PfadnavigationHomeWissenschaftCybergrooming„Hey, cooles Profil!“ – so beginnt der Albtraum vieler Kinder im InternetStand: 12:33 UhrLesedauer: 5 MinutenCybergrooming beginnt oft mit einer scheinbar harmlosen NachrichtQuelle: Getty Images/Jordi SalasKinder und Jugendliche werden im Internet deutlich häufiger Opfer sexueller Annäherungsversuche, als Eltern ahnen. Die Täter gehen sehr strategisch vor. Wie Kinder manipuliert werden und worauf Eltern unbedingt achten sollten.Es beginnt mit einer Nachricht. „Hey, cooles Profil!“ Oder: „Du spielst echt gut, wollen wir uns adden?“ Der Chat wirkt harmlos, der Absender nett. Doch hinter manchen Accounts stecken Erwachsene, die gezielt das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen gewinnen wollen, um sie später zu sexuellen Handlungen zu drängen.Cybergrooming nennt sich das, und es passiert täglich: auf Instagram, Snapchat, TikTok und in Onlinespielen. Laut einer Befragung der Landesanstalt für Medien NRW hat fast jedes vierte Kind zwischen acht und 17 Jahren solche Annäherungsversuche bereits erlebt. Viele Eltern ahnen davon nichts. Wie Täter vorgehen, welche Warnsignale es gibt – und was Betroffene machen können.Bei Cybergrooming geht es um die Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über Onlinedienste. „Cybergrooming bedeutet das gezielte Ansprechen von Kindern im Internet, um sie danach in sexualisierte Gespräche zu verwickeln und für entsprechende Handlungen zu missbrauchen“, erklärt Nadine Eikenbusch. Sie ist stellvertretende Abteilungsleiterin für Medienorientierung bei der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.Lesen Sie auchUnter Cybergrooming fallen etwa sexuelle Gespräche, das Einfordern von Nacktbildern oder Videos, aber auch reale Treffen. Meist geschieht das über soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat oder TikTok – zunehmend aber auch über digitale Spiele.In einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW aus dem Jahr 2025 zeigte sich, dass fast ein Viertel der gut 2000 befragten Kinder und Jugendlichen betroffen ist. Unter den 14-Jährigen und Jüngeren haben bereits 16 Prozent entsprechende Erfahrungen gemacht.Lesen Sie auchCybergrooming ist eine Form des sexuellen Missbrauchs von Kindern und damit in Deutschland strafbar. Viele verbinden den Begriff erst mit konkreten Dingen wie Bildern, Videos oder Treffen. Tatsächlich beginnt Cybergrooming deutlich früher, sagt Thomas-Gabriel Rüdiger, Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg: „Die Strafbarkeit erfasst bereits das reine onlinebasierte Einwirken auf ein Kind mit dem Ziel, dadurch eine Form des sexuellen Missbrauchs zu ermöglichen.“Die Maschen der TäterSchreibt der Täter etwa intensiver mit dem Kind – auch wenn das Kind gar nicht versteht, worum es geht –, weil er hofft, dadurch Bilder vom Kind zu erhalten oder sich mit ihm zu treffen, kann das dem Experten zufolge bereits Cybergrooming darstellen. Laut Rüdiger müssen die Inhalte auch gar nicht zwingend sexuell sein: Selbst scheinbar harmlose Nachrichten oder gemeinsames Spielen können Teil des strafbaren Einwirkungsprozesses sein. Doch mit welchen Manipulationstaktiken nähern sich die Täter? Der EU-Initiative Klicksafe zufolge bauen Täter beim Cybergrooming auf die Unbedarftheit, die Vertrauensseligkeit und das mangelnde Risikobewusstsein von Kindern und Jugendlichen. Oft würden Täter versuchen, ein Vertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnis herzustellen, um ihre Opfer manipulieren und kontrollieren zu können.Cybergrooming ist dennoch teils schwer zu erkennen, gerade weil Täter Kinder gezielt und auf unterschiedliche Weise manipulieren. Sie täuschen Alter und Interessen vor und bauen durch Komplimente und Aufmerksamkeit Vertrauen auf, so Nadine Eikenbusch. „Aus meiner Erfahrung gibt es nichts, was Täter nicht machen“, so Rüdiger. Sie geben sich als Modelagenten aus, sind in Gaming-Communities aktiv oder schreiben massenhaft Kinder an. In der sogenannten „Taschengeld-Szene“ würden sie Geld oder virtuelle Güter für Bilder und Videos bieten, so Thomas-Gabriel Rüdiger.Lesen Sie auchOft entwickelt sich der Kontakt schrittweise hin zu sexualisierten Gesprächen und der Forderung nach intimen Bildern oder Videos, so Eikenbusch. Diese werden anschließend als Druckmittel eingesetzt, um den Missbrauch fortzusetzen oder sogar auszuweiten. Täter drohen etwa, Inhalte an Eltern oder Freunde zu schicken oder online zu veröffentlichen. So entsteht ein massiver emotionaler Druck, der viele Betroffene dazu bringt, weitere Forderungen zu erfüllen, so Nadine Eikenbusch.Sichere Warnsignale gibt es dabei leider kaum. Eltern sollten laut Eikenbusch aber genau hinschauen: Wer schreibt da wirklich mit wem? Handelt es sich um Freunde aus der Schule oder fremde, ältere Personen? Verunsicherung, Rückzug oder die Weigerung, über bestimmte Kontakte zu sprechen, können Hinweise sein. Das Problem: Verhalten wie Rückzug, ständige Handynutzung, Gereiztheit oder Leistungseinbrüche kann laut Thomas-Gabriel Rüdiger sowohl auf Cybergrooming hinweisen als auch typische pubertäre Veränderungen sein. „Dass ein Kind nicht will, dass man in sein Handy schaut, kann viele nachvollziehbare Gründe haben“, sagt der Institutsleiter.Was Eltern tun könnenFür Eltern ist es daher schwer, zwischen normalem Verhalten und Gefahr zu unterscheiden. Wenn das Kind betroffen ist und sich den Eltern anvertraut, ist es laut Nadine Eikenbusch wichtig, verständnisvoll zu reagieren. „Es darf auf keinen Fall die Schuld bei den Kindern gesehen werden. Schuldig an dem Missbrauch sind einzig die zumeist männlichen Täter, die dann so etwas machen.“Wichtig: Wenn freizügige Bilder verschickt wurden, niemals sofort und ohne Absprache mit der Polizei Screenshots anfertigen oder die Bilder weiterleiten, da es sich um kinderpornografisches Material handeln könnte. Den Täter keinesfalls kontaktieren, um ihn nicht zu warnen oder Beweise zu vernichten. Stattdessen direkt die Polizei informieren und das weitere Vorgehen abklären.Thomas-Gabriel Rüdiger rät Eltern, Vorfälle unbedingt zu melden – am besten gemeinsam mit dem Kind. „Diese Täter haben teilweise dreistellige Opferzahlen, die polizeilichen Anzeigenquoten sind dagegen sehr niedrig“, sagt er. Jede Anzeige kann wichtig sein, „denn die einzige Chance für Kinder, die an Täter geraten und sich niemandem anvertrauen, sind dann Ermittlungen durch die Polizei.“Gleichzeitig sollten Eltern mit Kindern und Jugendlichen früh klare Regeln absprechen, sie für Warnsignale sensibilisieren und über Risiken der Online-Kommunikation aufklären. Dazu gehören Fragen wie: Was gebe ich preis? Welche Privatsphäre-Einstellungen sind wichtig? Wann sollte ich den Kontakt mit fremden Chatpartnern sofort abbrechen? Wie sichere und melde ich im Ernstfall Beweise?Außerdem sollten Eltern ein digitales Vorbild sein: Der bewusste Umgang mit Bildern und Daten wirkt direkt auf Kinder. Besonders kritisch ist laut Rüdiger der Umgang mit Fotos, da diese online missbraucht werden können, etwa durch KI-Anwendungen für Deepfakes. Grundsätzlich gilt: Digitale Kriminalprävention beginnt bei den Erwachsenen. Nur wer selbst fit im Umgang mit dem digitalen Raum ist, kann Kinder wirksam schützen und vorbereiten.dpa/lkl