«Fussball hat in Algerien eine grosse politische Bedeutung», sagt ein ExperteIm Interview erklärt Andrew Farrand, wie der Sport die algerische Politik beeinflusst – und warum das Spiel gegen die Schweiz an der Weltmeisterschaft viele Algerier mehr bewegt als die Parlamentswahl am Donnerstag.02.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAlgerische Fussballfans beim WM-Spiel gegen Argentinien.Claudia Greco / ReutersWenn Algerien bei der Fussball-WM der Männer am Freitag auf die Schweiz trifft, wird es in dem nordafrikanischen Land laut und lebendig. Daran ändert auch der Anpfiff um 4 Uhr morgens algerischer Zeit nichts: Kaum jemand will sich den Sechzehntelfinal entgehen lassen. Bereits am Donnerstag gibt es in Algerien aber ein anderes Grossereignis: Rund 24 Millionen Menschen und damit die Hälfte der Einwohner Algeriens sind dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Andrew Farrand ist Senior Fellow bei der Denkfabrik Atlantic Council in Washington und hat von 2013 bis 2020 in Algerien gelebt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Farrand, was interessiert die Algerier mehr: die Parlamentswahl am Donnerstag oder das Spiel der Nationalmannschaft gegen die Schweiz in der Nacht auf Freitag?Ich habe gerade mit einer Freundin in Algier gesprochen. Sie sagte mir, dass die gesamte Gesellschaft auf das Fussballspiel schaut und kaum auf die Wahlen. Das zeigt, was den Algeriern wichtig ist. Sie sind zwar sehr an politischen Fragen interessiert und an Bildung, Wirtschaft und Wohnraum. Aber viele Menschen haben das Gefühl, dass die Wahl kaum Einfluss auf diese Themen hat. Deshalb konzentriert man sich lieber auf das Fussballspiel als auf die Wahl.Einige Algerier bezeichnen Fussball sogar als ihre zweite Religion. Was genau meinen sie damit?Der Islam ist in Algerien unbestritten die erste Religion. Aber auch Fussball wird regelrecht angebetet und gilt als wichtiges Ventil für die Leidenschaften und Frustrationen vieler Menschen. Das ist tief in der nationalen Psyche verankert, und zwar schon seit langer Zeit. Fussball war Teil des antikolonialen Befreiungskampfes und ist für die Algerier bis heute extrem wichtig. Sie sind sehr leidenschaftlich, wenn es um ihre Nationalmannschaft und ihre Vereinsmannschaften geht, und verfolgen die WM-Spiele, obwohl diese in Algerien mitten in der Nacht stattfinden.Welche Rolle spielte Fussball beim Befreiungskampf?Im frühen 20. Jahrhundert wurden algerische Fussballvereine gegründet. Die Spiele boten Raum, um antikoloniale Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Algerische Anhänger gerieten oft mit Kolonisten aneinander, und Algeriens Rebellenarmee gründete während des Befreiungskrieges sogar eine eigene Mannschaft. Sie tourte um die Welt, um Sympathie und Unterstützung für den Kampf der Algerier zu gewinnen.Zur PersonPDAndrew FarrandDer Senior Fellow bei der Denkfabrik Atlantic Council in Washington, D. C., lebte von 2013 bis 2020 in Algerien. Er ist Autor des Buches «The Algerian Dream» über den Ursprung der Hirak-Bewegung.Ist Fussball in Algerien auch politisch?Fussball hat in Algerien eine grosse politische Bedeutung. Beispielsweise spielte er eine wichtige Rolle in der Hirak-Bewegung von 2019, als Fanklubs und Musikgruppen der grössten Vereine dabei halfen, die Proteste zu strukturieren, populäre Sprechchöre und Lieder beizusteuern und vieles mehr. Damals demonstrierten vor allem junge Menschen gegen eine fünfte Amtszeit von Präsident Abdelaziz Bouteflika und erzwangen seinen Rücktritt. Später richteten sich ihre Proteste gegen das autoritäre politische System, die weit verbreitete Korruption und die Macht der alten Eliten.Was ist aus der Hirak-Bewegung geworden?Ihre Mitglieder gibt es noch, aber sie sind sehr enttäuscht darüber, wie diese Bewegung endete. Die algerische Regierung, die von Präsident Tebboune und dem Militär- und Sicherheitsapparat dominiert wird, war extrem effektiv darin, ein Wiedererstarken der Hirak-Bewegung zu verhindern. Das ist ihr mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche gelungen.Einerseits nutzte die Regierung Algeriens Energiereichtum, um sich sozialen Frieden zu erkaufen, indem sie die finanzielle Unterstützung für Jugendliche, Arbeitslose und andere wichtige Gruppen ausweitete. Wenn Menschen komfortabel leben, verspüren sie weniger den Drang, auf die Strasse zu gehen.Andererseits hat die Regierung die Repression verstärkt. In den vergangenen Jahren wurden Menschen wegen Facebook-Posts und ähnlicher Dinge inhaftiert – wegen Kleinigkeiten also, was als Abschreckung diente, um andere vom Protestieren abzuhalten. Die Parlamentswahl wird also nicht zu einer Rückkehr der Bewegung führen, weil der Staat alle Wege dafür versperrt hat. Die Probleme, die zur Entstehung der Hirak-Bewegung geführt haben, wurden zwar nicht gelöst, aber ihre Anhänger wurden mundtot gemacht.Bei der letzten Parlamentswahl vor fünf Jahren war die Wahlbeteiligung mit unter 25 Prozent so niedrig wie noch nie. Wie hoch wird sie dieses Mal sein?Ich denke, wir werden ähnlich niedrige Zahlen sehen. Die Wahlbeteiligung ist der entscheidende Punkt, den man beobachten muss. Natürlich werden viele Algerier sagen, dass diese Zahlen manipuliert werden. Aber wenn die Zahlen manipuliert werden und sie trotzdem so niedrig sind wie beim letzten Mal, sagt das schon einiges über den Zustand des Wahlsystems in Algerien und über den Status und die Legitimität des Parlaments aus.Die Spiele der Nationalmannschaft verfolgen die meisten auch nachts.Fateh Guidoum / APWer profitiert denn von der Parlamentswahl, wenn kaum jemand hingeht?Die politischen Parteien haben ein grosses Interesse daran, teilzunehmen und zu versuchen, die Bevölkerung zum Wählen zu bewegen, weil sie auf der Grundlage ihrer Teilnahme an den Parlamentswahlen staatliche Gelder erhalten. Für sie ist das also ein Schlüsselmoment, um das Überleben der Partei zu sichern.Aber bei der letzten Wahl haben mehrere Parteien die Parlamentswahl boykottiert.Ja, in der Vergangenheit waren Boykotte beliebt, weil die Oppositionsparteien dadurch signalisieren konnten, dass sie das Parlament für illegitim halten. Aber zu Beginn dieses Jahres wurden neue Partei- und Wahlgesetze verabschiedet, die die Parteien zur Teilnahme verpflichten. Wenn sie an zwei aufeinanderfolgenden Parlamentswahlen nicht teilnehmen, werden sie aufgelöst. Diese Massnahme wurde eingeführt, um Parteien vom Boykott abzuhalten.Wenn das Regime wegen der niedrigen Wahlbeteiligung aber keine echte Legitimität beanspruchen kann, wozu dient dann die Parlamentswahl?Algerien verkauft sich im In- und Ausland als Demokratie. Wir mögen das anders sehen, aber das ist die Geschichte, die sie erzählen. Für dieses Narrativ ist es wichtig, die Parlamentswahl und andere Wahlen abzuhalten, damit die sogenannten demokratischen Organe zwischen den Wahlen ihre Arbeit tun.Tatsächlich bringt das Parlament aber kaum oder gar keine neuen Gesetze auf den Weg. Es ändert die von der Exekutive vorgeschlagenen Gesetze nur selten und blockiert fast nie Gesetze. Es ist also kein Organ, das unabhängige Meinungen in den politischen Entscheidungsprozess einbringt. Im Grunde wissen die Algerier das, und deshalb hat die Teilnahme an solchen Wahlen für sie eine niedrige Priorität.Was erhoffen sich die Menschen, die wählen gehen? Sie sind ja eher die Ausnahme als die Regel.Es gibt einen Anreiz zu wählen, wenn man als Beamter für die Regierung oder ein staatliches Unternehmen arbeitet – das ist ein sehr bedeutender Teil der Wirtschaft. Viele Menschen fallen in diese Kategorie. Von ihnen wird erwartet, dass sie wählen, und sie stehen unter Druck, dies zu tun.Überdies gibt es trotz allen Gesetzen gegen Stimmenkauf immer wieder Gerüchte darüber. Ich habe vor kurzem gehört, dass eine Wahlkampfleiterin irgendwo im Osten Algeriens Videos online gestellt hat, in denen sie den Leuten explizit sagte, dass sie finanzielle Vorteile erhalten würden, wenn sie für ihren Kandidaten stimmten. Solche Dinge passieren also immer noch, und das ist eine Methode, wie dieses System die Beteiligung fördert.Es gibt aber auch Teile der Bevölkerung, die das Wählen als ihre Pflicht ansehen. Wenn man ihnen sagt, es sei ihre Bürgerpflicht, dann hören sie darauf und nehmen das ernst. Zur Wahl zu gehen, ist beispielsweise im Süden des Landes weiter verbreitet. Das sind zwar dünnbesiedelte Gebiete, aber dort wird in höherer Zahl gewählt. Ebenso wählt die ältere Bevölkerung beständiger, weil es über Jahrzehnte hinweg zu einer Gewohnheit wurde. Die junge Bevölkerung wählt aber ganz sicher nicht in nennenswerter Zahl.Welche Perspektiven hat die junge Generation?Algerien ist ein schwieriges Pflaster für junge, ehrgeizige Menschen. Das Land wird vom Ölreichtum angetrieben und bleibt für andere Entwicklungswege verschlossen. Das ist der Grund, warum so viele ehrgeizige junge Algerier das Land verlassen. Das ist schade, denn es gibt viele sehr talentierte Menschen in Algerien. Unglücklicherweise haben sie ausserhalb dieses sehr speziellen Pfades, den die Regierung der Bevölkerung vorschreibt, nicht viele Möglichkeiten. Wenn man also ein bisschen anders denkt, ist Algerien ein schwieriger Ort zum Leben.Passend zum Artikel
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