Das „Claudia“ und „Tina, danke nach Ankara“ kommt ihm noch ein wenig schwer, im Sinne von überartikuliert über die Lippen. Verständlich. Schließlich hantierte Jörg Schönenborn bislang vor der Kamera mit Wahlgrafiken, meist wurde er dann von Kolleginnen und Kollegen angesprochen, nicht umgekehrt. In dieser Funktion kennen ihn die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer der ARD. Und weil er dabei offenbar unglaublich viel aus dem Gedächtnis abrufen kann, sollen ihn Kollegen liebevoll Graf Zahl nennen.Seit Montagabend moderiert Jörg Schönenborn nun die „Tagesthemen“. Als Nachfolger von Helge Fuhst, der zu Axel Springer abgewandert ist, gibt er jetzt selbst an Kolleginnen und Kollegen ab, etwa vor dem Nato-Gipfel nach Ankara zu Tina Hassel oder für die Wetteraussichten zu Claudia Kleinert. Bis auf das eine oder andere überbetonte Wort trat Schönenborn jedoch souverän auf. Alles andere hätte auch verwundert bei einem Fernsehprofi wie ihm, der seit 40 Jahren bei der ARD arbeitet. „Vertrauen gewinnen wir über Inhalte und gute Arbeit, aber hinter Vertrauen stehen im Fernsehen am Ende auch Gesichter“, sagte Schönenborn im Interview mit der SZ. Zur Begrüßung, wie immer im Anzug, dunkelblau, weißes Hemd, lila-weiß gemusterte Krawatte, hält er sich auch vornehm zurück und sagt lediglich: „Herzlich willkommen. Schön, dass Sie dabei sind. Wir sehen uns hier bei den ‚Tagesthemen‘ jetzt regelmäßig und darauf freu ich mich.“Nun muss man zugeben: Neben Jessy Wellmer und Ingo Zamperoni wirkt der 61-jährige Schönenborn nicht so, als wolle die ARD die „Tagesthemen“ verjüngen. An die Möglichkeit, dort zu moderieren, hatte Schönborn selbst gar nicht gedacht, bis er von der ARD-Intendantenrunde eine Botschaft bekam, erzählte er der SZ. Schönenborn hatte sich vor zwei Jahren, damals noch WDR-Programmdirektor, auf die Intendanz des Senders beworben, war aber vor der Stichwahl ausgeschieden. Nun also Anchorman statt oberster Chef. „Willkommen im Team, Jörg“, begrüßt ihn Julia-Niharika Sen, die den Nachrichtenblock verliest.Auf den Bericht zum Haushaltsentwurf und 204 Milliarden neuen Schulden folgt ein zuvor aufgezeichnetes Interview mit Finanzminister Lars Klingbeil. Und da ist er, Fernsehprofi Schönenborn, als wolle er zeigen, warum er bei den „Tagesthemen“ richtig ist. Er fragt souverän, unterbricht den SPD-Mann, hakt schließlich nach, ob die Schuldenbremse denn nur noch Augenwischerei sei. Ausweichende Antwort Klingbeil: Es müsse in Sicherheit und Zukunft investiert werden, „und das tut diese Bundesregierung“.Weil es bei den „Tagesthemen“ nicht ganz so streng zugeht, wie bei der „Tagesschau“, verabschiedet sich auch Schönenborn ganz persönlich: „Tschüss. Und lassen Sie es gutgehen.“ Vielleicht hat er dabei ein „sich“ vernuschelt. Vielleicht hat er aber auch bereits sein Ritual geschaffen. Und wäre ein wenig aus seiner Rolle ausgebrochen.