Sieben Kanzler hängen bislang in Form von Staatsporträts im Bundeskanzleramt, schlecht beleuchtet in einer wahrlich nicht sonderlich repräsentativen „Galerie“ auf grauem Sichtbeton. Konrad Adenauers 1963 von Hans Jürgen Kallmann gemaltes Bildnis zeigt den „Alten von Rhöndorf“ sitzend, jedoch stark zur Seite geneigt – was Albrecht Gehse in seinem müden Porträt Helmut Kohls von 2002 auf eine schiefe Spitze trieb –; übrigens das erste Kanzlerporträt, das vor 23 Jahren der Öffentlichkeit zur Prüfung in einem Museum, der Neuen Nationalgalerie in Berlin, präsentiert wurde. 1974 hielt Günter Rittner Ludwig Erhardt mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den Fingern fest. Von Willy Brandt existieren sogar zwei Porträts, das erste stammt vom wichtigen Nachkriegsmodernen Georg Meistermann, wurde 1985 wegen „stilistischer“ Dissidenz abgehängt und durch jenes von Oswald Petersen ersetzt.Gerhard Schröder scherte mit seinem Bildnis aus der ReiheHelmut Schmidts visuelle Musterung durch den damaligen DDR-Maler Bernhard Heisig hingegen ist stark und hat die interessante deutsch-deutsche Geschichte eines doppelten stilistischen „Grenzübertritts“ (F.A.Z. vom 17. Mai 2025) zum Hintergrund. Gerhard Schröder scherte mit seinem bei Jörg Immendorf in Auftrag gegebenen Bildnis völlig aus der Reihe, indem es das erste nicht staatstragende, antipathetische, geradezu ironische ist. Der Ex-Maoist Immendorf setzt die goldschimmernde Kanzler-Imperatorenbüste auf ein dunkles Oval, lässt ihn aber zugleich von Affen, seinem Markenzeichen, umringt sein, von denen einer einen Bückling vollführt und in der Mitte entzweibricht. Olaf Scholz fehlt bisher, die von Porträts erwartete Psychologisierung des nichtsenden Nichts wäre allemal für jeden Maler eine Herausforderung. Nun kommt erstmals eine Frau hinzu.Ähnlich wie Schröders Porträt ist auch Angela Merkels Bildnis ein Zwitter. In Eigenregie und als Privatfrau beauftragte sie einen jungen, bis dato völlig unbekannten Künstler und bezahlte alles aus eigener Tasche. Der Privatauftrag ermöglicht es ihr, das Bild jederzeit – etwa bei einem nicht genehmen Regierungswechsel – aus dem Bundeskanzleramt abzuziehen. Im Oktober wird das Porträt, nach drei Monaten Ausstellungsprüfzeit im Bode-Museum auf der Museumsinsel, ins Kanzleramt übersiedeln. Urheber ist der achtundzwanzigjährige deutsch-französische Maler Jérémie Queyras, der bis dato nicht durch wesentliche Ausstellungen hervortrat. Das unbeschriebene Blatt malt weit überwiegend abstrakt, und das, obwohl Queyras recht klassisch in London an der Art Academy studiert hat. Seinen Masterabschluss in Fine Arts absolvierte er allerdings in dem gattungsübergreifenden Modefach „Transdisciplinary New Media“. Doch sind auch einige figürliche Porträts von ihm im Netz zu sehen.Altkanzlerin und Jungmaler ließen sich auf ein Abenteuer einVor sechs Jahren habe er sich, so berichtet Queyras bei der Vorstellung des Bildes im Bode-Museum am Dienstagabend treuherzig, in einem Brief mit der Bitte an die Kanzlerin gewandt, sie malen zu dürfen. Erst voriges Jahr, nach dem Erscheinen ihrer Biographie und Distanzsuche, habe sie sich bei ihm mit der überraschenden Beauftragung zurückgemeldet und ihm seit Januar monatelang klandestin in einer schon für die ungestörte Abfassung ihrer Vita angemieteten Wohnung in Berlin Modell gesessen. Mit dem Muster der Erzählung „Altkanzlerin von Jungkünstler gemalt und in ihrer Geburtsstadt Templin auf der Suche nach ihrem Wesenskern umhergeführt“ wird das gemalte und erzählte Rührstück, auf das eine Hamburger Wochenzeitung distanzlos aufsprang, zum Ausweis der sich seit dem öffentlich dokumentierten Sinneswandel im Zuge der Flüchtlingskrise ab 2015 zur „Kanzlerin der Herzen“ stilisierenden Merkel. Nicht nur im Entstehungsprozess des Bildes geht Merkel eigene Wege und behält zu jeder Zeit die Zügel in der Hand; auch das Gemälde selbst weicht ikonographisch in vielen Punkten ab, ist deutlich mehr Privat- als Staatsporträt.Der Maler und sein Modell: Angela Merkel und der Künstler Jérémie Queyras enthüllen das Porträt für die Kanzlergalerie im französischen Saal des Bode-Museums in Berlin.ReutersDass Merkel sehr genau um die feinen Nuancen zwischen Herrscherbild und Privatbildnis weiß, ging schon indirekt aus Marion Ackermanns, der Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Einführungsrede hervor. Sie betonte, wie intensiv sich Merkel seit jeher für Kunst interessiert habe, seien es Vermeer oder Caspar David Friedrich in Dresden oder die physikalischen Eigenschaften blauen Pigments. Antje Scherner, Direktorin des Bode-Museums, sprach über die jahrtausendealte Tradition der Herrscherporträts in ihrem Haus, etwa auf Münzbildern oder den um die 150 dort ausgestellten Porträts bekannter Persönlichkeiten vom Künstler bis zum König. Der französische Saal des Bode-Museums sei wegen der Herkunft des Künstlers gewählt worden; gut vorstellbar, wie nachts die Bilder zum Leben erwachen und angeregt mit der Altkanzlerin in Zwiesprache träten, so etwa Madame Récamier oder die erste Promovendin in Philosophie 1787, die kluge Dorothea Schlözer. Angela Merkel hingegen argumentierte weniger als Bundeskanzlerin a. D., vielmehr als Privatperson, die nun – schon als Kind kunstinteressiert – seit dreißig Jahren schräg gegenüber dem Bode-Museum wohnt, aber durch wohlgesetzte Auftritte wie diesen auch künftig von der Seite in die Politik einzuwirken trachtet. Genau diese Dichotomie spricht aus dem nun für ein breites Publikum enthüllten Bild.Blau als Distanzfarbe ist keine glückliche WahlDarauf steht sie lebensgroß in einen ihrer vielen leuchtend blauen Blazer gehüllt als von der Kunstgeschichte so benanntes „Kniestück en face“ in einem Innenraum neben einem Tisch. Starkes Sonnenlicht fällt durch ein unsichtbares Fenster der linken Seite auf sie und lässt impressionistisch den bräunlichen Hintergrund durch Lichttupfen golden aufleuchten. Das Blau ihres Oberteils mag unaufgeregt-beruhigende Seriosität verkörpern sollen, malerisch ist es als Fernfarbe, die eine Porträtierte schnell einmal „entrückt“, nicht die glücklichste Wahl, zumal Queyras den grellblauen Blazer extrem flächig mit nur zwei Alibi-Zugfalten auf beiden Seiten anlegt und in Merkels linker Schulterpartie noch ein sich mit dem restlichen Farbton beißendes Kobaltblau einführt. Die Flächigkeit des Blaus führt zusätzlich zu einer blockhaften Anmutung des Kanzlerinnenleibs. Ein charakterisierendes Accessoire über den wie stets identisch geschnittenen Blazer hinaus ist am Körper nicht gegeben.Porträts ohne staatstragende Attribute wie einst definieren sich heute vor allem über Mimik und Gestik. Die Altkanzlerinnen-Mimik darf man psychologisierend nennen: In der Tradition der Merkel-Fotografien von Herlinde Koelbls Langzeitprojekt „Spuren der Macht“ haben sich die beträchtlichen Probleme ihrer Amtszeit tief in das Gesicht eingegraben, nichts darin wirkt geschönt oder idealisiert, die stechende Augenpartie ist von geradezu erschreckender und schmerzlicher Präsenz.Die Kanzlerinnenhand als Kraterfeld aus Adern und TälernBei der Gestik haben beide, Altkanzlerin wie Künstler, glücklicherweise auf die charakteristische, aber zu Tode gerittene Merkel-Raute verzichtet. Stattdessen hängt die stark durchäderte rechte Hand an der Seite herab, schlaff und schlecht gemalt; die linke dagegen ruht mit vier Fingern auf der naturweißen Lehne eines Stuhls aus der Sitzecke des Bundeskanzleramts, der aber als solcher ohne genaue Gebäudekenntnis nicht zu identifizieren ist.Zu deuten gibt es mithin außerhalb von Mimik und Gestik nichts. Die Bernsteinkette um den Kanzlerinnenhals gibt – anders als jene um den eines Christuskinds der Renaissance – nichts „Metaphysisches“ zur Interpretation her außer dem losen Verweis auf ihre ostdeutsche Herkunft und Verbundenheit, verbildlicht im Ostsee-Bernstein, wie Merkels treue Gefährtin und Ko-Memoirenautorin Beate Baumann bestätigt. Ein silberner Würfel auf dem Tisch könnte von Ferne auf Dürers Polyeder in der „Melancolia I“ anspielen, aber ach, es ist ebenfalls nur ein persönliches Requisit zur inneren Kanzlerinnen-Beruhigung, in der Realität auf allen sechs Seiten mit je einem Wort des Satzes „In der Ruhe liegt die Kraft“ beschrieben und seit dem Amtsantritt ihr Talisman auf dem Schreibtisch. Einige wenige Papiere daneben zeigen in althergebrachter Ikonographietradition die Vita activa und die Industria, den aktenverzehrenden Fleiß der Altkanzlerin an. Sie ragen aus einer orangen Umlaufmappe, nicht nur ein Wort, das in naher digitaler Zukunft niemand mehr kennen wird, sondern auch ein Objekt, das schon jetzt kaum jemand zu identifizieren vermag.Kann aber das Bildnis des Jungmalers abseits aller Erzählgirlanden in der Kanzlergalerie künstlerisch bestehen? Lacher erntet Queyras in seiner Rede, als er von seiner Hoffnung spricht, die Besucher mögen Merkel erkennen. Das ist zwingend der Fall, allein durch den beinahe herausfordernden Blick. Der Kopf mit den tief ausgeleuchteten Faltentälern ist gelungen, ruht aber zu klein auf einem viel zu mächtigen und flachen Rumpf. Von den Händen schweigt des Dichters Höflichkeit. Aber als eigenständiger Kopf wollte sich Angela Merkel ja offenbar auch verewigt wissen.