Der erste Weltstar des Fussballs und Begründer des Mythos Real Madrid: Vor hundert Jahren wurde Alfredo Di Stéfano geborenDer «blonde Pfeil» aus Argentinien traf in fünf Europapokalfinals, war Zankapfel, Entführungsopfer und nicht nur für viele Zeitgenossen der Beste der Geschichte. Und das, obwohl er nie an einer WM spielte.03.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenFür Pelé war er der Beste, weil er alles konnte: Alfredo Di Stéfano.Evening Standard / Hulton Archive / GettyAlfredo Di Stéfano hat wenige Monate zuvor den ersten Europapokal gewonnen, als ihm eine gemeine Falle gestellt wird. Madrider Strassenbuben passen den Moment ab, in dem er mit seiner Limousine um die Ecke biegt, um einen Unfall zu inszenieren. Einer legt sich vor sein Auto, im folgenden Trubel stiehlt ihm ein anderer die Brieftasche. Erst als den Flegeln klarwird, wen sie da genarrt haben, überkommt sie die Reue. Sie bringen Di Stéfano seinen Besitz zurück, der grossmütige Profi freundet sich mit ihnen an, formt aus ihnen ein Fussballteam und holt sie so von der schiefen Bahn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Geschichte klingt kinoreif – in der Tat stammt sie aus einem Film, «Saeta Rubia» von 1956. Im sittenstrengen Spanien der nationalkatholischen Franco-Diktatur wurde der «blonde Pfeil» mit dem Streifen zur moralischen Instanz erhoben und propagandistisch ausgeschlachtet. Di Stéfano und Real Madrid waren Gründe zum Stolz für das wirtschaftlich rückständige Land, diese Kunde und diesen Kult galt es zu verbreiten. Der Fussballer, ein leidenschaftlicher Cineast, spielte in dem Film sich selbst.Pelé fand ihn besser als sich selbstDi Stéfano avancierte aber weniger wegen seiner Schauspielkünste zum ersten Weltstar seines Sports. Wenn sich an diesem Samstag sein 100. Geburtstag jährt, erinnert sich die Branche an den vor zwölf Jahren verstorbenen Argentinier vor allem als einen einmalig vielseitigen Fussballkünstler. «Er war, was später unter dem Begriff des ‹totalen Fussballers› bekannt wurde», sagte Johan Cruyff einmal über ihn. Pelé wird gar folgender Ausspruch zugeschrieben: «Die Leute diskutieren über Pelé oder Maradona . . . Für mich war Di Stéfano der Beste, er war viel kompletter.»Bevor Lionel Messi und Cristiano Ronaldo das frühe 21. Jahrhundert prägten, sprach man im iberoamerikanischen Kulturraum von Di Stéfano, Pelé, Cruyff und Diego Maradona als den «vier Grossen» des Weltfussballs. Auch weitere zeitgenössische Kandidaten wie Franz Beckenbauer, Eusébio oder Bobby Charlton nannten Di Stéfano dabei immer als den vollständigsten aller Berufskollegen. Der damalige Trainerstar Helenio Herrera erklärte: «Er war zur selben Zeit der Anker in der Abwehr, der Gestalter im Mittelfeld und der gefährlichste Angreifer vor dem Tor.»Mit Real Madrid gewann Di Stéfano die ersten fünf Landesmeisterpokale – und er traf in jedem Final, hier beim 7:3 im Mai 1960 gegen Eintracht Frankfurt.Keystone/Hulton/GettyHerrera vergass, dass Di Stéfano sogar einmal als Goalie gespielt hatte. 1949, Auswechslungen waren damals noch nicht erlaubt, ersetzte er für River Plate im Superclásico seiner Heimatstadt Buenos Aires gegen Boca Juniors den verletzten Amadeo Carrizo. Und weil er wirklich alles konnte, hielt er die Null. River siegte 1:0.Alfredo Di Stéfano Laulhé wurde im Mittelklasseviertel Barracas als Sohn eines italienischstämmigen Vaters – dessen Eltern von der Insel Capri ausgewandert waren – und einer französischen Mutter geboren und begann seine Profikarriere bei River. Als das Regime von General Perón 1949 eine Gehaltsobergrenze für Fussballer einführte, verliess er wie viele Berufskollegen das Land. Di Stéfano schloss sich dem kolumbianischen Klub Millonarios an, der in einer vom Weltverband Fifa nicht anerkannten Privatliga spielte und entsprechend üppig entlohnte. Das Team aus Bogotá gewann mehrere Meisterschaften und wurde von der Presse als «blaues Ballett» gefeiert.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnieren1952 wurde Millonarios, kurioserweise als Ersatz für ein unpässliches River, zum Jubiläumsturnier des 50-jährigen Bestehens von Real Madrid eingeladen. Die lokalen Beobachter feierten die Gäste und besonders Di Stéfano als Fussballer von einem anderen Planeten. «Er umdribbelte uns wie Trainingsstangen», sagte der Real-Profi Miguel Muñoz. Auch der Klubpräsident Santiago Bernabéu war schwer beeindruckt. «Ich möchte diesen Spieler», soll er gesagt haben, «koste es, was es wolle.»Doch auch beim FC Barcelona hatten sie das Turnier verfolgt und wollten Di Stéfano verpflichten. Bernabéu wurde sich zwar mit Bogotá über einen Wechsel einig, doch Barça verhandelte erfolgreich mit River, und in Buenos Aires lagen Di Stéfanos Transferrechte ab 1954. Denn 1951 hatte die Fifa im «Pakt von Lima» dem kolumbianischen Fussball die Wiederzulassung angeboten, wenn bis zum genannten Jahr alle aus dem Ausland abgeworbenen Spieler zu ihren Ursprungsklubs zurückkehrten.Di Stéfano stand am Ursprung der Rivalität von Barça und RealEin Konflikt über vier Banden begann, der bis heute eine Grundlage für die epochale Rivalität zwischen Real und Barça legen sollte und die Theorien über eine Bevorzugung Reals durch das Franco-Regime befeuerte. Armando Muñoz Calero, hoher Funktionär der spanischen Diktatur und Mitglied der Fifa-Exekutive, vermittelte einen Kompromiss: Die beiden Vereine sollten sich die Transferrechte teilen und Di Stéfano ab der Saison 1953/54 für vier Jahre zwischen den beiden Klubs alternieren, angefangen bei Real.In Barcelona trat das Präsidium aus Protest zurück. Schliesslich gaben die Katalanen ihren Teil der Transferrechte an Real ab. Weil sie von der spanischen Regierung unter Druck gesetzt worden seien, so die Darstellung in Barcelona. Freiwillig, weil Di Stéfano in den ersten Monaten für Real nicht überzeugt habe, heisst es in Madrid.Tatsächlich begann die Ära Di Stéfano bei Real mit einer 2:4-Niederlage im Spiel seiner Präsentation gegen AS Nancy. Eine Fussnote – denn schon in seinem ersten Jahr gewannen die Madrilenen zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder die spanische Liga. Nach Jahren der Dominanz von Barça, Atlético oder Valencia begann das grosse Zeitalter Reals, und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn in der Saison 1955/56 wurde der Europapokal der Landesmeister eingeführt.Es liegt auch an Di Stéfano, dass Barcelona und Real Madrid Rivalen sind – die beiden Klubs stritten sich einst um ihn.Ullstein Bild Dtl.Der Rest ist Geschichte und die Basis der Grandezza von Real. Orchestriert von Di Stéfano und begleitet von weiteren Stars wie Raymond Kopa oder Ferenc Puskas, gewann das «weisse Ballett» die ersten fünf Ausgaben in Serie und verleitete den Kontinent zu Begeisterungsstürmen. Dem inzwischen eingebürgerten Di Stéfano gelang dabei das Kunststück, in allen fünf Finals mindestens ein Tor zu schiessen. Bis zu seinem Abschied 1964 holte Real ausserdem sieben weitere spanische Meisterschaften. In 396 Spielen für den Verein erzielte er 308 Tore; erst Raúl sollte 2009 die inzwischen auch von Cristiano Ronaldo und Karim Benzema überbotene Marke schlagen.Einst wollte eine Guerilla mit ihm Politik machenSo populär war Di Stéfano, dass mit ihm sogar eine Revolution bestritten werden sollte. Während eines Gastspiels Reals in Caracas 1963 klopfte es an seiner Zimmertür im Hotel Potomac: die Polizei. Es gehe um ein Drogendelikt, zu dessen Aufklärung er möglicherweise beitragen könne, ob er kurz mit auf die Wache kommen könne, nur bürokratische Routine. Im Auto erfuhr er, dass es sich um einen Trick gehandelt hatte und er sich in der Gewalt der kommunistischen Guerilla Faln befand.Die Entführer verlangten kein Lösegeld, sie suchten Aufmerksamkeit für ihren Kampf gegen Venezuelas Diktatur. Di Stéfano habe sich die Zeit mit Schach, Domino und Pferdewetten vertrieben, hiess es. Nicht einmal drei Tage später war er wieder frei.Weniger anekdotisch verlief ein Streit nach dem verlorenen Europapokalfinal 1964 gegen Inter Mailand. Di Stéfano geriet mit dem Trainer Muñoz aneinander, der einst der Verteidiger gewesen war, der sich 1952 als Trainingsstange gefühlt hatte. Und da auch Präsident Bernabéu befand, dass ein langsamerer Pfeil kein so hohes Salär mehr wert sei, ging es nun doch noch nach Barcelona – wenn auch zu Barças Lokalrivale Espanyol. Dort beendete Di Stéfano 1966 im Alter von fast vierzig Jahren seine Spielerkarriere.Es folgten wechselreiche Jahre als Trainer in Spanien und Argentinien. Valencia führte er zur Meisterschaft (1971), bei Real verewigte er sich weiter durch die Beförderung von Talenten wie Emilio Butragueño (1983). In seiner Geburtsstadt Buenos Aires gelang ihm gar ein historischer Rekord: Di Stéfano ist bis heute der einzige Trainer, der eine Meisterschaft mit Boca (1969) und mit River (1981) gewann.Nach seiner Aktivkarriere war Di Stéfano Trainer, unter anderem bei Real Madrid.Paco Junquera / GettyEr starb während der WM in Brasilien, ausgerechnetDie letzten Lebensjahre vertrat er Real als Ehrenpräsident und Mythosbrücke zur Vergangenheit. Nebenher unterhielt er die Klatschpresse durch eine Affäre mit einer fünfzig Jahre jüngeren Journalistin, die ihm bis zu seinem Tod als Privatsekretärin diente. Als er, schon im Rollstuhl, seine Freundin 2013 heiraten wollte, zogen Di Stéfanos Kinder vor Gericht und liessen ihn für unzurechnungsfähig erklären. Ein Jahr später starb er – drei Tage nach seinem 88. Geburtstag – während der WM in Brasilien.Es war, als wollte der Fussball mit seinem Tod zugleich auch den Frevel beweinen, dass einem seiner grössten Söhne die grösste Bühne vorenthalten blieb: Di Stéfano hat nie eine WM gespielt. Mit Argentinien gewann er 1947 immerhin eine Copa América. Doch 1950 nahm sein Heimatland nicht an der WM teil, 1954 auch nicht. 1957 debütierte er für Spanien, das trotzdem die Qualifikation für die WM 1958 verpasste, unter anderem wegen eines Remis gegen die Schweiz. 1962 verletzte er sich kurz vor Turnierbeginn.Vergleiche mit anderen Granden macht das noch schwieriger, als sie quer durch die Zeiten ohnehin sind. Zumal jede Generation dazu neigt, die eigenen Helden als die grössten zu bewahren. Als er selbst einmal nach dem besten Spieler der Geschichte gefragt wurde, nannte Di Stéfano weder Maradona noch Messi noch sich selbst, wurde aber dennoch in Argentinien fündig: «Muñoz, Moreno, Pedernera, Labruna, Loustau. Suchen Sie sich den aus, der Ihnen am besten gefällt.» Es war die legendäre Sturmreihe der «Máquina» von River Plate, zu deren Zeit auch ein junger Alleskönner debütierte, der als blonder Pfeil in die Fussballgeschichte eingehen sollte.Passend zum Artikel