US-Investoren übernehmen die Billig-Airline Easy Jet – und Europa zittertDie Investmentfirma Castlelake bietet rund 5,2 Milliarden Pfund für die britische Fluggesellschaft. In Europa befürchtet die Politik eine Zerschlagung der Airline. Das würde das Angebot an Flughäfen wie London, Berlin, Genf oder Basel beschneiden.06.07.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenEine amerikanische Investmentgesellschaft will Easy Jet kaufen: Blick aus dem Fenster eines Flugzeugs der Budget-Airline.David W. Cerny / ReutersSeit knapp vier Wochen versucht die amerikanische Investmentfirma Castlelake, die Billigfluggesellschaft Easy Jet zu übernehmen. Bereits vier Übernahmeofferten hat sie dem Verwaltungsrat vorgelegt, doch jedes Mal lehnte dieser ab. Nun kommt es trotzdem zum wegweisenden Deal: Das fünfte Angebot von Castlelake ist bei Easy Jet im Grundsatz auf Zustimmung gestossen. Die neuen Investoren wollen die Fluggesellschaft für 5,2 Milliarden Pfund kaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Krise als KatalysatorEasy Jet stand in letzter Zeit unter Druck. Das Unternehmen litt unter steigenden Kerosinpreisen, zudem waren die Buchungen für die Sommersaison wegen des Iran-Konflikts deutlich zurückgegangen. Das Resultat waren Verluste bei Easy Jet, was den amerikanischen Investor auf den Plan rief.Die Übernahme ist allerdings noch längst nicht in trockenen Tüchern. Die britischen und europäischen Regularien in der Luftfahrt sind streng. Gesellschaften von ausserhalb der EU dürfen beispielsweise keine europäischen Airlines kontrollieren. Darum benötigt das amerikanische Unternehmen Castlelake starke regionale Partner.Die Investoren aus den USA hatten deshalb zu einem früheren Zeitpunkt erklärt, sie wollten nur 49 Prozent des Unternehmens halten. Der Rest solle künftig einem früheren Easy-Jet-Manager und einem Branchenexperten gehören, die beide EU-Bürger seien. Wie das genaue Beteiligungsmodell aussehen soll und woher das nötige Geld stammen wird, ist unklar.Easy Jet gehört zu den grössten Low-Cost-Carriern Europas. Das Unternehmen besitzt wertvolle Start- und Landerechte an Dutzenden europäischen Flughäfen. Zudem hat das Unternehmen eine Flotte von 356 Airbus-Maschinen. Hinzu kommt eine umfangreiche Liste an Flugzeugbestellungen: Dem Unternehmen ist die Lieferung von 287 neuen Flugzeugen zugesichert, zudem bestehen Optionen auf 100 weitere Maschinen.Wertvolle SubstanzDie geplante Übernahme sorgt in der europäischen Politik für erhebliche Unruhe. Eine Befürchtung ist, dass die neuen Eigentümer Easy Jet zerschlagen könnten, weil der Einzelverkauf der wertvollen Vermögenswerte lukrativer ist als die Fortführung des eigentlichen Flugbetriebs. Da der weltweite Flugverkehr nach der Pandemie überraschend schnell zulegte, sind neue Flugzeuge bei Airlines überall auf der Welt heiss begehrt.Gleichzeitig kämpfen Flugzeughersteller mit massiven Kapazitätsengpässen. Ein Luftfahrtexperte des amerikanischen Finanzdienstleisters Bernstein hält es für wahrscheinlich, dass ein neuer Eigentümer das Unternehmen in drei Teile aufspalten könnte: die Flugzeugflotte, die Start- und Landerechte sowie das Feriengeschäft.Sollte es tatsächlich zu einer Zerschlagung kommen, stünden den europäischen Bürgern deutlich weniger Optionen zur Auswahl, was die Flugpreise erheblich steigen lassen könnte. Davon wären nicht nur die grossen Easy-Jet-Drehkreuze in London, Mailand und Paris betroffen. Folgen hätte das auch für Flughäfen wie Berlin, Basel oder Genf, wo Easy Jet jeweils eine tragende Rolle spielt oder gar die Marktführerschaft innehat. Von der britischen Regierung heisst es dazu bereits, man fordere eine schriftliche Garantie, dass es nicht zu einer Zerschlagung des Unternehmens komme.Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte der Universität St. Gallen, hält eine radikale Zerschlagung allerdings nicht für wahrscheinlich. Easy Jet hält in Grossbritannien, Europa und der Schweiz Betriebsbewilligungen. Diese sind wertvoll, doch bei einer Zerschlagung würden sie erlöschen. «Ich wäre als Investor vorsichtig und würde mir überlegen, wie ich die Marke bewahren kann, damit ich diese Bewilligungen nicht verliere», sagt Wittmer.Das Erlangen von neuen Bewilligungen für den Eintritt in den europäischen Markt ist eine grosse Herausforderung. Das zeigt sich laut dem Luftfahrtexperten Wittmer am Beispiel von Etihad. Die staatliche Fluggesellschaft aus Abu Dhabi hatte versucht, über den Kauf der Tessiner Regional-Airline Darwin im europäischen Markt Fuss zu fassen. Doch das Projekt scheiterte im Jahr 2017.Easy Jet gehört ausserdem neben Ryanair und Wizz Air zu den drei bekanntesten Billig-Airline-Marken in Europa und betreibt ein Geschäft mit Hotels und Reisen. Daraus ergibt sich ein Markenwert, «den man nicht ohne weiteres aufgibt», sagt Wittmer. Castlelake erklärte im Zusammenhang mit seinem Angebot, man wolle auch in Zukunft das Wachstum der Airline und die Modernisierung der Flugzeugflotte von Easy Jet unterstützen. Konkrete Pläne sind noch nicht bekannt.Nummer zwei in der SchweizIn der Schweiz ist Easy Jet hinter der Swiss die klare Nummer zwei. Sie hat einen Marktanteil von einem Viertel und beschäftigt rund 1100 Mitarbeitende. Am Euro-Airport Basel-Mülhausen hat Easy Jet einen Marktanteil von über 50 Prozent. Aus Sicht des Luftfahrtexperten Wittmer ist es auch möglich, dass die Übernahme gar keine grossen Auswirkungen haben wird. Die Schweizer Ländergesellschaft sei erfolgreich, die Marke stehe im Schweizer Markt gut da.Die spannende Frage ist allerdings, was mit den neuen Flugzeugen passiert, auf deren Auslieferung Easy Jet derzeit wartet. «Wenn die Investoren das Gefühl haben, dass sich die neuen Maschinen anderswo profitabler einsetzen lassen, könnte das ein Nachteil für den Standort Schweiz werden», sagt Wittmer.Easy Jet ist seit dem Jahr 2000 an der Londoner Börse kotiert und kämpft seit Jahren mit einem sinkenden Aktienkurs. Bei einem erfolgreichen Abschluss der Transaktion würde das Unternehmen von der Börse genommen. Trotz der vorläufigen Einigung ist der Deal noch nicht definitiv abgeschlossen, viele Details sind unklar. Die Frist für ein verbindliches Angebot ist darum im gemeinsamen Einvernehmen bis zum 3. August 2026 verlängert worden.Passend zum Artikel