Gut, das wirre Storytelling muss man wohl einfach ignorieren. Demnach geht das neue Schwabinger Restaurant „Anamesa“ auf ein fantastisches Ursprungslokal in Griechenland zurück, das „Anama“ am Ionischen Meer. Die Vibes und den Geschmack von dort wollten dessen Macher an die Leopoldstraße transportieren, weshalb auf halber Strecke zwischen Münchner Freiheit und Giselastraße nun ein Raum für alle mediterranen Momente des Tages entstanden ist – für Brunch, Lunch, Snacks oder Abendessen. Oder genauer: „Viele Räume“ für die Momente der „Art of In-between“, wie die aufwendige Herleitung auf der aufwendigen Webseite erklärt.Aber verstehen, was damit gemeint ist, muss man vermutlich gar nicht. Man soll es einfach nur irgendwie spüren. Und im Grunde ist auch das egal. Schließlich hat die Leopoldstraße mit der Ionischen Küste ungefähr so viel zu tun wie ein Nagelstudio mit den Seychellen. Nett ist es hier trotzdem. Und das People-watching an heißen Sommerabenden während der WM noch unbezahlbarer als sonst.Das Restaurant ist unterteilt in mehrere Zonen und hat einen sehr schönen Barbereich. Stephan RumpfDas Anamesa ist ein schönes, schon optisch abwechslungsreiches Lokal mit verschiedenen Zonen. Es gibt eine Art Sofa-Amphitheater, wo man auf gestaffelten Höhenleveln nebeneinandersitzen und die große offene Küche überblicken kann. Es gibt einen Chef’s Table, einen Barbereich und kuschelige Nischen, herkömmliche Tische finden sich dann vorne im Lokal, vor den bodentiefen Fenstern, die sich zur Leopoldstraße komplett öffnen lassen. Dazu kommen ein großer Außenbereich, viele großblättrige Pflanzen und ein guter DJ an Freitag- und Samstagabenden.In der Höhe gestaffelte Sofas erlauben Überblick. Stephan RumpfDie Vibes, ob nun ionisch oder schwabingerisch, stimmen also. Dazu trägt wesentlich auch das Personal bei, das nicht nur schnell, bemerkenswert freundlich und dabei noch unterhaltsam ist, sondern auch als Team spürbar harmonisch auftritt, was sich an unseren beiden Abenden hier sofort auf die Gäste übertragen hat.Spaß macht auch die abwechslungsreiche Speisekarte, die, wie inzwischen fast überall üblich, zum Teilen animieren soll und nicht allzu streng zwischen Snacks, Vor- und Hauptspeisen unterscheidet; die Faustregel des Kellners – zwei Gerichte pro Person – passt, auch wenn wir selbst jeweils fast drei geschafft haben. Im Wesentlichen geht es um einen mediterranen Mix, ein neogriechisch angehauchter Mezze- und Levante-Stil mit einigen Ottolenghi-Zitaten und Anleihen aus Italien, Spanien oder Marokko. Ein breites Spektrum also, das aber auch ein paar Nachteile hat, wie sich später zeigte.Doch zuerst die Vorteile, die das Anamesa zu einem wirklich empfehlenswerten Lokal machen. Zum Beispiel, weil wir uns nicht erinnern konnten, irgendwo in München schon mal ein derart gutes Risotto gegessen zu haben: der Reis schlotzig, cremig, aber mit tollem Biss, dazu ein Aroma, das sich sorgsam angebratenen Shiitake-Pilzen, einem selbst angesetzten Pilzfond, großzügig portionierter Sommertrüffel, viel Parmesan sowie kleinen Kräuterinseln aus Pistazienpesto verdankte – und das es schon nach dem ersten Bissen schwer machte zu teilen (29 Euro). Nur Höchstnoten an unserem Vierertisch gab es auch für den rauchig-würzigen Auberginen-Hummus (12,50), für den das Gemüse über Holzkohle schwarz gegrillt (der Kugelgrill ist hier ein Centerpiece in der offenen Küche) und anschließend über Nacht entwässert wurde, wie der nette Koch auf begeisterte Nachfrage hin erklärte.Tatsächlich überraschten uns viele Gerichte im Anamesa mit gutem Handwerk und komplexem Aroma. Letzteres wird ja in vielen hippen Mezze-Küchen vor allem nur behauptet, gern dekoriert mit ein bisschen 1001-Nacht-Geraune.Hier war das anders: Da wäre der geschmackige gebratene Spitzkohl mit orientalischen Gewürzen, Cashews und Granatapfelkernen (21,50), das auf den Punkt gegrillte und interessant marinierte Fleisch – ausgelöste Hähnchenkeule auf Ingwer-Kürbis-Mus (28 Euro) und Lammfilet mit orientalischer Tomate (28) und Spinat (7,50) – oder der zarte, leicht rauchige Oktopus mit säuerlichem und schön stückigem Baba Ganoush (32). Wir hätten uns normalerweise sicher auch keine Riesengarnelen (29,50) bestellt, aber wenn sie, wie hier, nach einem Ouzo-Yuzu-Bad auf den Punkt gegrillt werden, wer kann da schon nein sagen? Empfehlenswert sind auch die unterschiedlichen Brotsorten und Dips oder Aufstriche wie das milde Gurken-Fenchel-Tsatsiki (7,50) oder die Yuzu-Butter mit Kombualgen-Chips (mit Sauerteigbrot 5,50 Euro).Empfehlenswert sind die Fleischgerichte vom Grill. Stephan RumpfAn anderer Stelle zeigte sich dann leider immer mal wieder, dass die Zahl der auf der Karte vertretenen Länderküchen und Crowd-Pleaser vielleicht doch etwas überstrapaziert wurde. Etwa weil manche Gerichte den Eindruck vermittelten, sie seien vor allem im Angebot, um die imposante Zutatenliste schick zu erweitern.So suchten wir die angekündigte Kaktusfeige im Halloumi-Kräutersalat vergeblich, während sich der Salat im Ungefähren eines faden Avocadomus’ verlor. Wer Linguine mit Garnelen, Krustentiersauce, Lemongrass und Chili anbietet, sollte irgendetwas davon geschmacklich im Sugo verankern, auch die beiden leicht übergarten Deko-Garnelen halfen da nicht weiter (28 Euro). Und die Tigermilch des Garnelen-Ceviche „mit Bottarga, Tomatenwasser und Chili“ ließ so gut wie jedes der angekündigten Aromen vermissen, stattdessen machte eine kräftige Romesco-Soße (Paprika, Tomate, Knoblauch) die zarte Süße der qualitativ eigentlich guten Garnelen einfach platt, gar keine gute Idee.Die Linguine in Krustentiersauce überzeugten weniger. Stephan RumpfWer freihändig Italien, Katalonien und Südamerika für (nur vermeintlich einfache) Fischgerichte mischt, sollte die nötige Technik dafür beherrschen – oder sie einfach von der Karte nehmen, niemand hätte etwas vermisst. Nachjustieren darf die Küche auch bei den Desserts, etwa beim Bitterschokoladenmousse (12 Euro), das mit seiner geflämmten Baiserhaube nicht nur zu süß war, sondern auch optisch unvorteilhaft wirkte.An beiden Abenden war zudem gleich eine Reihe von Gerichten nicht verfügbar, was wirklich überhaupt kein Problem darstellte, die Auswahl war ja groß genug. Das Restaurant sollte sich allerdings überlegen, wie es wirkt, wenn der Kellner jedes Essen mit einer Ausfallliste einläuten muss. Klüger wäre es, die Karte in Standards und Tagesangebote zu unterteilen, dann muss die Küche nicht jede komplizierte Zutat immer vorhalten, während sie dem Gast ständige Abwechslung suggeriert.Die offene Küche mit Kugelgrill. Stephan RumpfUnbedingt erweitern sollte das Anamesa dagegen seine spärliche und zu teure Weinkarte, besonders im unteren Preis-Segment fehlen ein paar unkomplizierte Flaschen, die noch einigermaßen Spaß, aber nicht gleich arm machen und die in jede Tapas-Bar gehören. Die Drinks wiederum waren sehr empfehlenswert (White Negroni!), und die gerade vorgetragenen Ausrutscher halten wir für absolut behebbar, wir kommen auf jeden Fall wieder.Restaurant Anamesa, Leopoldstraße 68, 80802 München, Telefon: 089/21120404, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 9 bis 1 Uhr, Brunch: 9–16 Lunch: 12–16, Dinner: 17–1 Uhr www.thisisanamesa.comNeues aus der Münchner Gastro-Szene:Lust auf Gespräche beim LunchDie Giesinger Concept Kitchen plant einen Mittagstisch, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen.Die Restaurantkritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.