Ein Porträt von Angela Merkel versetzt Berlin in Aufregung: Je länger ihre Ära her ist, desto mehr wird sie verklärtWährend die gegenwärtige Regierung sich mit den Vermächtnissen der Merkel-Zeit plagt, setzt sich ein nostalgischer Blick auf sie durch. Wie kann das sein?05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBlick von oben: Porträt von Angela Merkel für die Ahnengalerie des Kanzleramts.Axel Schmidt / ReutersStreng, aber wohlwollend blickt Angela Merkel von ihrem Porträt im Französischen Saal des Bode-Museums in Berlin auf die Besucher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Anmutung eines Lächelns spielt um ihre Mundwinkel. Das Licht fällt warm von der linken Bildseite her auf sie. Sie ist stehend abgebildet, stützt sich mit ihrer linken Hand auf einer Fläche ab. Merkel trägt einen Blazer – blau, wenn auch nicht ganz königsblau – und eine Bernsteinkette. Der goldgelbe Hintergrund erinnert zusammen mit dem Blazer entfernt an die Farben der Europäischen Union.Während die amtierende deutsche Bundesregierung im Hintergrund um ein Reformpaket rang, versetzte das gemalte Bild von der Altkanzlerin die Hauptstadtpresse für Tage in Erregung. Würde eine Frau es malen? Oder der Ostdeutsche Neo Rauch? Was würde das für die Bundesrepublik bedeuten?Eine neue Merkel-Sehnsucht?Es ist üblich für ehemalige Kanzler, ein solches Bild anfertigen zu lassen, seit Helmut Schmidt 1976 die Ahnengalerie im Kanzleramt etablierte. Als Schmidts Wahl für sein eigenes Bild 1986 auf den DDR-Staatsmaler Bernhard Heisig fiel, war das ein Politikum. Darin spiegelte sich das angespannte deutsch-deutsche Verhältnis zu dieser Zeit genauso wie das Verhältnis der Deutschen zu ihrem mit einem Misstrauensvotum abgesetzten Kanzler wider.Seit Merkel im Jahr 2021 das Amt der Bundeskanzlerin abgegeben hat – sehr viel freiwilliger als Schmidt –, arbeitet sie an ihrem Vermächtnis. Erst im Hintergrund, dann öffentlich. Ganz so, als schreibe sie vor aller Augen ihr Testament. Sie setzte sich auf die Bühne des Berliner Ensembles und verteidigte ihre Amtszeit. Sie legte ihre Hunderte Seiten langen Memoiren mit dem Titel «Freiheit» vor. Sie trat am CDU-Parteitag, am evangelischen Kirchentag und an der Digitalmesse Re:publica auf. Auch das obligatorische Kanzlerporträt macht sie nun zum Teil dieses Projekts.Bemerkenswert ist jedoch, wie begierig dieses wachsende Testament von Teilen der Öffentlichkeit aufgenommen wird. Ihre Memoiren verkauften sich mehr als eine Million Mal, an der Re:publica standen die Zuschauer Schlange. In der «Zeit» war jüngst die Rede von einer «Merkel-Nostalgie» der Generation Z, die «Süddeutsche Zeitung» sprach von einer «neuen Merkel-Sehnsucht», die «Brigitte» attestierte gar einen «Hype».Verhängnisvolle EntscheidungenWie kann das sein? Schliesslich sind mit der Kanzlerschaft der mittlerweile 71-Jährigen eine Reihe verhängnisvoller Richtungsentscheidungen verbunden.Merkels Kritiker machen ihre Weigerung, die irreguläre Einwanderung auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 wirksam zu begrenzen, mitverantwortlich für den erodierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Aufstieg der AfD ist nur ein Ergebnis dessen.Auch ihren Umgang mit Russland ordnen viele seit der Vollinvasion in die Ukraine 2022 im Rückblick als historischen Fehler ein, der einerseits eine Abhängigkeit von russischen Energieträgern beförderte und andererseits die imperialen Ambitionen Moskaus völlig unterschätzte.Selbst die Abkehr von der Atomkraft, für die Merkel nach dem Nuklearunfall in Fukushima 2011 verantwortlich zeichnete, steht mittlerweile wieder zur Debatte, da Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Energiekosten weltweit gehört – was dem schwächelnden Standort seither einen grossen Nachteil verschafft.Nahezu jedes Politikfeld, mit dem sich ihr Nachfolger Friedrich Merz gerade abmüht, ist von ihrer Handschrift geprägt. Neben einigen grundlegenden Weichenstellungen bestand diese oft genug darin, Entscheidungen zu verschleppen. Ihr Stil war der einer konsensorientierten und von Sachzwängen geleiteten Verwalterin.Als Kanzlerin hatte sie ein feines Sensorium für gesellschaftliche Mehrheiten und Stimmungsumschwünge und liess sich von ihnen auch dann leiten, wenn Standfestigkeit gefragt war. Die gegenwärtige Verklärung von Merkels Person und Kanzlerschaft könnte entsprechend auch daher rühren, dass sich viele Deutsche nicht eingestehen wollen, mit Merkel falschgelegen zu haben.Der Künstler Jérémie Queyras und die Altkanzlerin Angela Merkel bei der Enthüllung ihres Porträts in Berlin.Bilder: Axel Schmidt / Reuters«Warum muss ich das machen?»Merkel selbst hat bis heute erstaunlich wenig Willen zur Selbstkritik gezeigt. In ihren Memoiren markierte sie lediglich einige Nebensächlichkeiten als Missgriff. An der Vorstellung des Buchs Ende 2024 entgegnete sie auf die Frage, ob sie sich von ihrer Russlandpolitik distanzieren wolle: «Warum muss ich das machen? Ist das ein Gütesiegel an sich?»So spricht keiner, der einsichtig ist. Aber auch diese Haltung trotziger Beharrlichkeit tut ihrer neu aufbrandenden Beliebtheit bis jetzt keinen Abbruch. Merkel war bemerkenswert erfolgreich darin, ihre eigene Version der Geschichte ihrer Kanzlerschaft und ihrer Person zu etablieren.Möglicherweise hängt diese Beliebtheit aber auch nur bedingt mit ihrer Politik zusammen. Man darf annehmen, dass diejenigen Deutschen der Generation Z, die mit einer Kanzlerin Merkel ihre Kindheit und Jugend verbrachten, sie mit dem unbeschwerten Lebensgefühl der ausgehenden 2000er Jahre und der frühen 2010er Jahre verbinden, das längst Geschichte ist. Gemäss einer mit Vorsicht zu geniessenden Umfrage von Civey aus dem vergangenen Jahr sagte ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen, sie vermissten Merkel.Als sie noch regierte, so hat sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt, waren die Krisen weniger tiefgreifend, die Kriege ferner und die gesellschaftlichen Konflikte weniger unversöhnlich.Schon damals entsprach das nicht ganz der Realität: Gegen Ende ihrer Regentschaft zog Merkel zunehmend die Wut Enttäuschter auf sich. «Merkel muss weg» wurde zum geflügelten Wort, bei öffentlichen Auftritten wurde sie vor allem wegen ihrer Migrationspolitik ausgebuht und avancierte für manche zu einem Feindbild.Die Zeit ist auf Merkels SeiteDoch je länger Merkels Kanzlerschaft her ist, desto mehr kann sich ein nostalgischer Blick durchsetzen. Die Zeit ist auf ihrer Seite. Die unangenehmen Details ihrer Kanzlerschaft können verdrängt werden. Es ist leichter, die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart einem Kanzler Friedrich Merz anzulasten, der erst seit etwas mehr als einem Jahr im Amt ist.Merkel ist jetzt mehr «Mutti», als sie es zu ihrer aktiven Zeit je gewesen ist: manchmal mahnend, meistens harmlos, irgendwie rührend. Eine wohlige Erinnerung.Das wurde bei der Rezeption ihres Ölporträts für die Ahnengalerie besonders deutlich. Dass ihre Künstlerwahl auf den 28-jährigen Deutsch-Franzosen Jérémie Queyras fiel, der in den Medien stets als «bisher unbekannt» bezeichnet wird, wurde in einem liebevollen Porträt in der «Zeit» so erklärt: «Ihr gefiel der Gedanke, nicht den Erwartungen zu gehorchen.»Näher liegt, dass sie ganz die Kontrolle über ihre Wahrnehmung in der Nachwelt behalten will. Wohl aus demselben Grund bezahlte sie die Arbeit am Porträt selbst. Sollte einst ein ihr nicht genehmer Kanzler gewählt werden, könnte sie es aus der Ahnengalerie entfernen lassen. Merkel möchte selbst entscheiden, wer sich auf welche Weise an sie erinnert.Das Porträt von Angela Merkel ist bis Oktober im Berliner Bode-Museum ausgestellt.Axel Schmidt / ReutersPassend zum Artikel
Merkel-Nostalgie: Wie die Altkanzlerin ihre Kanzlerschaft verklärt
Während die gegenwärtige Regierung sich mit den Vermächtnissen der Merkel-Zeit plagt, setzt sich ein nostalgischer Blick auf sie durch. Wie kann das sein?













