Arbeitsmigranten, Lasertag und heimlich mitgebrachter Alkohol: Die Metro von Riad führt durch eine Stadt voller GegensätzeSeit rund einem Jahr verfügt die Hauptstadt von Saudiarabien über die längste fahrerlose Metro der Welt. Wer mit der Linie 1 die Wüstenmetropole durchquert, begibt sich auf eine Zeitreise durch das Königreich.18.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSeit einem Jahr transportiert eine brandneue Metro Passagiere durch Riad.Hamad I Mohammed / ReutersDer Zug der Metrolinie 1 kommt fast lautlos in den Bahnhof gefahren. Ein paar Bauarbeiter steigen ein, ebenso saudische Männer in wallenden weissen Gewändern. Die Sonne scheint, als sich die vier Wagen in Bewegung setzen. Alles ist neu: die Station mit ihren Rolltreppen und den blinkenden Ticketautomaten, die Betonsäulen, die die staubigen Strassen überragen, und auch die Stimme, die die nächste Haltestelle ansagt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit rund einem Jahr verfügt die saudische Hauptstadt Riad über ein Metrosystem. Und weil Saudiarabien, dieses Wunderland des allmächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman, stets ein Ort der Rekorde sein muss, ist das brandneue Nahverkehrssystem in Riad gleich auch die längste fahrerlose Metro der Welt.Sechs Linien mit einer Gesamtlänge von 175 Kilometern und 85 Stationen durchziehen inzwischen die riesige Hauptstadt des ölreichen Königreichs – mal als Hochbahn, mal tief im Untergrund. Fast fünfzehn Jahre wurde an dem Riesenprojekt gebaut, immer wieder kam es zu Verzögerungen, Verantwortliche wurden entlassen.Als die ersten Stahlträger hochgezogen wurden, war Saudiarabien noch ein verschlossenes Land, in dem Frauen nicht Auto fahren durften. Bei der Eröffnung der Bahn, im November 2024, fanden im Königreich längst Pop-Konzerte statt. Wer in die Linie 1 einsteigt, die Riad von Süd nach Nord durchquert, unternimmt nicht nur eine Fahrt durch eine vierzig Kilometer lange Grossstadt – sondern auch eine Zeitreise von der Vergangenheit in die Zukunft Saudiarabiens.Öffentlicher Verkehr im Land der Rekorde: Riad hat sich die längste fahrerlose Metro der Welt geleistet.Hamad I Mohammed / ReutersFast die Hälfte der Einwohner sind ArbeitsmigrantenLos geht es im tiefen Süden der Sechs-Millionen-Metropole. Vom blitzblanken Saudiarabien der Zukunft mit seinen Wolkenkratzern und Megaprojekten ist hier nichts zu sehen. Stattdessen treibt der Wind Staub über weite Strassen und triste Häuserblöcke. Afrikanische und asiatische Arbeiter hasten vorbei, in den ärmlichen Shops rattern die Kühlschränke. An den Kreuzungen betteln Frauen.Nach aussen hin wirkt Saudiarabien wie ein reiches Land. Doch viele Bewohner von Riad sind es nicht. Fast die Hälfte sind Arbeitsmigranten. Für sie ist die neue Metro, wo ein Ticket rund 1 Franken kostet, das bevorzugte Verkehrsmittel. Er selbst habe die Bahn noch nie benutzt, sagt der saudische Taxifahrer auf dem Weg zur südlichen Endstation. Der Mann arbeitet eigentlich als Rettungssanitäter. Doch weil das im immer teurer werdenden Saudiarabien nicht zum Leben reicht, fährt er nebenher Uber.Als die Bahn über die Stützpfeiler hinweg nach Norden gleitet, steigen immer mehr Leute ein. Irgendwann taucht der Zug in den Untergrund ab. Oben liegt das Regierungsviertel Saudiarabiens mit dem Nationalmuseum, wo gerade eine Ausstellung über alte saudische Münzen gezeigt wird. Das Königreich, das den Namen seiner Herrscherfamilie trägt, will zeigen, dass es ein Nationalstaat ist.Endlose Rolltreppen, riesige HallenLange war Riad eine Autostadt, befeuert vom Ölgeld. Der Stadtplaner Constantinos Doxiadis hatte die Stadt in den siebziger Jahren als gewaltiges Schachbrett entworfen – mit breiten Autobahnen und riesigen Häuserblocks. Doch Kronprinz Mohammed bin Salman will sein Land in Zukunft vom Erdöl unabhängig machen. Deshalb investiert er Milliarden in Grossprojekte, die neue Wirtschaftszweige ankurbeln sollen.Das Königreich in der Wüste hat Stararchitekten engagiert, um Metrostationen zu bauen, die wie Paläste aussehen.Mohammed Benmansour / ReutersÜberall in Riad entstehen jetzt Parks und neue Überbauungen. Für die Metro liess bin Salman lauter Stararchitekten antanzen, die gewaltige Stationen schufen. Manche von ihnen sehen aus wie Paläste. Man fährt endlose Rolltreppen hoch, durchschreitet riesige Hallen. Gleichzeitig sind die Züge immer noch geschlechtergetrennt, und es gibt sogar eine erste Klasse.Ungefähr in der Mitte der 38 Kilometer langen Linie 1 liegt der Markt von Taiba. Hier sieht es immer noch aus wie im Saudiarabien der siebziger Jahre. Die winterliche Mittagssonne taucht den tristen Betonkomplex mit seinen breiten Gängen in ein sepiafarbenes Licht, wie auf einem alten Foto. Verschleierte Frauen sitzen auf dem Steinboden und verkaufen billiges Spielzeug.Die Modernisierungen in der Stadt seien ja schön und gut, sagt ein junger Mann aus Jemen, der in einem der zahlreichen Goldgeschäfte arbeitet. Aber am Ende kämen viele Leute immer noch gerne hierher, auf den alten Markt. Trotzdem spüre man die Konkurrenz der riesigen Shoppingmalls, die überall aus dem Boden gestampft würden.Die Goldgeschäfte in Taiba gehören saudischen Grossunternehmern, alteingesessenen Händlern, die über Jahrzehnte zu Geld gekommen sind. Sie repräsentieren das alte Saudiarabien, das konservative Beduinenland, wo Entscheide meist kollektiv gefällt wurden. Neuerdings bestimmt aber nur noch einer, wo es langgeht: Kronprinz Mohammed bin Salman, der das Land mit harter Hand von oben herab reformiert. Der Thronerbe hat die einst streng konservativen Sitten gelockert und die jungen Saudi zum Arbeiten geschickt.Im Freizeitpark gibt es eine War-ZoneBin Salmans Saudiarabien beginnt weiter nördlich, rund um die Kreuzungshaltestelle King Abdullah Financial District (KAFD), die von der libanesischen Stararchitektin Zaha Hadid entworfen wurde und aussieht wie der Kopf einer riesigen Kobra. Rundherum ragen die blinkenden Hochhäuser des KAFD, des neu errichteten Geschäftsbezirks von Riad, in den Nachmittagshimmel. Sie sollen in Zukunft dem benachbarten Dubai Konkurrenz machen.Trotz allem Fortschritt in Saudiarabien: Frauen müssen in der Metro in eigenen Wagen fahren.Hamad I Mohammed / ReutersWestlich davon liegt der Freizeitpark Boulevard World, für den unter anderem eine Strasse aus Paris, eine italienische Kleinstadt, ein asiatischer Markt und eine Pappmaché-Kopie der Pyramiden nachgebaut wurden – mitsamt importierten Einheimischen, die Essen und Attraktionen feilbieten. Sogar eine War-Zone ist vorhanden – eine Art nachgestelltes Kriegsgebiet, wo man Lasertag spielen und echte Pistolen kaufen kann. Die Angestellten kommen aus Afrika und tragen falsche schusssichere Westen.Die Linie 1 endet in Riads reichem Norden. Hier liegt die Zukunft der Wüstenmetropole. In einem nahen Vorort, wohin bis jetzt noch keine Bahn führt, soll demnächst auch ein ganzes Künstlerviertel aus dem Boden gestampft werden – mitsamt Ateliers und vorgefertigten Graffiti an den Wänden. Noch ist nichts fertig bis auf eine Art verstecktes Kulturzentrum, wo am Wochenende Techno-Partys stattfinden.Wie im Berlin der neunziger JahreUmgerechnet 100 Dollar muss man zahlen, um hier feiern zu können. Drinnen gibt es eine Bar, wo – wie überall im trockenen Saudiarabien – nur alkoholfreie Getränke verkauft werden. «Das ist eine islamische Bar», spottet ein junger Saudi, der im Finanzbereich arbeitet. Dann greift er in die Innentasche seiner Jacke und bringt eine PET-Flasche mit transparenter Flüssigkeit zum Vorschein. Er giesst diese heimlich in zwei Plastikbecher mit Red Bull. «Schnaps. Das haben hier fast alle dabei.»Auf der Tanzfläche legt ein DJ Elektro-Musik auf, saudische Frauen in Stiefeln und Cargo-Pants tanzen gemeinsam mit Männern. Alle sind extrem freundlich und lachen die ganze Zeit. Die Stimmung erinnert an die Techno-Partys im Berlin der neunziger Jahre, als die Szene noch frisch und neu und ein bisschen naiv war. Nur dass das Interieur hier brandneu und teuer ist – und die Leute offensichtlich wohlhabend.Auf dem Balkon übergibt sich ein junger Mann. Zwei weitere fassen sich gegenseitig in die Haare. «Sie sind schwul, haben aber als Alibi marokkanische Frauen mitgebracht», sagt der Banker, der jetzt ebenfalls draussen steht und raucht. In der Ferne sind die Lichter von Riad zu sehen – eine weite, leuchtende Fläche, umgeben von der Finsternis der Wüste. Auf der Rückfahrt mit dem Taxi geht es an einer Baustelle vorbei. Hier wird bereits an der Verlängerung der Metro gebaut.Sechs Metrolinien mit einer Gesamtlänge von 175 Kilometern führen durch die saudische Hauptstadt.Hamad I Mohammed / ReutersPassend zum Artikel