Noch vor zwei Jahren in Essen wurde Tino Chrupalla mit 83 Prozent als Ko-Parteichef der AfD wiedergewählt, während Alice Weidel bei 80 Prozent landete. Beim Parteitag am Wochenende in Erfurt kehrte sich das Ergebnis deutlich um: Weidel erreichte mehr als 81, Chrupalla lediglich rund 70 Prozent.Angesprochen auf seine Stimmverluste sagte Chrupalla in den „Tagesthemen“, man könne ja nicht immer 3:0 oder 2:0 gewinnen. Diesmal sei es ein 2:1-Sieg gewesen. Andere flögen im Elfmeterschießen raus, blieb er bei den Fußballmetaphern. Und immerhin hätten ihn zwei Drittel der Delegierten gewählt. Damit sei er als dienstältester AfD-Vorsitzender zufrieden. „Das motiviert mich für die nächsten zwei Jahre.“Zugleich, so Chrupalla, sei ein solches Ergebnis normal, wenn man als Parteivorsitzender auch mal „intern Dinge anspricht, die vielleicht nicht jedem passen mögen“. Beobachter werteten die Aussage als Anspielung auf seine Kritik an der Vetternwirtschaftspraxis in der Partei. Nachdem im vergangenen Winter öffentlich geworden war, dass eine ganze Reihe von AfD-Abgeordneten enge Verwandte oder Ehepartnerinnen anderer Parteifunktionäre angestellt hat, sprach Chrupalla mit Blick auf die Verhältnisse in Sachsen-Anhalt von einem „Geschmäckle“.Der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke sieht in Chrupallas Reaktion auf die Vetternwirtschaftsaffäre allerdings nicht die zentrale Ursache für den Dämpfer in Erfurt. Denn Weidel habe ebenfalls Kritik an dieser Praxis geübt, in ihrem Fall in Richtung Niedersachsen.Wie aber konnte es dann zu diesem Stimmenverlust kommen? Und inwieweit verschiebt das Ergebnis die Macht innerhalb der AfD?Lembcke vermutet dahinter unter anderem eine Strafaktion. In der AfD, gerade im Weidel-Lager, gibt es den Verdacht, Chrupalla habe beim vergangenen Parteitag 2024 in Essen eine Nein-Stimmen-Kampagne gegen sie initiiert. Zwar hat er diesen Vorwurf Berichten zufolge zurückgewiesen, das Weidel-Lager soll davon aber nicht überzeugt gewesen sein. „Diese Aktion schrie nach Rache – und Weidel zieht so etwas nach meiner Einschätzung auch durch“, sagt Lembcke.Chrupalla habe aber auch davon profitiert, dass – wie schon vor dem Parteitag in Essen 2024 – demnächst Landtagswahlen im Osten anstehen. „Anderenfalls hätte er eine noch deutlichere Klatsche bekommen können“, sagt Lembcke. „Man wollte nicht denjenigen, den man mit dem Osten verbindet, zwei Monate vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin abstrafen.“ Höcke als eigentlicher Sieger des AfD-Parteitags in Erfurt Weidel, so Lembcke, sei zwar die offizielle Siegerin dieses Parteitags. Der eigentliche Gewinner aber sei der rechtsextreme Thüringer Landeschef Björn Höcke. „Weidel hätte nicht dieses Standing, wenn sie nicht eine taktische Allianz mit Höcke hätte“, sagt Lembcke. Zusammen hätten sie zu 100 Prozent ihre Mannschaft in den Bundesvorstand gebracht. Mit Sven Tritschler, einem NRW-Landtagsabgeordneten, habe sich eine Vertrauensperson Weidels durchgesetzt. Die Wahl von Katrin Ebner-Steiner, Fraktionschefin im bayerischen Landtag, Hannes Gnauck als neuem Schatzmeister und Thüringens Co-Chef Stefan Möller seien hingegen klare Siege von Höcke. Letzterer gilt als die rechte Hand des Rechtsextremen.Höcke, sagt Lembcke, habe seinen Einfluss damit maximiert und könne nun vom „schönen Thüringen aus den Bundesvorstand in seinem Sinne beeinflussen“. Öffentlich hatte Höcke bereits erklärt, er wolle die Thüringer Linie in den Bundesvorstand tragen. Und wie die aussieht, ist klar: Der Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Höcke repräsentiert den radikalen Flügel der Partei.Für Lembcke spiegelt das Ergebnis deshalb die Normalisierung der radikalen Positionen von Höcke und Co. wider. „Man sieht, wie abhängig Weidel vom radikalen Flügel ist.“ Sie sei das Design, Höcke stehe für die Inhalte. Beispielhaft nennt Lembcke Weidels Aussagen zum Begriff „Remigration“. Noch vor zwei Jahren sei sie nach Bekanntwerden des Treffens radikaler Rechter in Potsdam zunächst auf Distanz gegangen. Ihr Referent Roland Hartwig, der dort teilgenommen hatte, musste gehen. Heute ist davon nichts übrig geblieben, sagt Lembcke. Weidel war immer die Nummer eins, und Chrupalla die Nummer zwei.Politikwissenschaftler Oliver Lembcke über AfD-Ko-Chef Tino ChrupallaDer Experte hält es nun nicht für unwahrscheinlich, dass die AfD bis zur Bundestagswahl 2029 von der Doppelspitze abrückt. Zwar schließt die Parteispitze das derzeit öffentlich aus, doch drei Jahre seien in der Politik eine lange Zeit, sagt Lembcke. Die Wahlen im September sind bis dahin die einzigen im Osten. Und sollte es einen AfD-Ministerpräsidenten in den ‚neuen Ländern‘ geben – etwa Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt –, „könnte sich für viele in der AfD die Frage stellen, ob sie Chrupalla als ostdeutsche Identifikationsfigur noch brauchen“. „Der Parteitag hatte etwas von einem Anfang vom Ende für ihn“, bilanziert Lembcke.Die Frage, ob er geeignet sei, die Partei anzuführen, habe Chrupalla von Anfang an begleitet, sagt Lembcke. Bei Politikern wie ihm gebe es immer das Risiko, dass am Ende Kleinigkeiten instrumentalisiert werden könnten, um sie zu Fall zu bringen. Der eigentliche Grund sei aber, dass man es ihnen nicht zutraue.„Weidel war immer die Nummer eins, und Chrupalla die Nummer zwei“, sagt Lembcke. Ihr traue man es innerhalb der Partei zu, sie zu führen, Chrupalla nur in Grenzen. Nicht umsonst kursiere in der AfD der Spruch: Sie spricht sogar Mandarin, er nicht mal Englisch. Weidel habe die Ansehensmacht, Chrupalla kämpfe darum. Nach diesem Parteitag „dürfte ihm jedenfalls deutlich geworden sein, dass sein Platz klar hinter Weidel ist“, sagt Lembcke.