KommentarDie Feiern zum 250-Jahr-Jubiläum der USA sind ein Fest der Peinlichkeiten. Und doch kann die Schweiz etwas Wichtiges davon lernenStreit über die eigene Vergangenheit ist immer noch besser als gähnende Gleichgültigkeit.03.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDer Präsident hatte Geburtstag, und die Kämpfer waren geladen, ihn mit Blut und Fäusten zu feiern. Aus seinem Anwesen schritten sie, zwischen weissen Säulen hindurch, zu einem hohen Baldachin mit dem Übernamen «Die Klaue». Rot, weiss und blau leuchteten die Lichter, während die Männer in einen hohen Käfig traten, ihre Muskeln zeigten, sich umtänzelten, provozierten – und schliesslich zuschlugen, bis einer von ihnen am Boden lag.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Präsidenten freute es. Er klatschte. Er salutierte. Er packte die Hände der Sieger. Und er liess zu ihren Ehren eine Flugzeugstaffel über den Baldachin fliegen. Das Thema dieses Abends, festgehalten auf gigantischen Leuchtlettern, lautete: «Freedom 250». Freiheit, seit 250 Jahren.So feiern die USA gerade das Jubiläum ihrer Gründung im Jahr 1776. Oder besser gesagt: Eine Hälfte der USA feiert so.Das Spektakel der «Ultimate Fighting Championship», begangen auf dem Rasen des Weissen Hauses zu Ehren von Präsident Trumps 80. Geburtstag am 14. Juni, markiert den Beginn der offiziellen Feierlichkeiten. Trumps Maga-Bewegung hat einen Sommer der Spektakel vor sich: Militärparaden, Feuerwerke, ein gigantisches Rodeo, die Errichtung eines 75 Meter hohen Triumphbogens.Der Geburtstag einer Demokratie, gefeiert im Stil einer grössenwahnsinnigen Reality-Show.Stärke und Heldentum, Männlichkeit und Gnadenlosigkeit: Das sind die Ideale, die dabei im Zentrum stehen. Hinweise auf weniger genehme Aspekte der amerikanischen Gründungsgeschichte – Sklaverei, Plantagenwirtschaft, Rassentrennung – werden derweil auf Geheiss der Regierung aus Ausstellungen und Gedenkstätten entfernt.Nicht einmal das obskure Feld der Numismatik ist vor erinnerungspolitischen Eingriffen sicher: Die Prägung von Jubiläumsmünzen, die die Bürgerrechtsbewegung und den Kampf für das Frauenstimmrecht ehren sollten, wurde vom zuständigen Minister verhindert.Der politische Widerstand gegen all das ist gross: Es gibt laut lancierte Gegenprojekte, Absagen zu offiziellen Konzerten, miteinander konkurrierende Jubiläumskomitees, politische Angriffe und Gegenangriffe. Kurz: ein erinnerungspolitisches Durcheinander.Kinder von RevolutionärenDie USA: das Land, das sich nicht ohne Eklat erinnern kann – das einfach keinen guten Umgang mit seiner widersprüchlichen Vergangenheit findet. Es ist diese Sicht auf die Jubiläumsfeierlichkeiten, die momentan in Europa dominiert.Doch diese Sicht verkennt etwas Entscheidendes: So gehässig und fruchtlos der dortige Streit um die eigene Geschichte momentan sein mag, so problematisch die inhaltlichen Eingriffe und die Errichtung eines Persönlichkeitskults sind: In der politischen Debatte über die Gründung des amerikanischen Staates spiegelt sich gleichwohl etwas, das vielen anderen Ländern – und im Besonderen der Schweiz – fehlt.Es ist eine Haltung, die sich salopp so zusammenfassen lässt: Wenigstens kümmert es dort jemanden.Es ist erst ein paar Jahre her, dass auch in der Schweiz ein Jubiläum gefeiert wurde. 175 Jahre Bundesstaatsgründung und Bundesverfassung. Es gab Reden und Festakte, ein paar Bücher und Artikel, da und dort einen Tag der offenen Tür. Und eine Ausstellung mit dem Titel «Zum Geburtstag viel Recht».Und mehr oder weniger war es das auch schon.Ein Zufall ist das nicht. Anders als in den USA ist das Gründungsjahr der modernen Schweiz – 1848 – kein gemeinsamer Identifikations- oder auch nur Referenzpunkt in öffentlichen Debatten. Auf die Werte und Ideen (und den Krieg), die das Land damals zusammenbrachten, wird in politischen Diskussionen selten Bezug genommen. Ein Hit-Musical wie «Hamilton» über einen hiesigen «Gründervater»? Undenkbar.Und welcher Schweizer, welche Schweizerin könnte einen, geschweige denn alle Köpfe hinter der Bundesverfassung nennen?Das ist ein Problem. Denn dass die Schweiz 1848 in ihrer heutigen Form entstand, war nicht selbstverständlich. Es war, in den Worten des Historikers Christopher Clark, «das Resultat der einzigen wahrhaft europäischen Revolution, die es je gab» – jener des Liberalismus.Eine heterogene Revolution ohne zentrale Organisation war das, mehr von Ideen vorangetrieben als von einzelnen Heldenfiguren. Diese Ideen, in manchen Ländern von Studenten und Akademikern vertreten, anderenorts von Bauern oder Arbeitern, waren grundlegender Natur: Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Stimmrecht.Von Palermo bis Berlin, von Paris bis Budapest wandten sich Koalitionen von aufgeklärten Bürgern und rechtlosen Armen gegen die verkrustete aristokratische Ordnung. Um Umsturz allein ging es dabei meist nicht, sondern um die Etablierung neuer Entscheidungsprozesse: Verfassungen, Parlamente, Wahlen.Eine doppelte politische BlindheitAn den meisten Orten scheiterten die Revolutionäre, jedenfalls auf kurze Sicht – mit ein Grund, warum sie heute grösstenteils vergessen sind. Doch langfristig setzten sich ihre Ideen durch, so dass sie heute zu selbstverständlichen Grundprinzipien des liberalen Rechtsstaats geworden sind.In einem Land siegten die Revolutionäre jedoch bereits damals und schafften es, einen liberalen Staat mit weitreichenden Grundrechten zu etablieren. Die Schweizerinnen und Schweizer – sie sind Kinder von Revolutionären, ohne es so recht zu wissen.Dass das Bewusstsein für diese Vergangenheit so wenig verankert ist, ist das Resultat einer doppelten politischen Blindheit.Viele Revolutionäre von 1848 waren nicht nur auf Grundrechte und Linderung sozialer Nöte aus – sie waren auch feurige Nationalisten. Bei der politischen Linken gilt Nationalismus jedoch a priori als reaktionär. Dadurch – und durch die späteren Konflikte der Liberalen mit der Arbeiterbewegung – mag erklärbar sein, warum die Schweizer Gründungsgeschichte links auf wenig Sympathie stösst.Rechts wiederum dominieren die Mythengeschichten à la Rütlischwur und Wilhelm Tell. Die egalitäre Innerschweizer Bauerndemokratie, die darin beschworen wird, hat mit der historischen Realität wenig zu tun. Sie passt aber besser zu den isolationistischen Botschaften einer SVP als die Geschichte der europäisch vernetzten, weltoffenen Revolutionäre von 1848.Das Resultat: Statt über die Bedeutung ihrer Staatsgründung zu diskutieren, streitet die Schweiz höchstens einmal darüber, wann und wo genau diese Gründung nun zu verorten ist.Schade. Denn die Ideen von 1848 böten mehr als genug Stoff für eine Debatte darüber, wie die Werte von damals unser Staatswesen noch immer prägen. Und welche von ihnen wir heute zu Unrecht vergessen haben.Immerhin geben in einer repräsentativen Umfrage von GFS Bern 83 Prozent der Befragten an, Wissen über die Schweizer Geschichte sei aus ihrer Sicht für das Schweizerin- und Schweizersein zentral.Statt ritualisierter Schlagabtausche über Rütlischwur und Marignano wäre eine echte Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt nötig, aus der die moderne Schweiz wirklich entstand. Dafür braucht es Politikerinnen und Politiker, die bereit sind, ihren Wählenden mehr zu servieren als die drei immergleichen historischen Lieblingsanekdoten. Vor allem aber braucht es vermehrte Anstrengungen in Forschung und Vermittlung.Stürmt die Archive!An Schulen wie Universitäten fristet die Schweizer Geschichte – Ausnahmen vorbehalten – in der Tendenz ein immer tristeres Dasein. Nebenbei unterrichtet, in Katalogen von «Kompetenzen» verschüttet oder schlicht ignoriert. Am Historischen Seminar der Universität Zürich, dem grössten und wichtigsten der Schweiz, kümmern sich von fünfzehn Lehrstühlen nur noch deren drei schwerpunktmässig um Themen aus der Schweizer Geschichte.Eine Rückkehr zu den glorifizierten nationalen Sonderfallgeschichten des letzten Jahrhunderts braucht zwar niemand. Der faktische Boykott der Schweizer Geschichte durch Teile der Akademie muss aber ein Ende haben. Wie sonst, wenn nicht durch neu erschlossene Quellen und verständlich geschriebene Überblickswerke, soll die Lücke in der hiesigen Erinnerungskultur geschlossen werden?Höchste Zeit also, wieder einmal die Archive zu stürmen. Und dort bei den Kisten zu 1848 zu beginnen. Lehrreich wäre eine verstärkte Auseinandersetzung mit dieser Zeit allemal. Politik war damals chaotisch, es herrschte ideologisches Durcheinander. Die politischen Identitäten, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, formierten sich damals erst: liberal gegen konservativ, links gegen rechts.Heute beginnen sich diese Kategorien wieder aufzulösen, allzu oft fehlen Begriffe für neue politische Bewegungen. Da ist der Blick auf das Durcheinander von damals wichtiger denn je.Einen Boxkampf vor dem Bundeshaus braucht die Schweiz nicht. Auch die ideologisch motivierte Zensur von Ausstellungen und Erinnerungstafeln können die Amerikanerinnen und Amerikaner gerne bei sich behalten. Ebenso wie die Gehässigkeit, mit der dort über die Vergangenheit gestritten wird.Die Idee aber, dass nicht egal ist, wer Revolution und Krieg ausfocht, um einen modernen Staat zu gründen; der Glaube daran, dass Streit über die gemeinsame Vergangenheit besser ist als Gleichgültigkeit – und dass die Lektionen der Vergangenheit nicht ausgelernt sind: Davon sollte sich die Schweiz eine Scheibe abschneiden.Der Erinnerungszirkus, der sich momentan in den USA abspielt, mag irre sein. Noch irrer aber ist es, wenn einem die eigene Geschichte irgendwann gänzlich egal ist.21 KommentareMark Kiwitz 04.07.20261 EmpfehlungIch finde diesen Artikel zu selbstkritisch und zu verträumt über den 1776 Mythos. Die Wirklichkeit sieht so aus: fast die Hälfte der US-Amerikaner kennt nicht den Grund der 250 Jahresfeier, unter Gen Z sogar zweidrittel. Siehe https://tennesseestar.com/news/nearly-half-of-americans-two-thirds-of-gen-z-dont-know-what-america-250-is-celebrating-poll/jtnews/2026/07/03/Karl Jankowski 04.07.20261 EmpfehlungPeinlich ist die Überschrift…Passend zum Artikel
250 Jahre USA: Was die Schweiz aus dem irren Jubiläum lernen kann
Streit über die eigene Vergangenheit ist immer noch besser als gähnende Gleichgültigkeit.






