Importierter Frauenhass verschwindet nicht durch SelbstreflexionSchweizer Politiker geloben, ihren inneren Macho zu bezwingen. Das ist positiv. Doch den Kern des Problems von Gewalt gegen Frauen lassen sie aussen vor, schreibt Kaltërina Latifi.Kaltërina Latifi05.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine neue Studie zeigt, dass Männer, deren Väter ausserhalb der Schweiz in patriarchalen Strukturen geboren wurden, stärker restriktive Männlichkeits- und Geschlechtervorstellungen haben.Shoham Avisrur / UnsplashDrei Parlamentarier – Mike Egger (SVP), Cédric Wermuth (SP) und Patrick Hässig (GLP) – haben sich in einem im «Tages-Anzeiger» veröffentlichten Gespräch mit toxischer Männlichkeit und der Manosphere, einer losen misogyn geprägten Online-Szene, auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ihrer Diskussion ist ein parteiübergreifend eingereichtes und vom Parlament überwiesenes Postulat, das den Bundesrat beauftragt, einen Bericht zur Manosphere vorzulegen und aufzuzeigen, wie sich die Online-Radikalisierung junger Männer verhindern sowie Gewalt gegen Frauen wirksamer eindämmen lässt. Sie wollten, so erklärt Egger, «als Männer gemeinsam ein Zeichen setzen gegen problematische Männlichkeitsbilder». Das ist lobenswert und Ausdruck einer fortgeschrittenen zivilisatorischen Entwicklung: das eigene Verhalten und Handeln kritisch zu reflektieren und daraus Verbesserungen abzuleiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn trotz bedeutenden Fortschritten bei der Gleichberechtigung der Geschlechter und der sexuellen Selbstbestimmung werden immer wieder Fälle bekannt, die zeigen: Das Problem sexualisierter Gewalt ist keineswegs überwunden. Die besonders gravierenden Fälle Epstein und Pelicot haben sich ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit solchen Fällen intensiv auseinandersetzen – um zu verstehen, welche Bedingungen sie begünstigen und wie wir die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür wirksam zurückdrängen können.Das Offensichtliche ausblendenGleichwohl fragt man sich, ob die drei Politiker hier nicht über Offensichtliches sprechen, während sie den Kern des Problems lieber aussen vor lassen – mit Ausnahme von Egger, der als Einziger zwar ein konsequentes Vorgehen gegen Misogynie im Internet fordert, zugleich aber auch verlangt, «bei Religionen, die einen frauenverachtenden Umgang propagieren, genau hinzuschauen». Wenn Wermuth etwas undifferenziert feststellt, unsere Gesellschaft sei «geprägt von einer dominanten Männlichkeit», die mit «einer gewissen Vorstellung von Härte» und «mit einer Anspruchshaltung gegenüber Frauen» einhergehe, wundere ich mich, ob wir eigentlich im selben Land leben.Linke Politiker bringen sich gerne in die Debatte ein, indem sie sich im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Sensibilisierungsmassnahme selbstkritisch an den Sexismuspranger stellen und behaupten, die Männer in der Schweiz seien «mindestens als machoide Arschlöcher erzogen worden» (so Wermuth während eines vom Feministischen Salon organisierten Podiums in Basel). Ähnlich argumentieren neufeministische Aktivistinnen: Sie wollen die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern verändern und Frauen aus ihrer vermeintlich patriarchalen Geiselhaft befreien. Man würde es ihnen gerne glauben, wenn sie tatsächlich vorhandene Geschlechterhierarchien innerhalb bestimmter Kulturkreise und religiöser Wertvorstellungen mit ebensolcher Inbrunst und Vehemenz benennen würden, wie sie in den letzten Jahren gegen die eigene westliche Kultur und im Besonderen gegen den Mann aufgewiegelt haben.Folgt man ihrer Denklogik, müsste die Schweiz als durch und durch patriarchalisch organisierte Gesellschaft gelten, in der Frauen systematisch unterdrückt werden, während Männer weiterhin die gesellschaftliche und politische Deutungshoheit besitzen. Dass überkommene Männlichkeitsbilder und geschlechtsspezifische Sozialisation problematische Verhaltensweisen und Gewalt begünstigen können, daran besteht kein Zweifel. Doch an einer grundsätzlichen Frage scheiden sich die Geister: Wer ist an diesen auch heute vorhandenen frauenfeindlichen Strukturen schuld? Die modische Antwort darauf lautet stets: toxische Männlichkeit, die zuletzt ganz im Sinne einer intersektionalen Sichtweise wie selbstverständlich auf den weissen Mann zurückgeführt wird.Diese Form einseitiger Wahrnehmung und Problemanalyse lässt sich mit dem Begriff des «streetlight effect» fassen. Er beschreibt die Tendenz, dort nach Antworten oder Lösungen zu suchen, wo Informationen leicht zugänglich oder gut messbar sind – im Licht –, und nicht dort, wo sie tatsächlich zu finden wären – im Dunkeln. Dadurch richtet sich der Blick auf das Offensichtliche statt auf das Wesentliche, so dass die eigentliche Ursache eines Problems übergangen wird. Der Begriff wird häufig herangezogen, um einseitige Analysen oder eine selektive Nutzung von Daten zu kritisieren. Mir scheint, er beschreibt treffend, wie wir heute gewisse gesellschaftliche Probleme im Kontext von Migration angehen.Statt echte Fortschritte zu machen, scheint man sich auf Netzwerke maskulinistischer Gruppierungen eingeschossen zu haben und zugleich in einer Endlosschleife von Selbstzweifeln, Selbstabwertung und einer Haltung permanenter Selbstanklage festzustecken, während man auf dem anderen Auge blind bleibt. Würde man vorbehaltlos in alle Richtungen sehen, könnte man erkennen, dass sich ein der Manosphere zugehöriges Gedankengut, das traditionelle Geschlechterrollen propagiert und ein misogynes Weltbild verbreitet, längst in unserer Gesellschaft etabliert hat. Ironischerweise kann es sich gerade aufgrund des Unvermögens progressiver Kreise, patriarchale Lebensweisen und frauenfeindliche Einstellungen von Minderheitengruppen zu benennen und zu kritisieren, ungehindert verfestigen.Importierte MännlichkeitEine neue Studie der Universität Zürich zeigt, dass Männer, «deren Väter ausserhalb der Schweiz in patriarchalen Strukturen geboren wurden», wo «rechtsstaatliche Institutionen schwach ausgebildet sind», stärker restriktive Männlichkeits- und Geschlechtervorstellungen haben. Anstatt Tacheles zu reden, versucht man abzuwiegeln, indem man die Diskussion auf Nebenfragen verlagert, zum Beispiel mit der Behauptung, «einer der Hauptgründe, warum Frauen Gewalt durch Männer» erführen, sei «die ökonomische Abhängigkeit». Hier müsste klar zwischen den Ursachen von Gewalt und den Faktoren unterschieden werden, die eine Trennung in einer gewalttätigen Beziehung erschweren. Ökonomische Abhängigkeit gehört zur zweiten Kategorie.Die Ablenkung vom eigentlichen Problem hat meines Erachtens wenig damit zu tun, dass man Minderheitengruppen vor möglichen diskriminierenden Repressalien schützen will. Es ist profaner: Man will «den Rechten» nicht in die Hände spielen und die eigene weisse Weste wahren. Dass dabei beiläufig Frauenrechte und die Gleichberechtigung untergraben werden, scheint das kleinere Übel zu sein. Man kann es ja dann wieder gutmachen, indem man auf den «weissen Mann» zielt und sich selbst schuldbewusst inszeniert.Kaltërina Latifi ist Literaturwissenschafterin und Publizistin. Sie lebt in Bern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel