Alle reden vom Wetter. Die Bahn aber fährt. Pünktlich auf die Minute verlässt der mit schnittigen Streifen in den Nationalfarben Rot und Grün lackierte Al Boraq die marokkanische Hauptstadt Rabat. Auf der ersten und bislang einzigen Hochgeschwindigkeitslinie Afrikas geht es mit fast 320 Kilometern pro Stunde durch die von den anhaltenden Regenfällen der vergangenen Monate entstandenen Seenlandschaften. Dort, wo das Wasser das Land nicht überschwemmt, setzen Abermillionen von Ringelblumen orangefarbene Tupfer in die golfplatzgrüne Landschaft. Vom Dunst eingehüllte Palmen ziehen vor dem Abteilfenster vorbei. Hirten treiben Kühe und Schafe über das nasse Land, Pick-ups schuften sich mit durchdrehenden Rädern über Schlammpisten.Selbst der viele Regen dieses Winters könne dem zwischen der Wirtschaftsmetropole Casablanca und der Hafenstadt Tanger pendelnden Hochgeschwindigkeitszug Al Boraq nichts anhaben, versichert uns Ahmed Bouhaltit. Der technische Direktor der marokkanischen Eisenbahngesellschaft ONCF, ein freundlicher Herr im silbergrauen Anzug, steigt in Rabat hinzu, um uns über die weiteren Pläne für den Ausbau der Hochgeschwindigkeitszuglinien Auskunft zu geben. 2030 und damit bis zum Beginn der in Spanien, Portugal und Marokko gemeinsam ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft soll der aus Frankreich gelieferte, doppelstöckige Hochgeschwindigkeitszug bis nach Marrakesch fahren. Wenige Jahre später dann folgt der Ausbau nach Agadir und über Meknès und Fès nach Oujda an der Grenze zu Algerien.Pünktlichkeit ist oberstes GebotSchon heute ist der Al Boraq eine Erfolgsgeschichte. Mehr als fünf Millionen Passagiere haben in den vergangenen fünf Jahren den Zug benutzt, dessen Name auf das arabische Wort für Blitz zurückgeht und das geflügelte Pferdewesen bezeichnet, mit dem der Prophet Mohammed von Mekka nach Jerusalem gelangte. Verspätungen von auch nur wenigen Minuten sind die Ausnahme, wie Ahmed Bouhaltit betont. Dann erreicht der Zug Tanger, pünktlich auf die Minute. Glückliches Marokko.Vier Jahre vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft ist das nordafrikanische Königreich ein Land im Aufbruch. Bis 2029 wird der Flughafen von Casablanca zum euro-afrikanischen Drehkreuz mit Direktanschluss ans Hochgeschwindigkeitsnetz ausgebaut. 2030 soll der neue Flughafen Marrakesch eröffnet werden. Bis zum selben Zeitpunkt wird die Infrastruktur von Rabat, Tanger und Agadir modernisiert. Als erste sechsspurige Autobahn des Landes ist im November vergangenen Jahres der Abschnitt von Tot Mellil nach Berrechid in Betrieb genommen worden, um den Großraum Casablanca zu entlasten. Bis 2030 wird das Autobahnnetz von aktuell 1800 auf 3000 Kilometer erweitert. Dem Beispiel des Tiefseehafens Tanger Med folgend, stehen an der Mittelmeerküste mit Nador West Med und an der Atlantikküste mit Port Dakhla Atlantique zwei weitere moderne Handelshäfen kurz vor der Vollendung.Blitzsauber und hochfunktional: Die Bahnhöfe der Hochgeschwindigkeitslinie setzen Maßstäbe. Klaus SimonFür den ohnehin boomenden Tourismus bedeutet die Fußballweltmeisterschaft nochmals kräftigen Rückenwind. Zwischen 2015 und 2025 hat sich die Zahl der Urlauber von zehn auf zwanzig Millionen verdoppelt, was Marokko noch vor Ägypten zum meistbereisten Land des afrikanischen Kontinents macht. Aus Deutschland kamen im vergangenen Jahr fast eine Million Besucher. Vorbei aber sind die Zeiten, als in Agadir Taxifahrer und Kellner vornehmlich Deutsch als erstes Touristenidiom sprachen. Vom früheren zweiten Platz ausländischer Gäste ist Deutschland längst verdrängt worden und rangiert nach Frankreich, Spanien, England, Italien nur noch auf dem fünften Platz, was auch der Konkurrenz durch All Inclusive-Urlaube in der Türkei oder in Ägypten geschuldet ist. Während deutsche Touristen zudem nach wie vor vornehmlich nach Marrakech oder Agadir reisen, hat sich der Zustrom aus anderen Ländern diversifiziert.Davon profitiert besonders Rabat. Die Zeiten, in denen das französische Nachrichtenmagazin „L’Express“ Rabat als „Stadt mit tausendjähriger Geschichte, aber ohne Touristen“ porträtieren konnte, sind vorbei. In der Königsstadt, die 2012 von der UNESCO in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen wurde, liegt die Auslastung in den Hotels zwischen 80 und 90 Prozent, wobei französische Touristen den Löwenanteil stellen. Und es wurde kräftig investiert. Der neue Hochgeschwindigkeitsbahnhof Rabat-Agdal ist der größte Bahnhof ganz Afrikas, inklusive schicker Erste-Klasse-Lounge, perfekt funktionierenden Gratis-Internets sowie der Dependenzen der üblichen Kaffeeröster und Nobelboutiquen. Die Stadt selbst wirkt wie aus dem Ei gepellt. Schattenspender Ficus Benjamini entlang der großen Boulevards der Neustadt sind akkurat zu kantigen Baldachinen gestutzt. Rasenflächen und Beete in den Parks wirken wie mit der Maniküreschere bearbeitet. In der Kasbah sind die Gassen aufgeräumt, in der Medina der aus Andalusien im 17. Jahrhundert geflohenen Muslime Stadttore und Karawansereien perfekt saniert. Zwei moderne Straßenbahnlinien erschließen den Großraum Rabat und pendeln auch ins benachbarte Salé auf der anderen Seite der Mündung des Bouregreg.Selfies vor SäulenstümpfenBeide Linien führen zur Tour Hassan am höchsten Punkt von Rabat, Straßenbahnhaltestelle Place du 18 Novembre. Auf der Ostseite des Hügels, auf dem im 12. Jahrhundert die größte Moschee der Welt entstehen sollte, spucken Reisebusse immer neue Touristengruppen aus. Selfies werden vor Säulenstümpfen gemacht oder auch vor der an den Toren platzierten, berittenen Garde, die keine Miene verzieht. Die wuchtige Tour Hassan war als Minarett der größten und nie vollendeten Moschee auf Erden gedacht und wurde zumindest bis auf eine Höhe von 24 Metern aufgemauert. Der nachts beleuchtete Stumpf gilt als Wahrzeichen der Stadt. Noch. Denn nur einen Steinwurf entfernt zieht das von Zaha Hadid am Ufer des Bouregreg als marmorne Flutwelle gebaute neue Theater – Haltestelle Pont Hassan II – alle Blicke auf sich. Die Eröffnung 2024 durch die Schwester des Königs Prinzessin Lalla Hasna und im Beisein von Brigitte Macron wurde als nationales Ereignis zelebriert. Derweil drehen sich die Baukräne am Ufer des Bouregreg weiter. Um mehr als 200 Meter höher als die Tour Hassan ist die Tour Mohammed VI des spanischen Architekten Rafael de la Hoz. Der schnittige Wohnturm mit einem Waldorf-Astoria-Hotel im Erdgeschoss soll einer Rakete auf ihrer Startrampe ähneln. Die Eröffnung hat gerade stattgefunden. Schon jetzt darf der Bau als das Symbol für den Sprung Rabats ins 21. Jahrhundert gelten.Bäuerinnen aus dem Rif-Gebirge hocken in den überdachten Souks der Medina von Tanger auf dem Boden und verkaufen Schaffrischkäse. Kalbsfüße und Kutteln baumeln am Haken, marokkanische Minze geht in dichten Büscheln über eine Theke. An den Fischständen haben die Händler Rosenblätter über Doraden, Rotbarben und Thunfisch gestreut. Nur knapp eineinhalb Stunden mit dem Al Boraq trennt Tangers enge, mittelalterliche Medina von den aufgeräumten Boulevards in Rabat. Noch näher ist Spanien. Ganze 18 Seemeilen liegen zwischen der marokkanischen Stadt und dem andalusischen Surfer Hotspot Tarifa, und das spürt man allerorten. Ein Modeladen mit dem madamigen Charme vergangener Jahrzehnte wirbt im schmiedeeisernen Schriftzug für „novedades“. Die „Escuelas Españolas“ unweit des Gran Socco-Platzes wurden laut Inschrift 1912 gegründet.Koloniales Erbe: die Cité portugaise in El Jadida Kaus SimonAm Platz selbst gilt das in den frühen Dreißigerjahren errichtete Cinéma Rif als schönster Art-déco-Bau der Hafenstadt. Damals stand Tanger als Internationale Freizone unter der Hoheit von neun Staaten und zugleich am Anfang einer Karriere als Tummelplatz einer Internationale von Schriftstellern, Musikern und Multimillionären. Paul Bowles kam 1931 das erste Mal, verbrachte die letzten Jahrzehnte seines Lebens in Tanger und starb 1999 im italienischen Krankenhaus der Stadt. In Tanger schrieb William S. Burroughs, vom Cannabis berauscht, die Beat-Generation-Bibel „Naked Lunch“. Zwei Jahrzehnte lang feierte die unermesslich reiche und noch unglücklichere Woolworth-Erbin Barbara Hutton in ihrem Palast Dar Hosni rauschende Feste.Doch 1956 war die Party vorbei. Tanger verlor den Status als internationale Freizone und wurde dem Königreich Marokko angegliedert. Mit der Thronbesteigung von Hassan II. fünf Jahre später fiel die Stadt in Ungnade: zu viel Sex and Drugs and Rock 'n' Roll. Eine Zeit lang noch hielt sich der Mythos. Die Rolling Stones schauten mehrmals vorbei, zuerst 1967, zuletzt 1989. Malcolm Forbes kaufte sich 1970 einen stattlichen Palast, der heute ein Museum für die Zinnsoldatensammlung des amerikanischen Verlegers beherbergt. Ansonsten tat sich nicht viel.Die aufregendste Stadt MarokkosEs sollte bis zur Jahrtausendwende dauern, bis Tanger wieder ins Rampenlicht treten konnte. Mohammed VI., seit 1999 auf dem Thron, spendierte der Stadt den Tiefseehafen Tanger-Med, einen neuen Flughafen, einen Bahnhof für den Al Boraq und ließ den ehemaligen Wohnsitz des Bürgermeisters zur königlichen Sommerresidenz umbauen. Im Zuge einer Sanierungskampagne sind zudem hinter den hohen Mauern und Zinnen der Kasbah gleich drei Museen entstanden, eines davon zu Ehren von Tangers Säulenheiligem Ibn Battoutta, der im 14. Jahrhundert fast vierzig Länder bereiste, dafür in 29 Jahren 100.000 Kilometer zurückgelegte und darüber aufschlussreiche Berichte verfasste.Ein paar Häuser vom Museum entfernt, konnte die Weltenbummlerin Anne Igou, die in ihrer Heimatstadt Arles das legendäre Hotel Nord-Pinus vor dem Untergang gerettet hatte, vor 20 Jahren einen verfallenden Sultanspalast mit Meerblick in der Kasbah kaufen. Als Nord-Pinus Tanger ist der verschachtelte Bau heute eine der luxuriösesten Unterkünfte der Stadt. Es gibt nur eine Handvoll Zimmer, dazu einen umwerfenden Blick von der Dachterrasse auf den Hafen und die spanische Küste und großformatige Schwarz-Weiß-Fotos des Mode- und Starfotografen Peter Lindbergh an den Wänden, mit dem Igou verheiratet war. „Tanger ist wieder die aufregendste Stadt Marokkos, kreativ, vibrierend und immer im Wandel“, begründet die Hôtelière ihren Umzug auf die andere Seite des Mittelmeers. Die Südfranzösin steht mit ihrem Urteil nicht allein. Die Stadt zählt heute knapp 1,3 Millionen Einwohner, fast doppelt so viele wie zu Anfang des Jahrtausends.Sehnsuchtsziel vieler Künstler und Lebemenschen: Tangers Reiz ist ungebrochen.Picture Alliance / SZ PhotoNach El Jadida fährt der Al Boraq nicht. Dafür verkehrt zuverlässig ein Regionalzug ab Casablanca. In der Hafenstadt kommt die Sonne heraus. Hibiskus blüht blutrot, Palmen kratzen am Azurblau des Himmels. Samtiges Grün sprießt aus allen Ritzen und Fugen der begehbaren Mauern, mit der die Portugiesen ihren im 16. Jahrhundert knapp hundert Kilometer südlich von Casablanca gegründeten Handelsstützpunkt Mazagão befestigten. Erst 1769 zogen die Portugiesen wieder ab. Aus Mazagão wurde El Jadida, „die Neue“, doch die meisten der alten Bauten der Europäer sind erhalten geblieben. Die ehemalige Pfarrkirche war im 19. Jahrhundert Sitz eines britischen Konsulats und dient heute als Theater mit samtroten Fauteuils und den Grabplatten portugiesischer Statthalter an den Wänden. Der Turm der Zitadelle wurde zum Minarett und in den Bau auch die örtliche Polizeistation einquartiert. 2004 erklärte die UNESCO die „Cité portugaise“ zum Welterbe.Bei unserer Ankunft knattern Traktoren über die von Souvenirboutiquen gesäumte Hauptstraße direkt vor das Café do Mar, dessen Dachterrasse wie ein Logenplatz auf die gegenüberliegende Seepforte ausgerichtet ist. Netflix hat sich für Dreharbeiten angekündigt. Worum es genau geht, kann oder möchte uns niemand sagen. Nur so viel: Die Boote, die auf dem Platz vor dem Café von den Anhängern der Traktoren geholt werden, dienen als Staffage. Gedreht wird in El Jadida nicht zum ersten Mal. Orson Wells war von den ockergelben Fassaden, verschwiegenen Gassen und wuchtigen Mauern begeistert. 1951 filmte der Amerikaner in der kathedralgroßen Zisterne unter der Zitadelle einige Szenen für seinen „Othello“.Der Bau mit dem eleganten Rippengewölbe ist wegen Sanierungsarbeiten vorerst nicht zu besichtigen. 25 Millionen Euro werden in den kommenden Jahren in die Sanierung der Festungsstadt investiert. El Jadida, dessen kilometerlange Sandstrände bislang vor allem Sommerfrischler aus dem eigenen Land anlocken, soll für ausländische Touristen attraktiver werden. Zugleich wird die Bahnlinie nach Casablanca modernisiert. Die nach Abschluss der Arbeiten einsetzbaren Regionalexpresszüge rücken den Küstenort dank einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Kilometern pro Stunde auf weniger als 60 Minuten Fahrtzeit an die Wirtschaftsmetropole des Landes und damit an die Atlantiklinie des El Boraq heran.Davon dürfte auch Azemmour profitieren. El Jadidas kleine Schwester liegt am linken Ufer des Oum er Ribia und bekam erst vor Kurzem einen neuen Bahnhof. Wieder schützen portugiesische Festungsmauern die Medina. Jugendliche spielen auf den Plätzen Fußball, Wäsche flattert im Wind, ein Bäcker lädt in seine Backstube ein, auch ein Weber winkt freundlich herein. Auf Schritt und Tritt zieren Wandbilder Fassaden und Mauern, die Azemmour den Ruf als Künstlerkolonie eingebracht haben – nicht umsonst ist aus der ehemaligen Grundschule die Maison de l’Artisan geworden. In den um den Innenhof gruppierten Ateliers geben Kunsthandwerker ihr Wissen an jüngere Generationen weiter. Einer davon heißt Homine Bouchaid. Der Zollbeamte im Ruhestand ist gelernter Instrumentenbauer, der sich auf die Kurzhalslaute Oud spezialisiert hat. Der Vierundsiebzigjährige sucht dringend einen Lehrling. Vielleicht meldet sich jemand aus Casablanca. Schließlich dauert die Zugfahrt keine Stunde, selbst bei Regen.Informationen: Marokkanisches Nationales Büro für Tourismus, Berliner Allee 59, 40212 Düsseldorf, Telefon: 0211/54070128, www.visitmorocco.com/de.
In Marokko: Afrikas erster Hochgeschwindigkeitszug
Der erste Hochgeschwindigkeitszug Afrikas verbindet die marokkanische Hauptstadt Rabat mit Tanger – und ist nur das sichtbarste Zeichen des Fortschritts in einem Land, das bei aller Zukunftszuversicht seine Wurzeln nicht vergisst.









