Pelé oder Maradona? Messi oder Ronaldo? Wer ist der grösste Fussballer der Geschichte?Messi hat eben den WM-Torrekord geknackt, Mbappé ist ihm dicht auf den Fersen. Pelé hat am meisten Weltmeisterschaften gewonnen. Und Maradona verglich sich mit Gott. Auf der Suche nach dem Besten zeigt sich: Spielintelligenz ist wichtiger als ein Modellkörper. Und eine Prise Irrsinn kann helfen.28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDiego Armando Maradona, Cristiano Ronaldo, Pelé, Kylian Mbappé, Lionel Messi: Sie alle haben Qualitäten, die sie zum Besten befähigen.Bilder Getty; Bearbeitung NZZaSIn Chinatown, im Süden Manhattans, gibt es eine Bar, die eher einer Galerie ähnelt. Wer möchte, kann dort, in einem ästhetisch anspruchsvollen Ambiente, auf der Grossleinwand Fussballspiele anschauen. Die gegenüberliegende Hauswand ziert schon seit Jahren ein Wandgemälde: Diego Maradona, Johan Cruyff und George Best.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Triptychon drückt Nostalgie aus, aber nicht nur. Es hat einen Aktualitätsbezug: Denn gerade an dieser Weltmeisterschaft ist die Diskussion darüber wieder entflammt, wer nun der grösste Kicker des Planeten sei, ja mehr noch: der grösste Fussballer aller Zeiten.Muhammad Ali, der Boxer, hatte die Frage nach dem Grössten seiner Disziplin mit der simplen Wendung «I’m the greatest» für sich selber geklärt. Die geniale Eigenvermarktung verfing. Er konnte sich als Boxer mit den Konkurrenten seinerzeit im Duell vergleichen.Fussballer sind auf ihr Team angewiesenEin Fussballer hat diese Möglichkeit nicht. Er ist auf sein Team angewiesen. Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, die überragenden Figuren der vergangenen zwei Jahrzehnte, haben beide gute Argumente, um für sich zu beanspruchen, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Aber auch Kylian Mbappé mischt mit, der im Nationalteam nach Belieben trifft. Messi übertraf den WM-Torrekord von Miroslav Klose (16) an dieser Weltmeisterschaft, Mbappé ist ihm dicht auf den Fersen.Ronaldo ist Torschütze bei seiner sechsten Weltmeisterschaft, Messi spielt ebenfalls sein sechstes Turnier, ist aber, genauso wie der Franzose Mbappé, im Gegensatz zum Portugiesen Weltmeister.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDie grössten Spieler der Gegenwart sind aber noch mehr: Im Grunde agieren sie wie Schattentrainer, die das Spiel bestimmen. Man denke nur daran, wie Cristiano Ronaldo 2016 von der Seitenlinie aus seine Teamkollegen im EM-Final gegen Frankreich coachte. Ohne Mbappé, der mit seinen 27 Jahren ein Routinier ist und dem doch die Zukunft gehört, ist selbst für einen erfahrenen Trainer wie Didier Deschamps kein Staat zu machen.Auch Messi hat eine ganz eigene Art, Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Bei seinem alten Weggefährten Lionel Scaloni kann er sich immer noch darauf verlassen, dass er tun und lassen kann, was er will, und dass die Mannschaft ihm gestattet, das Spiel zu ihm kommen zu lassen. Auch wenn er nicht mehr viel läuft, ist er stets an der richtigen Stelle. Erklärbar ist das kaum. Es ist das Ergebnis einer Spielintelligenz, die ohnegleichen ist. Darin liegt jene Magie, die ganz grosse Spieler auszeichnet: selbst dann zu reüssieren, wenn die körperlichen Möglichkeiten nachlassen, wenn die Sprints und die famosen Dribblings der Vergangenheit angehören.Der Rekordtorschütze der WM: Lionel Messi.EPAAuch Beckenbauer hat seine BefürworterEs ist nicht nur die blosse Leistung, die den Status eines Spielers bestimmt. Es ist auch eine Frage der Position. Einen intelligenten Spielgestalter zum besten Fussballer zu küren, ist die Wahl der Connaisseurs; ein spektakulärer Torschütze wäre die Wahl des Fussballvolkes. Wer das Spiel aus der Tiefe organisiert, hat weniger Möglichkeiten, sich in Szene zu setzen, auch wenn sein Einfluss gewaltig ist. Bemerkenswert ist daher, dass Franz Beckenbauer stets zu den grössten Spielern gezählt wird, obwohl er als Libero für die Struktur zuständig war. Beckenbauer kam zugute, dass er ein überaus eleganter Fussballer war.Auch die körperliche Erscheinung spielt eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung. Erling Haaland, der Norweger, verfügt, genau wie Ronaldo, über eine Athletik, die einem Zehnkämpfer gut anstehen würde. Aber grosse Fussballer brauchen nicht unbedingt körperliche Vollkommenheit, um auratisch zu sein, ja manchmal scheint es sogar ein Nachteil in der Wahrnehmung der Anhänger zu sein, wenn man aussieht wie der perfekt modellierte Athlet.Man braucht nur auf Zinedine Zidane zu schauen. Wer wollte seine fussballerische Grösse bestreiten? Bei ihm aber verdeckte die körperliche Robustheit die technische Filigranität, die die Art und Weise des Spiels erst ermöglichte – sein Stil wirkte aufgrund seiner Statur nicht so elegant, wie es bei einem kleineren Spieler der Fall gewesen wäre.Eher scheint für die Genies zu gelten: Wer als junger Mann die Mädchen beeindrucken möchte, aber von den körperlichen Attributen eines Adonis weit entfernt ist, dem stehen zwei Möglichkeiten offen: Entweder er wird Gitarrist in einer Rockband – oder ein grosser Profifussballer.Ein grosser Fussballer muss nicht länger als 1 Meter 70 seinMessi misst 1 Meter 70, Diego Maradona war mit 1 Meter 65 noch kürzer geraten, und auch George Best – für diejenigen, die ihn damals erlebten, eine Erscheinung aus einer anderen Sphäre – war nicht viel grösser. Hier stehen Sportler, die unter anderen Wettbewerbsbedingungen aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen vielleicht Schwierigkeiten gehabt hätten. Kurze Beine aber verhindern nicht den Erfolg auf dem Spielfeld – im Gegenteil, ihre besondere Bewegungsart kann für den Gegenspieler ein Albtraum sein.Natürlich ergibt es Sinn, auf Diego Maradona zu schauen. Über viele Jahre lautete die Frage nach dem grössten Kicker aller Zeiten schlicht nur: Maradona oder Pelé? Der brasilianische Stürmer Pelé gewann dreimal die Weltmeisterschaft. Er ist daher ein legitimer Kandidat für den Titel des grössten Fussballers. Aber er hatte ein Team, das ihm enorme Unterstützung gab.Didi, Vavá und Garrincha – so hiessen die Mitspieler Pelés, unter denen er herausragte. Daher ist es eine besondere Pointe, dass der krummbeinige Garrincha in Brasilien stärker verehrt wird als Pelé, der der erfolgreichere der beiden war.Dreimal Weltmeister mit Brasilien: Pelé.The Granger CollectionMaradona trug das Team, nicht umgekehrtUnd Maradona? Dessen Anarchismus hatte eine ganz besondere Qualität: Er war weit weniger auf die Klasse seiner Mitspieler angewiesen. Er trug das Team, nicht umgekehrt. Napoli, das er zur Meisterschaft führte, hatte zwar auch eine gute Mannschaft mit Careca, Alemão und Carnevale. Aber die AC Milan, damals der Rivale, hatte zur selben Zeit Gullit, Rijkaard und van Basten, Maldini und Baresi. Für das argentinische Nationalteam galt dasselbe. Maradonas genialer Irrsinn schlug sich in keinem Spiel stärker nieder als im WM-Viertelfinal 1986 gegen England.Er traf nach dem spektakulärsten Solo der WM-Geschichte. Und er traf auch mit einem Handspiel, das er postwendend zur «Hand Gottes» erklärte. Damit sagte er indirekt auch etwas über seinen eigenen Status. Karl-Heinz Rummenigge, der gegen Maradona den Final 1986 verlor, sagte einmal, er würde ihn wählen, wenn er sich zwischen Maradona und Messi entscheiden müsste – weil Messi von den Schiedsrichtern und seinen Mitspielern geschützt wird, Maradona seinerzeit aber unendlich viel einstecken musste.Nur ist die Frage hypothetisch, was für ein Spieler Maradona geworden wäre, hätte man ihn früh in einer Jugendakademie auf Effizienz trainiert. Er stand in erster Linie für Chaos. Maradona war nicht einzuhegen – weder für den Gegner noch für diejenigen, die das Privileg hatten, ihn zu trainieren. Auch das hebt ihn heraus. Im Fussball der Gegenwart, der von den Kronprinzen Kylian Mbappé oder auch Lamine Yamal stetige Arbeit für das Team verlangt, könnte er nur schwer existieren. Aber diese Unvollkommenheit gehört zum Reiz der Genies.Passend zum Artikel
Pelé oder Maradona? Messi oder Ronaldo? Wer ist der grösste Fussballer aller Zeiten?
Messi hat eben den WM-Torrekord geknackt, Mbappé ist ihm dicht auf den Fersen. Pelé hat am meisten Weltmeisterschaften gewonnen. Und Maradona verglich sich mit Gott. Auf der Suche nach dem Besten zeigt sich: Spielintelligenz ist wichtiger als ein Modellkörper. Und eine Prise Irrsinn kann helfen.















