Moya hat warme Haut, hört immer zu, soll für einsame Seelen da sein. Ein Treffen mit einem Roboter aus einer dystopischen Zukunft.Gioia da Silva (Text), Mayk Wendt (Bilder)04.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEs ist eine ungewöhnliche Besucherin, die im Saal des Davoser Altersheims Guggerbach in die Kameras lächelt: eine Asiatin, perfekt geschminkte Augen, ein zierlicher Mund, eine glitzernde Haarspange in den langen, rosaroten Locken. Moya heisst sie, spricht fliessend Deutsch, Englisch, Mandarin. Jede andere Sprache könnte sie auch noch lernen, das ist eine Frage der Konfiguration.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Moya ist ein Roboter, aus ihrem Mund spricht ein KI-Modell, in ihrem Körper stecken Zahnräder, Schrauben, Kabel. Aber äusserlich soll der Roboter so aussehen wie eine Frau. Seine Silikonhaut wird auf 36 Grad geheizt, man soll ihn umarmen können, sich an ihn lehnen, ihm das Herz ausschütten. Moya soll für Menschen da sein, mit ihnen Karten spielen, sie zum Lachen bringen. Eine künstliche Freundin, wo echte, menschliche Kontakte fehlen.Sieht so die Zukunft aus? Das fragen sich die Besucher des Davoser Tech Summit, die sich am Donnerstag verschiedene humanoide Roboter anschauen, aber bei Moya auffällig lange stehen bleiben. Was kann diese schöne Frau, die eigentlich keine ist? Und was fehlt noch, bis sie die kostbare letzte Lebenszeit unserer betagten Eltern ausfüllt, wie es ihre Erschaffer versprechen?Der Roboter Moya der Firma Droid-Up trifft im Davoser Altersheim Guggerbach auf eine Bewohnerin.Hat sie wirklich Körpertemperatur? Eine Besucherin streicht Moya über die Wange. Davos Tech Summit, 2. Juli 2026.«Ich muss arbeiten. Aber du bist mir wichtig»Um Moya hat sich eine Traube von Schaulustigen gebildet. Sie lächelt in die Menge, bewegt den Kopf sanft hin und her, blinzelt. Dann streckt sie jäh die Hand nach oben, winkt.Die Geste wirkt ungewollt komisch. Ein bisschen sieht es aus, als stünde sie auf einem Schiff, das einen Hafen verlässt, und wolle auf sich aufmerksam machen. Dabei stehen die Besucher höchstens fünf Schritte von ihr entfernt.Der Arm bewegt sich mechanisch, ein Mensch müsste lange üben, um eine derart steife Bewegung nachmachen zu können. Die Menge ist trotzdem begeistert, die Leute strahlen Moya an, viele filmen oder fotografieren sie mit dem Handy.Etwas abseits steht Bai Xinyu, Strategiechefin von Droid-Up, der Herstellerfirma. Sie beobachtet das Treiben mit einem Lächeln. Dann erklärt sie, welche Pläne das Unternehmen mit Moya hat: Der Roboter sei gemacht für ältere Menschen, damit sie nicht so einsam seien. «Kinder können ihren Eltern einen solchen Roboter schenken. Damit zeigen sie: Ich muss arbeiten. Aber du bist mir wichtig.»Der Frage, ob das nicht dazu führen könnte, dass die alten Menschen noch häufiger allein bleiben, weicht Bai aus. Stattdessen sagt sie: «Wenn alte Menschen daheim umfallen, ist es gefährlich.» Moya könne solche Unfälle überwachen und, wenn nötig, reagieren.Robo-Freundin soll auch den Haushalt erledigenMoya soll nicht nur für Begleitung und Freundschaft sorgen, sondern auch den Haushalt schmeissen. Sie soll putzen können, waschen und aufräumen.Das ist viel versprochen. Robotik-Experten betonen immer wieder, wie komplex Hausarbeit ist und dass es noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte dauern dürfte, bis Roboter zuverlässig ein Weinglas abwaschen oder ein zerknülltes T-Shirt auf die Wäscheleine hängen können. Eines der grössten Probleme der Robotik sind die Hände: Sie sind noch viel zu ungeschickt.Wissenschaftliche Durchbrüche fehlen auch bei der sozialen Interaktion. Nur schon eine einfache Geste, zum Beispiel eine Hand zu schütteln, ist für einen Roboter schwierig. Schliesslich setzt die Handlung eine fortlaufende Interaktion voraus: Wie lange will der Mensch die Hand halten? Wie viel Druck ist angemessen? Zieht der Mensch die Hand des Roboters an sich, muss er das Gleichgewicht halten können. Lässt er sie schnell wieder los, darf der Roboter nicht festklammern.Körpersprache auf Niveau KleinkindEine Besucherin in Davos bekommt das zu spüren. Sie streckt Moya die Hand hin. Doch der Roboter reagiert nicht. Falls ihre Kameras die Hand erkannt haben, ignoriert sie sie. Sie dreht den Kopf leicht zur Seite, blinzelt, bewegt die Lippen, ohne etwas zu sagen.Dann hält sie plötzlich inne. Sie blinzelt nicht mehr, der Kopf bleibt still. Jetzt könne man ihre Hand berühren, sagt ein Droid-Up-Angestellter, der hinter dem Rücken eine Fernsteuerung für Moya versteckt. Die Menschen rücken näher, inszenieren mit der steifen Hand Fotos, die nach einem Handschlag aussehen.Roboter können noch keine Hände schütteln. Deshalb wird Moya für diese Aufnahmen kurz in eine Art Stand-by-Modus gesetzt.Danach scheint die Masse Moyas Fähigkeiten durchtesten zu wollen. Ein Besucher sagt: «Hallo Moya, wie gefällt es dir in Davos?»Moya murmelt erst etwas Unverständliches, dann sagt sie: «Die Schweizer Landschaft ist wunderschön. Aber es ist die menschliche Verbindung, die diese Erfahrung wirklich bedeutend macht für mich.» Ihre Lippen sind schlecht synchronisiert und bewegen sich unnatürlich, den Kopf dreht sie zur Seite, weg von der Person, mit der sie eigentlich spricht.Interessiert sich angeblich mehr für Menschen als für die Landschaft: Moya im Gespräch mit Besuchern des Tech Summit. Davos, 2. Juli 2026.NZZAls nächstes tritt ein Mann aus der Menschentraube, der Moya schon seit zwei Tagen kennt: René Vogel, selbst Robotik-Unternehmer, der die Reise von Droid-Up begleitet. Er stellt sich so nah vor den Roboter, dass man es bei einer echten jungen Frau unanständig finden würde. Er berührt Moyas Gesicht, schaut ihr in die Augen. Er hält den Blickkontakt und geht im Zeitlupentempo zur Seite. Wie man es mit einem Baby tut, wenn man sehen will, ob es seinen Kopf schon absichtlich drehen kann.Das Experiment gelingt: Moya dreht den Kopf, die Bewegung ist starr, wirkt mechanisch, aber der Augenkontakt bleibt erhalten. «Das ist die Zukunft», wird Vogel später sagen.Und dann fällt sie doch zu BodenDie Besuchergruppe muss weiter. Ein letztes Foto, dann geht die Tour zum nächsten Roboter. Die Droid-Up-Strategiechefin Bai bleibt bei Moya und wird nachdenklich. Auf die Frage, ob sie selbst eine Moya kaufen würde, sagt sie: «Nein, persönlich nicht. Bis jetzt.»Bevor sie ihre Antwort begründen kann, passiert es: Mit einem dumpfen Rumpeln fällt Moya zu Boden. Ihre Beine geben nach, ihr Oberkörper klappt in einer Pose nach hinten, die bei einem Menschen wohl zum Bruch der Wirbelsäule führen würde: Die Hüfte ragt nach oben, die Beine sind gefaltet, der Kopf liegt am Boden.Hören Sie hier, wie der Roboter zu Boden fälltBai rennt mitten im Gespräch davon, zerrt gemeinsam mit einem weiteren Droid-Up-Angestellten den Roboter auf die Füsse. Doch Moyas Beine geben nochmals nach. Ohne den Helfer würde sie erneut zu Boden fallen. Er greift ihr unter die Arme, hebt sie hoch, worauf Moya unkontrolliert um sich tritt. Nur mit Glück, so scheint es, tritt sie dem Mann nicht ans Schienbein.Eben ist Moya für ein Porträtfoto ein paar wacklige Schritte zu einer weissen Wand gegangen. Dann sackt der Roboter plötzlich in sich zusammen.Danach ist der Sturm vorbei. Moya lässt sich hinstellen, hält sich ohne Hilfe aufrecht, lächelt, ihr Blick geht leicht nach oben, scheint auf etwas Unsichtbares in der Ferne zu zielen. Bai richtet dem Roboter die rosaroten Haare. Dann kommt die nächste Welle an Besuchern.Gesicht frei wählbar: auch eines von Toten?Li Qingdu, Gründer und CEO von Droid-Up, mischt sich unter die Menschen. Im Gespräch sagt er, Kunden würden Moya frei gestalten können: Das Aussehen ihres Gesichts könnten sie wählen, Haarfarbe und Frisur ebenso.Angesprochen auf die Frage, ob es auch möglich sein werde, eine verstorbene Person in Form des Roboters zurückzubringen, murmelt er etwas Unverständliches.Austauschbar: Die Herstellerfirma Droid-Up kann Moya auch andere Gesichter aufsetzen.Gefragt nach dem Preis, für den man Moya kaufen kann, sagt er: «60 000». Er bestätigt die Zahl, aufgeschrieben in einem Notizbuch, und ergänzt: «Euro». Einem anderen Journalisten sagt er am gleichen Tag, der Roboter koste 50 000. Online findet man Berichte über Kosten von 165 000 bis zu 200 000 Dollar.50 000 oder 200 000 Dollar? Li Qingdu, Gründer und CEO von Droid-Up (links, in Schwarz), macht unterschiedliche Angaben zum Verkaufspreis des Roboters. Davos, 2. Juli 2026.Im Einsatz auf chinesischen Polizeiposten?Auch die bereits verkaufte Stückzahl bleibt obskur. Der CEO Li sagt, es gebe 2000 Vorbestellungen, aber noch keine ausgelieferten Exemplare. Die Strategiechefin Bai sagt, 400 bis 500 Roboter seien schon verkauft und bei Kunden im Einsatz. Eine schriftliche Medienanfrage lässt Droid-Up unbeantwortet.Gefragt nach dem Einsatzgebiet der angeblich bereits verkauften Roboter erklärt Bai, es gebe chinesische Polizeiposten, die Moya mit einer Gesichtserkennungssoftware aufgerüstet hätten. «Moya vergisst kein Gesicht, das sie jemals gesehen hat. Sie erkennt alle Menschen, die in einer Polizeidatenbank gespeichert sind.»Nachgefragt, ob auch der Roboter im Davoser Altersheim mit der Gesichtserkennung ausgerüstet sei, sagt Bai: Nein, das koste extra. Hier sei nur die Basisversion im Einsatz.Wie ein Mahnmal steht sie auf der BühneDann ist es Zeit für Moyas Abgang. Sie soll an diesem Abend noch in der SRF-Sendung «Donnschtig-Jass» auftreten, dafür muss sie zur Hauptprobe. Weil sie nicht selbst laufen kann, packt ein Helfer sie unter den Achseln und wuchtet sie auf einen Rollstuhl.Als Moya über die Wiese beim «Donnschtig-Jass» geschoben wird, knickt ihr Körper zur Seite. Der Helfer richtet sie auf, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. Die Geste ist sanft, man könnte auch sagen: liebevoll. Ja, er könne sich vorstellen, dass Moya Frühstück für ihn zubereiten könnte, sagt der Helfer, irgendwann einmal. Es ist der gleiche Mann, dem Moya davor fast ans Schienbein getreten hätte.Eigentlich sollte sich der Roboter um die Menschen kümmern. Im Moment ist es noch umgekehrt. Das Droid-Up-Team bringt Moya zur Hauptprobe des «Donnschtig-Jass».Dystopische Ikone: Während der Hauptprobe steht Moya mehrere Minuten allein auf der Bühne.Später steht Moya auf der Bühne des «Donnschtig-Jass». Der Moderator Stefan Büsser ist von der Bühne gesprungen, Moya bleibt oben, hingestellt und nicht abgeholt. Dort thront sie, minutenlang, als Symbol für die Moderne, als Wette auf die Zukunft – und als wunderschönes Mahnmal für eine Dystopie, in der menschliche Nähe an ein Produkt ausgelagert wird, das auch der lückenlosen staatlichen Überwachung dient.Passend zum Artikel
Roboter gegen die Einsamkeit: Chinesische Firma bringt mit Moya eine künstliche Freundin nach Davos
Moya hat warme Haut, hört immer zu, soll für einsame Seelen da sein. Ein Treffen mit einem Roboter aus einer dystopischen Zukunft.











