Aus der «Spezialoperation» in der Ukraine wird ein «echter Krieg» – warum der Kreml gerade jetzt seine Wortwahl ändertWer das Wort «Krieg» in den Mund nimmt, kann in Russland hart bestraft werden. Nun tut der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow genau das – und gibt dem Westen die Schuld dafür. Das ist kein Zufall.06.07.2026, 15.56 Uhr4 LeseminutenWladimir Putin und Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, aufgenommen im Dezember 2025 in Moskau.Mikhail Metzel / Sputnik via ReutersIn der Ukraine herrscht seit mehr als vier Jahren Krieg. Aber in Russland darf man das so nicht sagen – offiziell muss man den Überfall auf das Nachbarland als «militärische Spezialoperation» bezeichnen. Im Privaten ist das vielen Russen zwar längst egal. Doch wenn ein offizieller Vertreter des Kremls in aller Öffentlichkeit von «Krieg» spricht, sorgt das im In- und Ausland für Aufmerksamkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es war Putins Sprecher Dmitri Peskow, der am Sonntag in einem Interview sagte: «Es findet ein Krieg statt, ein echter Krieg.» Zwar war es nicht das erste Mal, dass Peskow dieses Wort benutzt hatte – und auch Präsident Wladimir Putin hat das schon mehrfach getan. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis die ersten Schlagzeilen auftauchten. Die Worte des Kreml-Sprechers erfolgten kaum zufällig: Seit geraumer Zeit versucht Moskau, rund um den Krieg in der Ukraine eine neue Erzählung zu schaffen.«Leider auch Washington»«Wissen Sie, warum es ein Krieg ist?», fuhr Peskow in dem Interview fort. «Alles begann als militärische Spezialoperation. Doch es geht als Krieg weiter, weil hinter Kiew Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und leider auch Washington stehen.» Sie alle würden die Ukraine mit Waffen und Informationen versorgen.In dieser Logik ist es also nicht das russische Vorgehen in der Ukraine, das als Krieg zu verstehen ist. Der Kreml beschuldigt vielmehr den Westen und insbesondere Europa, mit seiner Unterstützung für Kiew die «Spezialoperation» zu einem Krieg ausgeweitet zu haben. Wohl sehr bewusst erwähnt Peskow dabei die USA gesondert («leider auch Washington»).Der Kreml hat augenscheinlich nicht von seinem Vorhaben abgelassen, den amerikanischen Präsidenten Donald Trump propagandistisch zu beeinflussen und die Spaltung der Nato weiter zu vertiefen. Weil das Verteidigungsbündnis am Dienstag und am Mittwoch in Ankara zum jährlichen Gipfeltreffen zusammenkommt, ist der Zeitpunkt aus russischer Sicht umso günstiger. Was die Europäer fürchten, wäre für Moskau hochwillkommen: ein Eklat zwischen Trump und den anderen Bündnispartnern.Nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Ölraffinerie in Moskau Mitte Juni steigen dunkle Rauchsäulen in den Himmel.SOCIAL MEDIA / UGCPutin spricht mit TrumpIn diesen Kontext passt auch ein Telefonat, das Putin am Samstag mit Trump anlässlich des 250. amerikanischen Unabhängigkeitstags geführt hat. Die beiden hätten während rund neunzig Minuten ein «sachliches und sehr konstruktives» Gespräch geführt, sagte Putins aussenpolitischer Berater Juri Uschakow Journalisten.Putin habe erneut betont, dass Moskau eine politische und diplomatische Lösung des Konflikts bevorzuge, sagte Uschakow. Dahingegen würden «Kiew und seine europäischen Unterstützer darauf setzen, den Konflikt zu verlängern und sogar eskalieren zu lassen». Der russische Präsident habe Trump aber die «wahre Lage» auf dem Schlachtfeld erklärt, wo Russland stetig vorrücke. Zuvor hatte der Kreml am Freitag die Einnahme der Festungsstadt Kostjantiniwka im Donbass verkündet, was die Ukraine allerdings bestreitet und was auch von Militärexperten angezweifelt wird.Putin will offensichtlich signalisieren, dass ein russischer Sieg unausweichlich ist – und Moskaus Maximalforderungen deshalb besser am Verhandlungstisch erfüllt werden, bevor noch mehr Menschenleben verlorengehen.In Realität jedoch ist der russische Vormarsch in der Ukraine weitgehend erlahmt. Bis auf die halsbrecherischen Vorstösse rund um Kostjantiniwka konnte Russland in jüngerer Zeit kaum mehr Geländegewinne erzielen. Putin verschweigt zudem, dass die ukrainischen Angriffe auf Versorgungsrouten, Ölanlagen und kriegswichtige Unternehmen Russland vor ernsthafte Probleme stellen. Umso mehr käme es dem Kreml gelegen, wenn man Trump nun wieder für die russische Position gewinnen könnte. Washington hat seine Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg weitgehend niedergelegt.Rettungskräfte suchen im Morgengrauen nach Überlebenden: In der Nacht auf Montag hat Russland zum zweiten Mal innert Tagen einen grossen Luftangriff auf Kiew durchgeführt. Mindestens 21 Menschen wurden getötet.Maxym Marusenko / EPAEs drohen lange HaftstrafenSo kann Peskows Aussage vom Sonntag durchaus als Teil einer russischen Strategie gesehen werden. Für seine Verwendung des Wortes «Krieg» muss er sicherlich keine Konsequenzen fürchten. Doch für die breite Bevölkerung wird sich kaum etwas ändern. Denn die Zensurgesetze, die Putin kurz nach Kriegsbeginn im März 2022 unterschrieb, gelten weiterhin. Wer sich der «Diskreditierung der russischen Streitkräfte» oder der «Verbreitung von Falschinformationen» schuldig macht, dem drohen bis zu 15 Jahre Haft.Den Behörden dienen diese Gesetze primär als vielseitig und willkürlich einsetzbares Repressionsinstrument. Davon machen sie auch Gebrauch: Die Menschenrechtsorganisation OVD-Info hat bisher rund 12 000 Ordnungswidrigkeitsverfahren sowie 1200 Strafverfahren dokumentiert, die auf dieser Grundlage eingeleitet wurden.Ein Mann namens Alexei Gorinow war der erste Russe, der auf Basis der neuen Zensurgesetze eine lange Haftstrafe antreten musste. Der Kommunalpolitiker hatte an einer Sitzung am 15. März 2022 gesagt, dass man aufgrund des «Krieges» in der Ukraine keinen Malwettbewerb für Kinder durchführen sollte. Wenige Monate später wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das gleiche Urteil erhielt die Künstlerin Alexandra Skotschilenko, die in einem Supermarkt in St. Petersburg Antikriegsbotschaften hinterlassen hatte. Sie kam allerdings im August 2024 im Rahmen eines Häftlingsaustauschs zwischen Russland und westlichen Staaten frei.Geht es nach dem St. Petersburger Oppositionspolitiker Nikita Juferew, müsste auch Wladimir Putin hinter Gitter. Nachdem der Präsident im Jahr 2022 das Wort «Krieg» benutzt hatte, zeigte ihn der im Exil lebende Juferew an. Für Putin hatte das keine Konsequenzen. Gegen Juferew hingegen wurde ein Verfahren wegen «Diskreditierung der Armee» eingeleitet.Passend zum Artikel
Der Kreml ändert Wortwahl: Aus der «Spezialoperation» wird ein «echter Krieg»
Wer das Wort «Krieg» in den Mund nimmt, kann in Russland hart bestraft werden. Nun tut der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow genau das – und gibt dem Westen die Schuld dafür. Das ist kein Zufall.










