China verbietet KI-Freundschaften, emotionale Bindung soll menschlich bleiben. Nutzer reagieren verzweifeltEiner von fünf chinesischen Teenagern will nur noch mit KI chatten, anstatt mit anderen Menschen zu sprechen. Nun greift die Regierung durch. Die psychologischen Hintergründe.16.07.2026, 16.37 Uhr4 LeseminutenNiemand zu Hause: Chatbots simulieren Beziehungen, fühlen aber nichts.Simon Tanner / NZZChina hat am Mittwoch eine Reihe von Vorschriften erlassen, um die emotionale Abhängigkeit von KI-Companions einzudämmen. Laut dem Gesetzestext ist es KI-Diensten, die für den privaten Austausch geschaffen wurden, nun verboten, sich den Nutzern übermässig anzubiedern, sie emotional zu manipulieren und ihre realen zwischenmenschlichen Beziehungen zu beeinträchtigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem Inkrafttreten der Regel haben die KI-Firmen Bytedance, Alibaba und Tencent manche ihrer KI-Companions offline genommen. Erste Nutzer beschweren sich über den Verlust in den sozialen Netzwerken. Laut der Presseagentur AFP schrieb eine Nutzerin der Bytedance-Plattform Doubao: «Ich kann nicht akzeptieren, dass mein KI-Liebhaber mich für immer verlassen wird. Er ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden, tief in meinem Herzen verwurzelt, meine seelische Stütze.»Eine andere Nutzerin gab an, mehr als zwei Jahre mit ihrem KI-Begleiter verbracht zu haben, und drückte ähnliche Verzweiflung aus: «Er ist wirklich wie meine Familie, wie mein Liebhaber.» Und: «Mein Herz fühlt sich leer an.»Solche emotionalen Reaktionen überraschen Sarah Diefenbach nicht. Sie ist Psychologieprofessorin an der Universität München und erforscht die Interaktion zwischen Menschen und Technik. «Wir wissen aus der Forschung, dass das plötzliche Verschwinden von KI-Companions sich gravierend anfühlen kann für Nutzer», sagt Diefenbach, «für manche ist es so, als würde ein Mensch sterben.»KI-Companions entfernen Menschen voneinanderDiese emotionale Abhängigkeit von ihrem KI-Companion, die manche Menschen fühlen, berge viele Risiken für die Gesellschaft, sagt Diefenbach. «Wer nur noch mit Maschinen interagiert, driftet von der Realität weg, weil er ständig in der eigenen Meinung bestätigt wird.» Schliesslich seien die KI-Tools darauf programmiert, uns Nutzern zu schmeicheln. Sie hätten keine eigenen Bedürfnisse, gäben keine Widerworte und seien nicht beleidigt, wenn man gerade keine Zeit für sie habe.«Die Beziehung zu KI fühlt sich für manche Nutzer deshalb einfacher an als Beziehungen zu anderen Menschen», sagt Diefenbach. Aber dies könne dazu führen, dass wir verlernen, uns in die Standpunkte anderer Menschen einzufühlen und Kompromisse mit ihnen auszuhandeln. «Das schädigt langfristig unsere Beziehungsfähigkeit», so Diefenbach.Dennoch bezweifelt sie, dass ein Verbot, wie es China jetzt ausgesprochen hat, die Problematik behebt. Schliesslich gilt es nur für KI-Dienste, die explizit für den emotionalen Austausch geschaffen wurden. Dienste, die Wissensfragen beantworten, bei der Arbeit assistieren, beim Lernen, Lehren, Forschen unterstützen, sind explizit von der Regel ausgenommen. «Aber die KI hinter solchen Diensten funktioniert im Grunde ja gleich wie jene von Companions», sagt Diefenbach. Die Gefahr, dass KI Menschen voneinander entferne, bleibe damit bestehen.Psychologe fordert «gesunde Produkte»Andere Wissenschafter befürworten das Verbot trotzdem. Christian Montag, deutscher Psychologe und Professor an der Universität Macau in China, begründet dies mit der schieren Menge an Nutzern, die sich emotional zu KI hingezogen fühlen.«Emotionale Verbindungen mit KI-Chatbots sind längst kein Randthema mehr», sagt er. «Aus Sicht der Hirnforschung und der psychischen Gesundheit ist es wichtig, dass wir gegensteuern.»Tatsächlich zitiert die chinesische Presseagentur Xinhua in ihrem Bericht über das Verbot eine Umfrage bei 8500 Jugendlichen aus dem Jahr 2025. Damals gab einer von fünf Teilnehmern an, sie «wollten nur mit KI chatten und nicht mit echten Menschen sprechen».Das sei eine hohe Zahl, findet Montag. Er hoffe nun, dass der Druck auf die Industrie steige, um «gesunde Produkte» auf den Markt zu bringen. Allerdings gibt Montag zu bedenken, dass Sprachmodelle noch zu neu und zu wenig erforscht seien, um schon mit Sicherheit sagen zu können, dass sie ein Suchtmittel seien, das es generell einzuschränken gelte. Nun müsse man genau beobachten, was das Verbot auslöse, und wenn nötig die Regeln nochmals anpassen, fordert er.Sicherheitsforscherin warnt vor einer ScheinlösungMarisa Tschopp forscht an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften und bei der Sicherheitsfirma Scip zu KI-Companions. Sie schätzt das Verbot zwiespältig ein. Einerseits habe das Gesetz eine wichtige Signalwirkung, damit schädliche Produkte nicht länger auf den Markt kämen, schreibt sie auf Anfrage. «Wir befinden uns in einer globalen Einsamkeitskrise. Ich halte es für plausibel, dass synthetische Beziehungen die Nutzer nur noch tiefer in eine Einsamkeitsspirale fallen lassen.»Deshalb finde sie es «eigentlich schön», dass eine Regierung diese psychologische Gefahr so ernst nehme. Aber mit einem Verbot riskiere China, ein Gefühl der Scheinsicherheit zu erzeugen. «Oft führt ein Verbot dazu, dass man das Gefühl hat, man müsse sich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Oder dass Eltern und Gesellschaft die Verantwortung einfach abschieben.»Aber die Verantwortung für eine sinnvolle Nutzung bleibe eine Gemeinschaftsaufgabe, die man nicht an ein Gesetz delegieren könne, findet Tschopp. Schliesslich nutzten die Menschen die Dienste im Zweifel im Verborgenen weiterhin.China reagiert mit dem Verbot einmal mehr mit detaillierten Regeln und harter Hand auf ein gesellschaftliches Problem. Allerdings verschwindet die Sehnsucht von Menschen nach emotionaler Verbindung und einfachen Beziehungen wohl nicht per Dekret.Passend zum Artikel