Algerien trauert. Am Freitagmorgen flog die Fußball-Nationalmannschaft aus der Weltmeisterschaft. Algerien unterlag im Sechzehntelfinale torlos der Schweiz. Die kollektive Enttäuschung drängte ein anderes Ergebnis in den Hintergrund. Nämlich, dass bei der Parlamentswahl am Donnerstag so wenige Algerier abstimmten wie nie zuvor.Laut den ersten Zahlen der nationalen Wahlbehörde ANIE beteiligten sich nur 20,7 Prozent der Wahlberechtigten an der Parlamentswahl. Schon die Wahl im Juni 2021 mit rund 23 Prozent und die Präsidentenwahl 2024 mit etwa 24 Prozent waren zu einem Misstrauensvotum gegen das Regime geworden, das sich um demokratische Legitimität bemüht.„Das war eine Wahlniederlage auf der ganzen Linie für die gesamte politische Elite, einschließlich der Opposition“, sagt Robin Frisch, der das Algerien-Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung leitet: Das Desinteresse am politischen Leben, die Parteienverdrossenheit und die Unzufriedenheit mit den Politikern seien groß. Das lag während des Wahlkampfes nicht nur daran, dass die Fußballbegeisterung die Bevölkerung ablenkte.Das Regime hoffte auf eine Beteiligung von 30 ProzentKandidaten kämpften vergeblich um Aufmerksamkeit, ihre Veranstaltungen blieben ebenso leer wie viele Plakatflächen. Seit vor fast 40 Jahren in Algerien das Mehrparteiensystem eingeführt wurde, war kaum ein Wahlkampf so farblos, berichteten Einwohner aus Algier – auch wenn die staatlich kontrollierte Presse einen anderen Eindruck zu vermitteln versuchte.Dabei hatte selbst Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune für die Wahlen geworben und sie als einen weiteren Schritt zur Erneuerung der politischen Institutionen des Landes gelobt. Die jüngste Reform des Wahlrechts stellte sicher, „dass niemand mehr Einfluss auf die Stimmen nehmen oder auf Wahlbetrug zurückgreifen kann“, sagte der Staatschef.Das Regime, in dem die mächtige Armee das letzte Wort hat, hatte angeblich darauf gehofft, dass die Wahlbeteiligung wenigstens auf 30 Prozent wächst und zeigt, dass Algerien demokratisch auf einem guten Weg ist. Im Unterschied zu 2021, als die Hirak-Protestbewegung das politische Klima prägte, boykottierte dieses Mal keine Partei die Abstimmung. Selbst die trotzkistische Arbeiterpartei von Louisa Hanoune trat wieder an. Aber auch den Oppositionsparteien und zahlreichen unabhängigen Kandidaten gelang es offenbar nicht, mehr Wähler zu mobilisieren.Warum die Opposition auf einen Boykott verzichteteIhr Verzicht auf einen Boykott hatte dieses Mal einen neuen Grund. Laut dem reformierten Wahlrecht verliert eine Partei ihre Lizenz, wenn sie zweimal die Wahl boykottiert. Zu neuem Misstrauen hatte auch die Ablehnung vieler Kandidaten durch die ebenfalls umgestaltete Wahlbehörde ANIE geführt. Ursprünglich sollte die Neuregelung, die „Verbindungen zu zweifelhaften Finanzkreisen“ untersagt, dabei helfen, Korruption zu verhindern. Am Ende durfte rund ein Drittel der anfangs gut 10.000 Bewerber nicht antreten. Die Opposition klagte darüber, dass die Gründe dafür oft im Dunkeln geblieben seien.Nun wird erwartet, dass regimenahe Wähler ein weiteres Mal dafür sorgen, dass die Nationale Befreiungsfront FLN, die seit 1962 die Geschicke Algeriens lenkt, und die Demokratische Nationalversammlung (RND), mit der die FLN traditionell verbündet ist, wieder das Parlament dominieren werden. Bisher waren die moderaten Islamisten der MSP drittstärkste Kraft. Zahlreiche bekannte MSP-Kandidaten und Aktivisten der Hirak-Bewegung, die als Unabhängige antreten wollten, waren jedoch ausgeschlossen worden.Das amtliche Endergebnis stand zunächst noch aus, aber schon am Freitag war klar, dass die Nichtwähler die meisten Zugewinne verbuchten. Das war nicht immer so: 2012 gaben noch 43 Prozent ihre Stimme ab.Das Parlament ist politisch praktisch ohne EinflussDie politische Frustration hat aber auch damit zu tun, dass die 407 algerischen Parlamentarier politisch praktisch einflusslos sind. Das Parlament in Algier bringt kaum Gesetze aus eigener Initiative auf den Weg und billigt meistens die von der Regierung vorgelegten Gesetze, ohne sie groß zu ändern. Das verstärkt in der Bevölkerung den Eindruck, dass sich die Politiker nicht für ihre Probleme interessieren. Sie beschäftigen vor allem die steigenden Lebenskosten und die Abwertung des algerischen Dinars. Die Inflationsrate liegt bei neun Prozent und die Jugendarbeitslosigkeit bei rund 30 Prozent.Statt mit weitreichenden Reformen und einer Diversifizierung seiner Wirtschaft bemüht sich das Regime in Algier auch jetzt wieder, den Unmut in der Bevölkerung durch großzügige Subventionen niedrig zu halten. Über die nötigen Einnahmen verfügt man derzeit, denn das nordafrikanische Land ist einer der großen Profiteure des Irankriegs. Mit seinen großen Erdgasreserven und den Pipelines nach Europa ist Algerien dort als Lieferant wieder sehr gefragt.Auch die Beziehungen nach Deutschland haben sich intensiviert, während eine ältere Kontroverse nicht nur die Fußballwelt weiterhin belastet. Der französische Fußballreporter Christophe Gleizes verbüßt in Algerien eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen „Verherrlichung von Terrorismus“ und „Propaganda“. Vergeblich hatte sich FIFA-Chef Gianni Infantino für seine Begnadigung eingesetzt.
In Algerien hat nur jeder Fünfte gewählt
Algeriens Regime wollte seine Reputation durch eine höhere Wahlbeteiligung aufbessern. Am Ende gab nur jeder Fünfte seine Stimme ab.










