PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungLothar MatthäusMeine ersten Begegnungen mit Maradona und Messi werde ich nie vergessenVon Lothar MatthäusStand: 16:30 UhrLesedauer: 6 MinutenAgentinien kann auch ohne Lionel Messi in der Startelf brillieren. Le Celso trifft traumhaft per Freistoß, Martines per Elfmeter. Dann darf auch der Superstar ran – und erzielt prompt sein 19. WM-Tor. Die Highlights im Video.Zwei argentinische Genies, zwei Fußball-Legenden. Lothar Matthäus kennt beide Geschichten aus nächster Nähe. Hier schreibt er, warum Messi für ihn inzwischen die Nase vorn hat.An meine erste Begegnung mit Lionel Messi erinnere ich mich sehr gut. Es war am 17. August 2005 in Budapest, und es war wirklich bemerkenswert. Für alle Beteiligten!Ich war damals Nationaltrainer Ungarns. Wir trafen in einem Freundschaftsspiel auf Argentinien, das 2:1 gewann. Hernán Crespo, Roberto Ayala, Juan Pablo Sorín waren deren Stars. Lionel Scaloni, der heutige argentinische Nationaltrainer, war als rechter Verteidiger dabei. Aber alle sprachen schon vorher nur über den Wunderjungen vom FC Barcelona, der sein Länderspiel-­Debüt geben sollte. Nach gut einer Stunde wurde Messi eingewechselt, 18 Jahre jung, und er legte los mit allem, was er an Sturm und Drang draufhatte. Erster Ballkontakt, Dribbling, einer meiner Spieler – ich weiß nicht mehr, wer – kann ihn nur noch festhalten, Messi schlägt nach hinten. Tätlichkeit! Dafür sieht er glatt Rot – vom deutschen Schiedsrichter Dr. Markus Merk.So war Messis erstes Länderspiel für ihn nach vielleicht 30, 40 Sekunden beendet. Aber es war der Beginn einer gigantischen internationalen Karriere.Immer ist Messi mit Diego Maradona verglichen und an ihm gemessen worden. An Argentiniens 2020 viel zu früh verstorbenem Nationalhelden, an meinem großen Rivalen und Freund, zu dem ich noch immer aufschaue. Zweifellos werden die Argentinier Diego für alle Zeiten wie einen Gott verehren. Aber Messi ist jetzt direkt neben ihm in ihren Herzen. Für mich steht er inzwischen sogar eine kleine Stufe über Maradona.Messi hat mir und Klose die Rekorde abgenommenSo wie Diego es war, ist Messi ein Genie, das den Weltfußball prägt. Maradona hat das knapp über ein Jahrzehnt geschafft, jedoch auch begleitet von Skandalen und unterbrochen von zwei langen Doping-Sperren. Diego hat leider viele Dinge gemacht, die seiner Gesundheit nicht gutgetan haben. Messi ist anders, bodenständiger, so gut wie skandalfrei – von Problemen mit der Steuer vor zehn Jahren einmal abgesehen.Lesen Sie auchSeit unglaublichen 20 Jahren spielt Messi auf diesem allerhöchsten Niveau. Einzigartig ist das und absolute Weltklasse! Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, für Argentinien und im Klubfußball. Weltmeister, achtmal Weltfußballer, so oft wie kein Zweiter. Viermal Champions-League-Sieger mit Barcelona. Im WM-Finale 2022 hat er mir meinen Weltrekord mit den meisten WM-Einsätzen abgenommen. Ich war im Stadion dabei und habe mich für ihn gefreut. Nun hat er Miroslav Klose auch den Rekord der meisten WM-Tore abgejagt.Mit dem WM-Titel in Katar war Messis Karriere eigentlich vollendet; nur dieser wertvollste Pokal hatte ihm noch gefehlt, nicht zuletzt für die uneingeschränkte Anerkennung in seiner Heimat. Aber er will – und kann offenbar auch – immer noch mehr. Erst im Dezember gewann er mit Miami die US-Meisterschaft. Und bei dieser WM wirkt er auf mich nicht so, als wäre das Ende seiner Laufbahn nah.Es sind aber nicht seine Titel und Rekorde, von denen er einige mehr hat als Maradona, die mich an Lionel Messi faszinieren. Mich begeistert, mit welcher Leidenschaft, Freude und Eleganz er auch mit 39 Jahren noch Fußball spielt. Zaubert, ist das bessere Wort. Er läuft nicht wirklich viel; auch für Maradona mussten seine Mitspieler mitlaufen. Aber am Ball wird es meistens spektakulär. Mit seiner Genialität, mit seiner Leichtigkeit reißt er alle mit. Messi hat etwas, das in der Geschichte des Fußballs nur sehr wenige hatten. Er liebt den Ball – und der Ball liebt Messi. Wie er ihn streichelt! Dieses Feingefühl, diese Technik! Ihm gehorcht der Ball.Messi kam stets bescheiden rüber, fast schüchternWir haben uns in den vergangenen Jahren immer mal wieder getroffen, etwa bei seinen Ehrungen zum Weltfußballer. Er kam stets sehr bescheiden rüber, fast schüchtern. Immer hat er sich Zeit zum Plaudern genommen, wahrscheinlich auch deshalb, weil er um meine außergewöhnliche Beziehung zu seinem großen Vorbild weiß. Allein dass Diego und ich uns in zwei aufeinanderfolgenden WM-Endspielen gegenüberstanden – 1986 in Mexiko City gewann er mit Argentinien, 1990 wir in Rom –, sagt einiges aus. Aber da ist noch so viel mehr.An meine erste Begegnung mit Maradona kann ich mich ebenfalls sehr gut erinnern. Es war am 24. März 1982, drei Tage nach meinem 21. Geburtstag. An meinem Geburtstag selbst hatte ich in Rio de Janeiro im Maracanã-­Stadion gegen Brasilien mein erstes Länderspiel von Anfang an bestritten. Und dabei Brasiliens Spielmacher Zico ausgeschaltet. Dann folgte in Buenos Aires das Spiel gegen Argentinien – und mir gelang das Gleiche gegen Diego. Es war das erste von vielen Spielen gegeneinander, ob mit unseren Nationalmannschaften oder später mit Inter Mailand gegen Neapel. Trotz aller Rivalität und allen Ehrgeizes, den wir beide in sehr großem Maße hatten, waren es stets faire Duelle, und daraus entwickelte sich über die Jahre unsere Freundschaft.Als Diego 1992 nach seiner ersten langen Sperre zurückkehrte und beim FC Sevilla landete, wünschte er sich zum Einstand ein Freundschaftsspiel gegen „meinen Freund Lothar und seine Bayern“, wie er damals sagte. Zum Glück nahm Uli Hoeneß das Angebot an. Wir flogen hin, hatten ein wunderbares Spiel und danach auch eine wunderbare Party-Nacht. Denn genial feiern konnte Diego auch. Viele Jahre später lief er bei meinem Abschiedsspiel auf und ich bei seinem.Einmal spielte ich mit Maradona in einer MannschaftGenau ein einziges Mal haben wir sogar zusammen in einer Mannschaft gespielt. Zum Abschiedsspiel von Michel Platini 1988 in Nancy hatte Trainer Giovanni Trapattoni eine Weltauswahl zusammengestellt, unter anderem mit Maradona und mir. Diego spielte in der Partie einen Steilpass in die Tiefe, fast so, wie 1986 im WM-Finale zum entscheidenden 3:2 von Jorge Burruchaga gegen uns. Nur, dass ich diesmal der Burruchaga war und nach Maradonas Vorlage traf. Bei dem Pass trug er meine Fußballschuhe, die ich ihm lieh, weil er seine vergessen hatte. Jene Schuhe, die er mir mit seiner leichten Schnürung zurückgab, die ich genauso ließ – und mit ihnen weiterspielte, bis ein Schuh in der ersten Halbzeit des WM-Finales 1990 kaputtging. Wegen des Schuhwechsels in der Pause fühlte ich mich nicht sicher und überließ Andy Brehme den entscheidenden Elfmeter. Der Rest ist Geschichte.Maradonas argentinisches Nationaltrikot, das ich mit ihm beim Finale 1986 tauschte, habe ich der argentinischen Botschaft in Madrid zurückgegeben, weil ich finde, dass es dem argentinischen Volk gehört. Sein Trikot vom WM-Finale 1990 hängt im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund. Frank Mill, der leider auch schon verstorben ist, hatte mich damals gebeten, es für ihn von Diego zu holen.Lionel Messi spielen zu sehen, ist für mich nicht nur ein fußballerischer Genuss. Es erinnert mich jedes Mal auch an die großen Zeiten mit Diego Maradona.Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.