PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungFall BalogunEs geht um den letzten Rest Glaubwürdigkeit des SpielsStand: 18:59 UhrLesedauer: 4 MinutenNach der Rücknahme einer roten Karte gegen Balogun bei der Fußball-WM steht Fifa-Präsident Infantino wegen mutmaßlicher Einflussnahme durch Trump in der Kritik. „Zwischen denen geht nichts mit rechten Dingen zu“, sagt Sportredakteur Walter M. Straten.Fußballfans haben sich schon von vielen Illusionen verabschieden müssen. Doch auf eines schienen sie sich nach wie vor verlassen zu können: die Integrität des Spiels. Der Deal zwischen Donald Trump und der Fifa über die Aufhebung der Sperre eines US-Spielers beschädigt den Sport nachhaltig.Es gibt Dinge, die machen unglaublich wütend – selbst wenn man geglaubt hat, schon so viel erlebt zu haben, dass einen nichts wirklich mehr aufregen kann. Aber was sich in den vergangenen Tagen zwischen Donald Trump und Gianni Infantino abgespielt hat, macht einen einfach nur fassungslos.Jürgen Klopp hat auf den Punkt gebracht, was Millionen Fußballfans schockiert – und nicht nur diejenigen, die bis dahin vielleicht tatsächlich so naiv waren, dass sie genauso gut noch an den Osterhasen und den Weihnachtsmann hätten glauben können. „Wenn das wirklich Trump und Infantino ausgemacht haben, dann stellt das alles infrage. Diese beiden Menschen, die beide von Fußball keine Ahnung haben, sollten gar nichts damit zu tun haben. Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel“, hat der Bundestrainer in spe über einen Vorfall gesagt, der – bei aller gebotenen Vorsicht im Umgang mit Superlativen – das Zeug dazu hat, einer der größten Skandale in der Geschichte des Fußballs zu werden.Am Sonntag hatte die Fifa die Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun, die er sich durch eine Rote Karte wegen groben Foulspiels im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina eingehandelt hatte, zur Bewährung ausgesetzt – und sie damit praktisch aufgehoben. Der Top-Torjäger des Gastgeberlandes darf nun doch im Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht von Montag auf Dienstag spielen (2.00 Uhr, ARD/MagentaTV und im WELT-Liveticker).Bankrotterklärung der FifaDonald Trump hatte – wie er mittlerweile selbst bestätigt hat – zuvor persönlich bei seinem Freund, dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, angerufen, um die Aufhebung der Sperre zu erwirken. „Vielen Dank an die Fifa, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist, und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt“, hatte er unmittelbar nach der Entscheidung des Weltverbandes gepostet. Puh. Das Vorgehen kommt einer endgültigen moralischen Bankrotterklärung Infantinos, der Fifa und dieser WM gleich. Es fügt dem Fußball einen Schaden zu, der in seinen Folgen noch gar nicht abzusehen ist. Es geht um die Integrität des Spiels.Wir haben uns an unendlich viel gewöhnt: an die überbordende Kommerzialisierung, den Kotau der Funktionäre vor den Mächtigen dieser Welt, die Korruption, die oftmals ja schon mit der Vergabe von Weltmeisterschaften einherging. Doch eines, das haben wir uns trotzdem immer wieder eingeredet: Egal, wie schmutzig es hinter den Kulissen auch zugehen mag – sobald gespielt wird, wird gespielt. Dann geht es nach wie vor um Fußball. Dann können Fehler passieren, es kann auch zu falschen Schiedsrichterentscheidungen kommen, natürlich. Und es gab auch schon verschobene Spiele, ganz klar. Doch Trumps Eingriff hat nun eine neue Qualität.Um es klarzustellen: Dass Balogun gegen Belgien spielen darf, wäre auch ohne Trumps Zutun skandalös. Denn auch die von der Fifa offiziell herangezogene Rechtfertigung stinkt. Gemäß Artikel 27 des Disziplinarreglements gebe es die Möglichkeit, eine Sperre für eine Probezeit von einem Jahr auszusetzen, heißt es. Im vergangenen Jahr sah Cristiano Ronaldo im Qualifikationsspiel gegen Irland eine Rote Karte und wurde für drei Spiele gesperrt. Tatsächlich musste er aber nur ein Spiel pausieren, die weiteren zwei Partien wurden zur Bewährung ausgesetzt. Der portugiesische Superstar konnte zum Beginn der WM wieder spielen. Aber: Ronaldos Sperre wurde verkürzt – die von Balogun de facto aufgehoben.„Mach dir eine schöne Zeit“Es gab noch einen weiteren Fall. Der Brasilianer Garrincha war bei der WM 1962 im Halbfinale gegen Chile wegen einer Tätlichkeit vom Platz geflogen. Er wurde für das Finale nicht gesperrt, weil der uruguayische Linienrichter, der als einziger die Tätlichkeit gesehen und dem Schiedsrichter gemeldet hatte, bei der Verhandlung am Tag darauf nicht erschienen war. Wie später durchsickerte, sollen ihm Offizielle des brasilianischen Verbandes noch am Abend nach dem Halbfinale ein Ticket für einen Flug nach Paris in die Hand gedrückt und gesagt haben: „Mach dir eine schöne Zeit.“ Als Präzedenzfall taugt auch das nicht wirklich.Lesen Sie auchDoch darum geht es auch nicht. Es geht hier um das Schlimmste, was dem Fußball passieren kann: die direkte Einflussnahme durch den Staatschef eines WM-Gastgeberlandes. Es geht um den letzten Rest Glaubwürdigkeit, den sich der Profifußball bislang noch bewahrt hatte – doch nun ist der Sport nachhaltig beschädigt.