsche gleichzeitig auf 27,9% gesunken ist.Bioreaktor zur Zellvermehrung (li.) und Anlage zur Abtrennung der Zellen aus dem Nährmedium («Zellernte») von Sartorius.ZVGDie Aktien von Sartorius treten seit Jahren auf der Stelle. Mitte Mai stieg der als durchsetzungsstark bekannte US-Hedgefonds Elliott Investment Management unter der Leitung von Paul Singer mit einer grösseren Beteiligung beim Laborausrüster ein. Das schürt die Hoffnung, dass der Druck auf das Management zur Steigerung des Aktionärswerts zunimmt.Auf dem Geschäft lastet die Finanzschwäche von Biotech-Unternehmen, die eine wichtige Kundengruppe von Sartorius sind. «2022 bis 2025 war eine Dürreperiode für das Funding von Biotechfirmen», sagt Nilesh Kumar, der beim US-Vermögensverwalter Wellington Management die Investitionen in nicht börsennotierte Biotechunternehmen verantwortet. Zuletzt habe es wieder mehr Finanzierungen gegeben, aber vor allem in Firmen in der Spätphase vor der Zulassung, mit Wirkstoffen in klinischen Studien. Der Markt scheue das Risiko junger Biotech-Firmen. «Early-Stage-Unternehmen investieren viel mehr in Ausrüstung als Late-Stage-Unternehmen», sagt der Manager, der zuvor bei den Venture-Capital-Töchtern des Damstädter Konzerns Merck und für Novo Ventures gearbeitet hat.Deutlich stärker ist die Short-Quote bei Delivery Hero gestiegen. Mittlerweile sind 23,6% der Aktien des Essenslieferanten ausgeliehen. Die Titel hatten sich nach dem Grosseinstieg des Konkurrenten Uber im Mai innerhalb weniger Wochen verdoppelt und bewegen sich seither seitwärts. Inzwischen tobt um das Unternehmen ein Übernahmekampf zwischen Uber, dem Grossaktionär Prosus und dem US-Lieferdienst DoorDash. Einige Leerverkäufer setzen wohl darauf, dass kein Deal zustande kommt.Neu in den Top Ten des Gesamtmarkts sind Beiersdorf, die als Nummer eins im Dax mit einer Short-Quote von 18% nun auch zu den zehn grössten Shorts insgesamt gehören.Douglas und Hugo Boss geraten ins VisierEbenfalls neu in der Liste der am stärksten unter Shortsteller-Druck stehenden Aktien sind Douglas auf Platz fünf und Hugo Boss auf Platz sechs.Die Parfümeriekette Douglas musste Mitte Juni erneut ihren Jahresausblick senken. Die Umsatzentwicklung im Geschäftsjahr 2025/26 (per Ende September) soll nun zwischen 0 und 1% liegen, also weitgehend stagnieren. Der Erlös würde damit im Bereich 4,58 bis 4,63 Mrd. € erreichen – weniger als die zuvor anvisierten 4,65 bis 4,80 Mrd. €.Bereits im Frühjahr hatte Douglas aufgrund einer gedämpften Konsumstimmung den Ausblick zurechtgestutzt. Die Aktienkursentwicklung spricht eine deutliche Sprache.Bei Hugo Boss sorgt das Übernahmeangebot des britischen Grossaktionärs Frasers Group für Aufsehen. Mitte Juni bot die Unternehmensgruppe, die Marken wie Lonsdale oder Everlast im Portfolio hat, 38 € je Aktie, was lediglich eine Prämie von rund 4% auf den letzten Schlusskurs entsprach. Das Angebot wird von Marktbeobachtern als «Low-Ball-Angebot» und «Versuchsballon» eingestuft, das deutlich unter dem fairen Wert des Modekonzerns liegt.Hugo Boss prüft das Angebot derzeit noch. Unabhängig vom Übernahmepoker kämpft der Modemarkt seit Längerem mit einer abgekühlten Nachfrage, was sich in der Aktienkursentwicklung widerspiegelt.Herausgefallen aus den Top Ten sind die Aktien von Dermapharm, Gerresheimer und Siltronic.