Manchmal ist es doch überraschend, was alles sein könnte, wenn nur ein paar Dinge ein wenig anders gelaufen wären. Wenn einige Dinge im Berlin der Neunzigerjahre etwas anders gelaufen wären, dann wäre der Lützowplatz heute vielleicht einer der schönsten Orte der Stadt. Es gäbe dort einen Brunnen mit dickbusigen, bunten „Nanas“ der Künstlerin Niki de Saint Phalle, aus deren Händen Wasser sprudelt und die sich dabei hydraulisch wunderbar aufgeregt hoch und runter bewegen, als tanzten sie miteinander. Der Platz wäre vergrößert worden, die Straße verkleinert, es hätten sich Cafés und Restaurants angesiedelt, mittags würde man dort vielleicht auf CDU-Politiker treffen, deren Parteizentrale direkt gegenüber liegt und die, wenn sie ihr Mittagessen an einem so lebendigen Ort einnähmen, vielleicht viel mehr gute Einfälle hätten, die sich dann auch in ihrer Politik niederschlagen würden. An lauen Sommerabenden würde man die Füße im Wasser des Beckens baden, ehe man in einem der angrenzenden Restaurants zum Aperitif verschwindet.So oder ähnlich muss die Vision gewesen sein, die Karin Pott für den Lützowplatz hatte, als sie 1993 aus ihrem Bürofenster auf die karge Brache schaute. Pott hatte gerade die künstlerische Leitung des „Hauses am Lützowplatz“, des ältesten Kunstvereins der Stadt, übernommen. Sie wollte ihn im frisch wiedervereinigten Berlin als einen Ort für Kunst verankern, an dem richtig was los ist. Sie initiierte aufsehenerregende Ausstellungen mit Marina Abramović, Günter Grass oder Katharina Sieverding. In der Reihe „Gastgeberin im Haus am Lützowplatz“ lud sie Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur ein, sich auszutauschen. Wenn man Karin Pott dieser Tage trifft, wirkt sie vergnügt und aufgeregt. Als man ihr sagt, sie habe wohl die spannendste Zeit in Berlin miterlebt, unterbricht sie und lacht leise. Nein, sie habe ja überhaupt erst dafür gesorgt, dass diese Zeit überhaupt spannend war.Ein Einheitsdenkmal der Künstlerin für BerlinAls sie sich vorstellte, was für ein Brunnen auf dem Platz stehen könnte, habe sie den Stravinsky-Brunnen in Paris vor Augen gehabt, den de Saint Phalle 1983 mit ihrem Partner Jean Tinguely gestaltet hatte. Und so verfasste Pott kurzerhand eine Nachricht an die französisch-schweizerische Künstlerin. Drei Wochen später bekam sie Antwort: ein dreiseitiges, reich verziertes Fax mit rankender Handschrift. De Saint Phalle wollte unbedingt. Berlin sei eine ihrer liebsten Städte, und sie habe große Lust, für den Lützowplatz ein Kunstwerk zu gestalten.Die Nachrichten, die daraufhin zwischen Pott, de Saint Phalle und den Mitstreitern, die Pott zu gewinnen versuchte, hin- und herflogen, kann man heute in einem Katalog der Berliner Galerie Judin betrachten. Sie hat die Geschichte des ambitionierten Projekts sowie das Verhältnis von de Saint Phalle zu Deutschland umfassend in einer Publikation und einer Ausstellung aufgearbeitet. Dort sind auch die „drei Grazien“, wie de Saint Phalle die Figuren nannte, die um das Becken hätten tanzen sollen, zu sehen. Für die Künstlerin stellten sie, wie man dort lesen kann, auch eine Art Einheitsdenkmal für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar. De Saint Phalle wollte ein Symbol für ein neues, ein zusammengewachsenes Berlin erschaffen.Architekturmodell zum Einheitsdenkmal-Vorschlag auf dem Berliner LützowplatzArchitekt Mario Botta/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Dass sie überhaupt bereit war, noch einmal Kunst in den öffentlichen Raum Deutschlands zu stellen, ist eigentlich verwunderlich. Rund 20 Jahre zuvor, 1974, hatte die Stadt Hannover drei ihrer Nanas gekauft, was zu ausdauerndem und höchst erregtem Protest führte. Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ richtete, nur acht Tage nach der Aufstellung der Nanas, eine eigene Rubrik für Leserbriefe ein, weil so viele in der Redaktion eintrafen. Erst ein knappes Jahr später flaute die Briefwelle ab. Es gab eine Petition, die den Abbau der Skulpturen forderte: 36.000 Hannoveraner unterschrieben sie. Sie waren empört; sie empfanden die „schwergewichtigen Mädchen“ mitten in ihrer Stadt als Beleidigung. Beim Aufbau der Skulpturen war de Saint Phalle in Hannover. Die Fotos des Tages zeigen, dass im Stadtbild hauptsächlich Männer unterwegs waren, die mit ihr über ihr Werk sprachen. Sie trugen Lodenmäntel und Hüte. Es sieht aus, schreibt Pay Matthis Karstens in seinem Katalogtext, als erkläre Niki de Saint Phalle „einer Runde Förster ihre Kunst“. Viel gebracht haben ihre Erklärungsversuche wohl nicht.Die Leserbriefschreiber versuchten, de Saint Phalles Kunst die Kunst abzusprechen. In einem Brief steht: „Nichts gegen ernsthafte Versuche zu neuer Formgebung. Bei Giacometti, Henry Moore, Arp geht es um Gestaltung, bei Niki de Saint Phalle bleibt es bei ordinären Sexparodien mit kunstgewerblicher Verbrämung. Das ist geschickte Artistik, keine Kunst.“ Man versuchte sogar, sie als Sexistin zu diffamieren. Die kleinen Köpfe und großen Brüste der Skulpturen würden die Frau auf ihren Körper reduzieren. Man empfand die bunt angemalten Kunststofffiguren als obszön, als sexuell aufgeladen, und einige wunderten sich, dass die Kirchen nicht auch auf die Barrikaden gingen. De Saint Phalle blieb souverän und sagte zu dem Protest: „Einer Künstlerin tut es gut, zu sehen, wie alle diese Männer, die hier vorbeigehen, so klein sind gegenüber den Skulpturen. Die Figuren enthalten eine soziale Botschaft.“ Für sie waren die Nanas Symbole für Rebellion und Zorn. Doch niemand sieht gern zornige Frauen im öffentlichen Raum.
Niki de Saint Phalles Brunnen für Berlin
Die Künstlerin Niki de Saint Phalle hatte großartige Ideen, wie man den Berliner Lützowplatz gestalten könnte. Was der Stadt entging und warum der Entwurf nicht umgesetzt wurde, zeigt jetzt eine Schau der Galerie Judin.






