Das Nationalitäten-Tabu: Die Zürcher Justizdirektion verheimlicht bei häuslicher Gewalt die Herkunft von Tätern und Opfern – dabei liegen die Daten vor Deutschland hat viel weniger Hemmungen, die Dinge beim Namen zu nennen. Etwa, dass ausländische Frauen besonders leiden.17.07.2026, 05.01 Uhr5 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZWenn es einen Ort gibt, an dem Erwachsene und vor allem Kinder sicher und geschützt sein sollten, dann das Zuhause und der Kreis der Familie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch genau dort kommt es immer wieder zu Attacken und Übergriffen. Fast 3500 Straftaten zwischen Verwandten oder gegenwärtigen und ehemaligen Partnern zählte die Kantonspolizei Zürich in ihrer Kriminalstatistik im letzten Jahr. Das ist ein Anstieg um 5 Prozent.Sechs Personen wurden getötet. Acht entgingen nur knapp dem Tod. 70 Fälle von sexuellen Handlungen mit Kindern wurden registriert sowie 118 Vergewaltigungen. Sehr viele Fälle, auch schwere, blieben allerdings im Dunkeln. Der Kanton vermutet, dass nicht einmal jedes zehnte Sexualdelikt den Behörden gemeldet wird.Die häusliche Gewalt ist für die Schweiz und damit auch für die Kantone ein zentrales Thema, seit das Land 2017 die Istanbul-Konvention ratifiziert hat. Diese Übereinkunft des Europarats verpflichtet die Länder, häusliche Gewalt besser zu bekämpfen, die Opfer zu schützen und die Täter zu verfolgen. Ausserdem soll die Öffentlichkeit möglichst transparent informiert werden.Letzteres setzt die Zürcher Direktion der Justiz und des Innern von Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) mit einem Online-Angebot um. Auf einer Website des Kantons gibt es Daten und Grafiken zur häuslichen Gewalt.Aufgeführt werden etwa die Zahl der Fälle im Kanton, das Geschlecht der Opfer (drei Viertel sind weiblich) oder eine Auswertung, was nach einer Strafanzeige passiert. Die ernüchternde Antwort: mehrheitlich nichts. Knapp sechs von zehn Verfahren werden eingestellt – mangels Beweisen. Häusliche Gewalt ist ein klassisches Vier-Augen-Delikt. Oft steht Aussage gegen Aussage.Mehr ausländische als Schweizer TäterMit ihrem Angebot verspricht die Justizdirektion Informationen für «alle, die die Zahlen besser verstehen und einordnen möchten». Sie gelobt, «die gemeldeten Zahlen transparent zugänglich» zu machen.Doch das stimmt so nicht.Klickt man sich durch die zahlreichen Charts, fällt bald auf, dass etwas ganz Wesentliches fehlt: Angaben zur Nationalität. Nicht einmal nach Schweizern und Ausländern wird unterschieden. Nur nach Männern und Frauen.Häusliche Gewalt, so scheint es, ist für die Zürcher Behörden keine Frage der Herkunft, sondern eine des Geschlechts. Dass die Täter meistens männlich sind, darf und soll man sagen. Aber woher sie kommen? Lieber nicht.Dabei liegen auf nationaler Ebene durchaus Daten vor, und sie zeigen einen klaren Trend. So weist das Bundesamt für Statistik für 2023 aus, dass rund 4800 Schweizer der häuslichen Gewalt beschuldigt wurden und rund 6000 Ausländer. Dabei machen Ausländer nur gut ein Viertel der Schweizer Bevölkerung aus. Unter Ausländern ist häusliche Gewalt somit ein gravierenderes Problem als unter Schweizern.Dies zeigt sich auch bei einer Auswertung der Opferzahlen. Ausländische Mädchen und Frauen wurden deutlich häufiger in der Familie bedroht, missbraucht, geschlagen und vergewaltigt als Schweizerinnen.So wurden pro 10 000 Schweizerinnen im Alter zwischen 25 und 29 Jahren rund 13 Opfer von häuslicher Gewalt in einer Partnerschaft. Bei den Ausländerinnen in der gleichen Altersgruppe waren es fast dreimal so viele: 37.Auch das Gleichstellungsbüro des Bundes kommt in einem Bericht zu dem Schluss, dass häusliche Gewalt zu einem überproportionalen Anteil aus Fällen von Personen mit Migrationshintergrund besteht.Ausländische Frauen sind gefährlicher als Schweizer MännerFrauen sind aber nicht nur Opfer, sie sind auch Täterinnen. In gewissen Altersgruppen werden ausländische Frauen sogar häufiger beschuldigt als Schweizer Männer. Dies zeigt sich besonders ausgeprägt bei den 25- bis 29-Jährigen: Pro 10 000 Personen wurden 8,9 Schweizer Männer der häuslichen Gewalt in einer Partnerschaft bezichtigt und 12,8 ausländische Frauen. Es greift also zu kurz, häusliche Gewalt einzig als Männerproblem zu betrachten.Fragt man beim dafür zuständigen kantonalen Zürcher Amt für Statistik und Daten nach, warum bei den vielen Grafiken zur häuslichen Gewalt ausgerechnet die Angaben zur Nationalität fehlen, werden technische Gründe ins Feld geführt. Das Merkmal «Nationalität» liege in den Ausgangsdaten im Moment nicht oder nicht einheitlich erfasst vor. Deshalb sei eine belastbare Auswertung nicht möglich.Das erstaunt, weil die nationalen Zahlen zur häuslichen Gewalt auf kantonalen Angaben basieren, wie das Bundesamt für Statistik auf NZZ-Anfrage bestätigt. Der Kanton Zürich hat die Daten also vorliegen und leitet sie nach Bern weiter. Aber auf seiner eigenen Website zur häuslichen Gewalt zeigt er sie nicht.Dies, obwohl die Istanbul-Konvention die Staaten dazu aufruft, «genau aufgeschlüsselte statistische Daten zu sammeln und zu veröffentlichen». Aus der Konvention geht im Übrigen ebenfalls hervor, dass die Herkunft bei gewissen Gewalttaten eine eindeutige Rolle spielt. Sie listet etwa die Zwangsverheiratung und die weibliche Genitalverstümmelung auf sowie Verbrechen, die im Namen eines bestimmten Ehrbegriffs begangen werden. Das alles sind schwere Misshandlungen von Mädchen und Frauen, die in bestimmten Kulturkreisen vorkommen.Deutschland macht es vorWie ein offenerer Umgang mit Daten zur häuslichen Gewalt aussehen kann, zeigt der nördliche Nachbar der Schweiz.Deutschland hat die Istanbul-Konvention ebenfalls ratifiziert und unterscheidet in einem «Bundeslagebericht häusliche Gewalt» vom November 2025 im Gegensatz zur Schweiz nicht nur zwischen eigenen Staatsbürgern und Ausländern. Es werden explizit auch die häufigsten Herkunftsländer aufgeführt. Bei den Tatverdächtigen handelte es sich bei gut 60 Prozent um Deutsche. Dann folgen Türken, Syrer, Polen, Rumänen, Ukrainer und Afghanen.Der deutsche Bericht zitiert verschiedene Studien, darunter jene der Landeskriminalämter Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, welche nachweisen, dass es in Paarbeziehungen mit Migrationshintergrund mehr Opfer gibt als in solchen ohne. Dieser Unterschied zeigt sich sowohl für psychische wie für körperliche Gewalt.Dies bestätigen auch neuere Untersuchungen. Im Februar haben deutsche Bundesbehörden die Ergebnisse einer landesweiten, grossen Umfrage zu Gewalterfahrungen gerade auch in Beziehungen veröffentlicht. Dabei geht es um die Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag speziell im Dunkelfeld – also in Situationen, die nicht behördlich registriert worden sind. Auch hier lautet eine zentrale Erkenntnis, dass Frauen mit Migrationshintergrund besonders häufig betroffen sind.Die Regierung muss sich erklärenIm Kanton Zürich ist die Auslassung der Herkunft in den Statistiken zu häuslicher Gewalt unterdessen zu einem politischen Thema geworden. Im Parlament hat die SVP dazu eine Anfrage eingereicht. Sie schreibt: Eine wirksame Prävention setze voraus, dass politische Entscheide auf möglichst vollständigen und transparenten Daten beruhten. Würden bestimmte Angaben fehlen, würden eine sachliche Analyse und Aufklärung erschwert. Die Partei verlangt nun vom Regierungsrat eine Begründung für das Verschweigen der Daten zur Nationalität und zum Aufenthaltsstatus.Zumindest auf Bundesebene wird es schon recht bald neue Daten geben. Per Ende September will das Bundesamt für Statistik ein Update zu den Fallzahlen bei häuslicher Gewalt liefern.Passend zum Artikel