Immer, wenn WM ist, kommt er irgendwann: der Abend, an dem ein entscheidendes Spiel auf Messers Schneide steht und eine erregte Fußballnation knapp vor der Schnappatmung. Abende, an denen man jemanden braucht, wie Andi Brehme einer war.Im deutschen Traumsommer 1990 in Italien gibt es gleich zwei solcher Spiele. In beiden hat er in seiner unaufgeregten Hamburger Art ganz Deutschland zwei wunderbare Sonntage gerettet, ja vielleicht gar die ganze Aufbruchstimmung der neuen deutschen Einheit. Er tat das mit der Haltung des kompetenten Notruf-Handwerkers, der eine vor dem drohenden Wasserrohr- und Nervenzusammenbruch stehende Großfamilie durch bloßes Erscheinen auf Ruhepuls bringt. Mit dieser Aura, die wortlos sagt: Beruhigt euch, ich bin ja jetzt da.Rijkaard spuckt Völler anIn beiden Fällen geschieht das um fünf vor zwölf, also in Minute 85. Zuerst im epochalen Duell mit den Holländern in Mailand, wo Frank Rijkaard schon früh das seit 1974 latente Reizklima zwischen den ungleichen Fußballnachbarn auf die Spitze treibt und einen Satz des englischen Fußballpioniers Richard Mulcaster widerlegt: Fußball sorge „für einen klaren Kopf, indem er überschüssige Säfte nach unten befördert“.Rijkaard, eindeutig ohne klaren Kopf, befördert die überschüssigen Säfte in eine andere Richtung, in Rudi Völlers Dauerwelle. Die Fans daheim können die klebrige Lama-Nummer mehrfach in Zeitlupe studieren, ein erster, noch inoffizieller VAR-Test mit klarem Ergebnis – das nur der argentinische Schiedsrichter nicht erkennt. Weil er neben dem Täter auch das Opfer vom Platz schickt, verlangt TV-Kommentator Heribert Fassbender, ihn „zurück in die Pampa“ zu schicken.In diesem allgemeinen Kontrollverlust tut die deutsche Mannschaft das einzig Richtige: Sie konzentriert sich auf ihren Job und liefert eine glänzende Leistung ab, allen voran durch Jürgen Klinsmann, der kurz nach der Pause das 1:0 schießt. Die Niederländer drücken und drängen, die Deutschen halten dagegen, und in unzähligen Wohnzimmern daheim strapaziert die packende Partie die Nerven immer mehr. Bis er endlich kommt, fünf Minuten vor Schluss. Der Andi-Brehme-Moment.Nach einer kurzen Ecke landet der Ball am linken Strafraumeck bei Brehme. Er nimmt ihn auf und findet Raum und Ruhe, ihn lässig mit rechts in sanfter Kurve ins lange Eck zu streicheln. Eine Erlösung! Daheim in Deutschland machen die Glückshormone einen Salto, dann sinken Millionen erleichtert auf ihre Sofas zurück. Im guten Gefühl: Die Sache ist durch. Und das vorweggenommene Finale gewonnen.Das richtige Finale, zwei Sonntage später, wird ähnlich erregend. Trotz Dominanz, trotz Überzahl will das Tor nicht fallen. Wird sich das rächen? Gegen Brasilien und Italien war Argentinien ähnlich unterlegen, und jeweils reichte Maradona ein einziger Geniestreich, um Caniggia das Siegtor aufzulegen. Dann aber: Minute 85. Endlich Elfmeter für Deutschland. Im Aufruhr, den die Argentinier veranstalten, behält Brehme die Ruhe. Mit rechts trifft er präzise ins kleine Netz neben dem linken Pfosten. Im Elfmeterschießen 1986 gegen Mexiko hatte er ebenso sicher getroffen – mit dem anderen, dem linken Fuß. Als ihn Jahre später ein Journalist darauf hinweist, ist Brehme überrascht: „Ich dachte, ich hätte alle mit rechts geschossen.“Er war der Ruhepol der Fußballnation. Einer, auf den beidbeinig Verlass war. Am 20. Februar 2024 ist Andi Brehme gestorben, der Erste der Weltmeister von 1990.