José Mainou steht vor einem Verdauungstrakt. Der Magen ist blau, der Dünndarm durchsichtig. In den Gefäßen und Rohren schwimmt Flüssigkeit. Das System steckt nicht in einem Menschenkörper, sondern in einer Maschine: Mainou ist Lebensmittelingenieur und arbeitet beim Bad Homburger Gesundheitsunternehmen Fresenius. In dem vor wenigen Wochen eröffneten Innovationszentrum für medizinische Ernährung auf dem Campus am Ortseingang der Stadt im hessischen Hochtaunuskreis ist er für Forschung und Entwicklung zuständig.Das Verdauungssystem aus Kunststoff in einem der neuen Räume lässt sich präzise einstellen, um verschiedene Körper zu imitieren. Patienten nach einer Operation haben andere Bedürfnisse als solche, die an einer bestimmten Krankheit leiden. Kinder andere als Erwachsene, Menschen mit verkürztem Dünndarm andere als solche mit einem besonders langen. Statt an Tieren zu prüfen, wie eine Dosis Patientennahrung im Dickdarm ankommt, untersuchen die Mitarbeiter das mithilfe des Geräts.Der Flüssigkeit werden Enzyme des Verdauungstrakts zugesetzt, auch der Säurewert von Magen und Darm lässt sich austarieren. Dann wird das Essen für Kranke ins System eingespeist. Zur Palette gehören Flüssigkeiten zum Trinken, solche mit Pudding-Konsistenz zum Löffeln und auch Pulver. Außerdem produziert Fresenius Sondennahrung, die über Schläuche in den Verdauungstrakt gelangt, und schließlich Nahrung in Drei-Kammer-Beuteln, die am Magen-Darm-Trakt vorbei direkt in die Vene gespritzt wird. Bei dieser sogenannten parenteralen Nahrung ist Fresenius nach Unternehmensangaben die Nummer eins, bei der enteralen Nahrung zum Essen und Trinken, also über den Magen-Darm-Trakt, die Nummer zwei in Europa und China. Die Beutel, Becher und Flaschen liefert das Unternehmen an Kliniken, Pflegeheime und Apotheken. Manche Produkte der Dachmarke Fresubin kann dort jeder ohne Rezept kaufen.So viele Kalorien wie eine SchokotafelDer Kreis der Patienten, denen die Produkte helfen sollen, ist groß: Das Angebot richtet sich an Diabetiker, mangelernährte Senioren, Krebskranke, Schlaganfall-Patienten mit Schluckproblemen und Menschen, die zu Hause an Beatmungsgeräten hängen. Auch Multiple Sklerose, Infektionen und Rheuma können erfordern, dass jemand auf leicht zu verzehrendes Essen mit hoher Energie- und Eiweißdichte, Vitaminen und Mineralien angewiesen ist. Eine Flasche mit 125 Millilitern „Fresubin Mango“ hat fast so viele Kalorien wie eine Tafel Schokolade, ist aber mit Eiweißen, Spurenelementen und Vitaminen deutlich gesünder. „Wir wollen Lösungen anbieten, um Menschen wieder zurück ins normale Leben zu helfen“, sagt Marc-Alexander Mahl. Der Mediziner ist President Pharma, Nutrition & Sustainability bei Fresenius.Produktpalette: Marc-Alexander Mahl, President Pharma, Nutrition & Sustainability, spricht über die Inhaltsstoffe der medizinischen Patientennahrung von Fresenius.Frank RöthIm Analyselabor werden physikalische und chemische Eigenschaften erforscht. Das Rheometer prüft, wie dick oder flüssig eine Substanz ist. Die Chromatographiegeräte dienen zur Analyse von Aminosäuren, Vitaminen, Mineralien und anderen Stoffen. „Ein Aroma hat Hunderte Komponenten“, sagt Lebensmittelingenieur Mainou. Auf einem Labortisch stehen flache Becher aus der Produktion bereit, optisch vergleichbar mit denen für Joghurt oder Quark. Die Flaschen erinnern an die Verpackungen eines Proteinshakes. Eine Mitarbeiterin bestimmt den Fettgehalt eines Musters im Vakuum eines Trockenschranks.Den Sensorikraum nennt Mainou „ein Highlight in unserem Gebäude“. Dort geht es darum, dass das Essen aus dem Haus Fresenius den Patienten auch möglichst schmecken soll. Aus nahezu 40 Zutaten bestehen die meisten Spezialprodukte. Die vielen Aminosäuren etwa müssen maskiert werden, wie es in der Fachsprache heißt, damit die Nahrung nicht nach Medizin, sondern nach Milchshake schmeckt. Auch abwechslungsreich soll es sein. Niemand wünscht sich dreimal täglich Schokogeschmack. Also gibt es auch Produkte mit Zitrone und Waldfrucht. In dem Raum erzeugen Lampen Farben, damit ein Essen mit Erdbeeraroma beim Verkosten auch nach Erdbeere aussieht. Mitarbeiter aus anderen Abteilungen kommen regelmäßig zum Verkosten vorbei. Eine eigene Probe zeigt: Zumindest eine Cappuccino-Creme und ein Vanille-Drink schmecken gar nicht schlecht.Am Rheometer: Im Analyselabor des Fresenius Innovationszentrums für medizinische Ernährung in Bad Homburg prüft eine Mitarbeiterin die sogenannte Viskosität einer Substanz.Frank RöthEtwa 100 Mitarbeiter arbeiten in dem Forschungszentrum, das den Namen D20 trägt. Fresenius hat knapp 20 Millionen in den Bau investiert. Drei der vier Bauteile sind renoviert worden, ein Bau wurde neu errichtet. Vorher waren die Biologen, Pharmazeuten, Technologen und Chemielaboranten verstreut an anderen Standorten in Bad Homburg, Friedberg und Oberursel tätig. Nutzfläche und Arbeitsplätze sind so konzipiert, dass das Zentrum noch um 20 Prozent wachsen könnte.Vegane VariantenDie Venen-Nahrung wird in Friedberg hergestellt. Die Nahrung zum Essen und Trinken kommt von einem Lohnfertiger in Deutschland und aus einem eigenen Werk in den Niederlanden. In China produziert ein Fresenius-Werk für den dortigen Markt, ein weiteres steht in Mexiko. Allein von den Trinkflaschen stellt das Unternehmen ein paar Hundert Millionen Stück im Jahr her.Viele Produkte sind molkebasiert, es gibt aber auch vegane Varianten. „Das bedient einen Trend in der Gesellschaft“, sagt Mahl. Besonders gefragt ist zurzeit auch eine Ernährung mit viel Protein. „Aber Protein ist nicht gleich Protein“, sagt Mahl. Ihm ist es wichtig, angesichts der vielen Ernährungstipps in sozialen Medien mithilfe von Gesundheitsexperten selbst verlässliche Daten zu vermitteln – für Patienten und Angehörige ebenso wie für Diät- und Ernährungsberater. Zur Fresenius-Nahrung gibt es Seminare und auch Kochbücher. Mit den Rezepten lässt sich dann zum Beispiel ein Eisbecher oder Proteinpudding mit der Patientennahrung zubereiten. „So schaffen wir Compliance.“ Auch die Longevity-Sparte findet der Mediziner interessant. Dabei, mit Nahrung ein Leben in Gesundheit zu verlängern, sei die Expertise des Unternehmens „extrem hilfreich“.In den Krankenhäusern vieler Länder herrsche die Meinung, der Patient müsse eigentlich normal essen und alles andere selbst zahlen. „Hier ist Weiterbildung nötig, denn unsere Produkte sind keine Luxusgüter, sondern gleichen einen Mangel aus.“ Mit Blick auf Deutschland kritisiert Mahl, dass Gesundheit oft zu sehr als Kostenfaktor gesehen werde. Dabei sei die Gesundheitswirtschaft ein relevanter Faktor für Wirtschaft und Wohlstand. „Mit einer guten Ernährungstherapie stellen wir sicher, dass Kranke schneller wieder in ihr reguläres Leben zurückkehren.“
Fresenius eröffnet Innovationszentrum für medizinische Ernährung in Bad Homburg
Fresenius hat in Bad Homburg ein Zentrum für medizinische Ernährung eröffnet. Die Wissenschaftler entwickeln hier Produkte für sehr unterschiedliche Patientengruppen.







