Selbst der norwegische Kronprinz rudert jetzt. In der Nacht auf Montag, als Oslo in rot-blaue Flaggen getaucht war, saß Haakon vor dem Schloss und bewegte mit den anderen im Takt die Arme vor und zurück, um die Nationalmannschaft anzufeuern. So wie es die Fans in den WM-Stadien machen oder auch auf dem New Yorker Times Square. Als säßen sie alle gemeinsam in einem Wikingerschiff. Sogar die Abgeordneten im Storting, dem norwegischen Parlament, ruderten schon.Norwegen ist im WM-Taumel. Erstmals ist das Land in ein Viertelfinale einer Weltmeisterschaft eingezogen und das auch noch mit einem Sieg gegen Brasilien. Knapp zwei Millionen Menschen sahen das Spiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dabei hat das Land nur fünfeinhalb Millionen Einwohner. Jetzt könne die Mannschaft jeden schlagen, sagte Nationalmannschaftskapitän Martin Ødegaard.Norwegens Erfolg „tut weh“In Schweden sorgt das große Selbstbewusstsein der Nachbarn und deren Erfolg für Stirnrunzeln. Die beiden Länder sind auf das Engste miteinander verbunden, historisch, kulturell, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, ja auch mit Blick auf die sehr ähnliche Sprache. Oft ist von Geschwisternationen die Rede. Wobei bisher immer klar war, wer der Ältere ist. Denn in Schweden hat man den kleinen Bruder Norwegen immer etwas belächelt. Auch als der plötzlich durch das Öl zu sehr viel Geld kam. Aber dass die Norweger nun im Sport besser sind, und das betrifft ja nicht nur den Fußball, das geht dann manchen Schweden doch zu weit.Als Schwedens Außenministerin Maria Malmer Stenergard am Montag mitteilte, Norwegens Erfolg „tut weh“, verbreiteten norwegische Medien die Nachricht per Eilmeldung. Schon zuvor hatte Stenergard auf die Frage, für wen sie denn nun nach Ausscheiden der schwedischen Mannschaft sei, gesagt: „auf jeden Fall nicht für Norwegen“.Norwegische Abgeordnete „rudern“ Mitte Juni im ParlamentdpaWas das Rudern angeht, Norwegens Markenzeichen bei dieser WM, wies man in Schweden darauf hin, dass das doch eigentlich etwas Urschwedisches gewesen sei. Der „Wikinger-Ruderschlag“ sei doch eher schwedisch als norwegisch, schrieb ein Kolumnist in der Zeitung „Svenska Dagbladet“. Schließlich seien die norwegischen Wikinger eher gesegelt, zu den Britischen Inseln, nach Island, Grönland und so weiter. Die schwedischen Wikinger aber seien auf ihren Eroberungsfeldzügen über die Ostsee kommend die Flüsse hinaufgerudert. Er schlug vor, die schwedischen Fans sollten frech, „aber historisch gesehen zu Recht“, das norwegische Rudern übernehmen. Leider schied Schweden dann aber bald bei der WM aus.Es sei schon ein bisschen anstrengend, wenn die norwegischen Sportler im schwedischen Fernsehen immer sagen müssten, wie viel besser ihre Mannschaft als die schwedische sei, sagt Johnny Wijk lachend. Ein „Kleiner-Bruder-Komplex“ sei das, zumindest aus schwedischer Sicht. Wijk ist emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Stockholm, mit einem Fokus auf Sportgeschichte. Zwischen beiden Staaten gebe es bei sportlichen Wettkämpfen immer Konkurrenz, sagt Wijk. Teils scheine es den Sportlern wichtiger zu sein, die jeweils andere Nation zu schlagen, als die Platzierung insgesamt. Dabei trainierten schwedische und norwegische Sportler oft zusammen.Alte RivalitätNorwegen war einst Teil der dänischen Krone. 1814 wechselte es dann in die Schwedisch-Norwegische Union. Bis 1905 war der König Schwedens auch der König von Norwegen. Der kurz zuvor gekrönte norwegische König, im Grunde war er nur König für einen Sommer, musste das Land verlassen.Die Union sei sehr unpopulär in Norwegen gewesen, sagt Roald Berg. Der Norweger ist emeritierter Historiker der Universität Stavanger und mit einer Schwedin verheiratet. Das norwegische Parlament habe damals so gut wie alles abgelehnt, was der schwedische König gemacht habe – und andersherum, sagt Berg. Die Union sei einer der Gründe, aus denen die Norweger zweimal einen Beitritt zur Europäischen Union abgelehnt hätten. Mit einer Union brauche man den Norwegern nun einfach nicht mehr zu kommen.Eine Rivalität zwischen den beiden heute eigentlich so eng verbundenen Staaten liegt aus seiner Sicht in dieser Zeit begründet. Wenn es Probleme gebe, dann deswegen, sagt Berg. Schwedens Herrschaft sei nicht als Tyrannei, aber eben auch keinesfalls als im Interesse der norwegischen Nation angesehen worden. Immerhin sei das Ende der Union ohne einen Konflikt erfolgt.Norwegen sei 1814 von Dänemark an Schweden gegeben worden, ohne selbst über sein Schicksal bestimmen zu können, sagt auch Thorgeir Kolshus, ein Anthropologe der Universität Oslo. Das habe den norwegischen Nationalismus ausgelöst. Über die große Liebe der Norweger zur eigenen Nationalflagge rollt man in Schweden zuweilen auch die Augen. Als das Land dann unabhängig geworden sei, habe es auf wenig aufbauen können, in allem sei Schweden führend gewesen, sagt Kolshus. Jetzt wolle Norwegen gesehen werden, auch und gerade vom großen Bruder.Deutlich höhere Löhne in NorwegenSchweden habe auf seine Nachbarn, Norwegen wie Dänemark, lange herabgeblickt, sagt auch der Historiker Wijk. Aber irgendwann hätten die aufgeholt, vor allem Dänemark habe Schweden nun abgehängt in fast allem, was man messen könne. Da sei das Etikett des „kleinen Bruders“ sehr merkwürdig. Auch, weil Schweden sich mittlerweile etwa in Sachen Migration und Kriminalitätsbekämpfung stark an Dänemark orientiere. Was Norwegen angeht, gelte eigentlich das Gleiche. Schließlich sei Norwegen aufgrund des Erfolgs seiner Industrie und der Energiewirtschaft auch kein kleiner Bruder mehr.Rund 1,8 Billionen Euro umfasst der Fonds, in dem Norwegen die Einnahmen aus den Öl- und Gasverkäufen für künftige Generationen anspart. Regelmäßig wird berechnet, wie viele Hunderttausend Kronen jeder Norweger jetzt theoretisch besitzt. Und den neuen Reichtum zeigt man in Norwegen auch ganz gerne. Die Schweden hielten die Norweger für neureich, sagt dazu der Anthropologe Kolshus. Tatsächlich aber kämen jetzt viele Schweden hinüber, um in Norwegen zu arbeiten. Schließlich seien die Löhne in Norwegen deutlich höher als in Schweden.Schweden sei immer überall besser gewesen, aber beim Sport sei das oft nicht mehr der Fall, sagt Kolshus. „Das tut den Schweden natürlich weh.“ Angesichts des Erfolgs der norwegischen Nationalmannschaft gegen Brasilien habe ihm jetzt sein Neffe geschrieben, der in Schweden lebt, sagt der Historiker Berg. Das sei schon alles zu viel mit den Norwegern, schrieb der Neffe. Aber das norwegische Team sei auch einfach verdammt gut. Bei aller freundschaftlichen Rivalität sind die befragten Wissenschaftler sich sicher: Die meisten Norweger und Schweden, die sie kennen, drücken der Mannschaft des jeweils anderen Landes auch die Daumen.
Fußball-WM: Rudernde Norweger und schwedischer Neid
Die Norweger wollen jetzt Weltmeister werden. Und sie sind froh, es dem „großen Bruder“ Schweden mal so richtig zu zeigen.













