Kurz vor ihrem letzten WM-Spiel erhalten Perus Fußballer unerwarteten Besuch. In ihre Kabine kommen zwei Männer. Ein Friedensnobelpreisträger, ein Massenmörder. Zwei ziemlich beste Freunde. Jorge Rafael Videla, Chef der argentinischen Junta, schaut vor diesem entscheidenden Spiel beim Gegner vorbei – dessen Kapitän Héctor Chumpitaz kurz zuvor schon einen verstörenden Anruf des eigenen Militärdiktators Francisco Morales Bermúdez erhalten hat. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagte Morales Bermúdez düster: „Wie auch immer das Ergebnis ausfällt.“Videlas Begleiter ist Henry Kissinger, bis 1977 Außenminister der USA, nun Videlas privater Gast. Was wollen die beiden dort, so kurz vor Anstoß? Sie haben eine Empfehlung für die Peruaner: „Brüderlich Fußball zu spielen.“ Und die schönste Geste der Brüderlichkeit, so können die nervösen Kicker sich leicht zusammenreimen, wäre eine Niederlage mit mindestens vier Toren – die Differenz, die Argentinien braucht, um das Finale zu erreichen.„Verdächtige Bewegungen“Die letzten Partien der anderen Finalrundengruppe, in denen die Niederlande mit 2:1 gegen Italien ins Endspiel einzog und Deutschland beim 2:3 gegen Österreich die „Schmach von Córdoba“ erlitt, fanden zeitgleich um 13.45 Uhr statt. Das Spiel Brasilien gegen Polen aber hatte man kurzfristig auf 16:45 Uhr vorgezogen, zweieinhalb Stunden vor das des Heimteams. So weiß nach dem 3:1-Sieg des Rivalen jeder Argentinier (und Peruaner), welches Ergebnis Argentinien braucht und sein Diktator wünscht.Es ist das Vorspiel zu einer Partie, an der vieles bis heute zum Himmel stinkt, aber wohl nie mehr restlos aufgeklärt werden dürfte. Zu Beginn wirkt es fast wie ein normales Fußballspiel. Dann aber mehren sich jene „unlogischen und verdächtigen Bewegungen“, die Ricardo Gotta in seinem Buch „Fuimos campiones“ („Wir waren Champions“) beschreibt. Den Anfang macht Rodolfo Manzo, der nach der WM nach Argentinien wechseln und in Peru einen neuen Namen erhalten wird: „El Vendido“, der Verkaufte.Als nach zwanzig Minuten Mario Kempes auf Perus Strafraum zuläuft, steht Manzo als Einziger noch im Weg. Doch weder rückt er hinaus, um Kempes zu stellen; noch weicht er zurück, um dessen Tempo aufzunehmen. Er bleibt nur stehen. Als Kempes vorbeijagt, schlägt Manzo ein Bein in die Luft. Es ist das falsche, das rechte, mit dem er den Ball unweigerlich verfehlt. Kempes schießt das 1:0.So geht das munter weiter, nur eine halbe Stunde später fällt schon das 4:0, durch Leopoldo Luque, einen der wenigen Spieler, die sich nach Ende der Militärdiktatur vom Geschehen 1978 distanzieren werden: „Mit meinem Wissen von heute kann ich nicht sagen, dass ich stolz auf unseren Sieg wäre. Wir hätten diese WM niemals austragen dürfen.“ Wie im Flug also ist die Wunschquote von vier Toren erreicht, zwei weitere gibt's als Zugabe.Dass für eine solche Kapitulation wohl nicht nur einige düstere Andeutungen von Generälen ausreichten, glauben gut hörbar jene beiden Peruaner, die laut Gotta nach Schlusspfiff in der Kabine ihre Kollegen als „manga de mierdas“ („Haufen von Arschlöchern“) beschimpfen. Und verlangen, „wenigstens das Geld anständig aufzuteilen“.Vier Tage später wird Argentinien Weltmeister im Estadio Monumental in Buenos Aires, keinen Kilometer entfernt von der „Marineschule“ ESMA, einem der schlimmsten Foltergefängnisse des 20. Jahrhunderts. Etwa fünftausend Menschen wurden dort ermordet.