PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungÜberforderte MündigkeitSexueller Missbrauch von Kindern im Internet – mir doch egal?Veröffentlicht am 19.06.2025Lesedauer: 5 MinutenDie Ausschnitte aus den Mitschnitten von Videochats zeigen die dunkelste und abgründigste Seite des Internets. Weitgehend verpixelt und dennoch nicht weniger aufwühlend ist zu sehen, wie sich ein Mädchen mit einem Messer blutig schneidet.Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Netz wird seit einem guten Jahrzehnt an die Mündigkeit von Eltern, Kindern und Internetanbietern appelliert. Verantwortungsbewusstsein soll es richten? Nein, die hat ihre Chance gehabt. Nun müssen beinharte Verbote her.Wissen Sie, ob Ihr Kind gerade sexuell missbraucht wird? Das kann nicht sein, weil es doch nebenan im Bett liegt? Das heißt leider noch gar nichts – was ein Fall belegt, der aktuell am Landgericht Köln verhandelt wird. Einem zur Tatzeit 19-Jährigen wird sexueller Missbrauch in 20 Fällen vorgeworfen. Er soll Kinder am Handy oder Tablet zu sexuellen Handlungen gedrängt haben. Mal bewegte er sie dazu, ihm intime Aufnahmen zu senden, mal nötigte er sie zum Onanieren am Bildschirm oder zu Drastischerem. Hatten sie ihm erst heikles Foto- und Filmmaterial geschickt, hatte er sie in der Hand. Und drängte weiter. Obwohl manche über Schmerzen klagten – während andere sagten, sie könnten hier in ihrem Bett nicht lauter stöhnen, weil nebenan im Wohnzimmer doch die Mama sitze.Fast ein Drittel der Kinder und Jugendlichen im VisierDas Anbahnen sexueller Kontakte per Internet („Cyber-Grooming“) ist verbreitet. Täter kontaktieren ihnen oft unbekannte Kinder und Jugendliche auf TikTok, Instagram oder beim Spiel auf der Playstation. Dann versuchen sie ihr Vertrauen zu gewinnen und sexualisieren über kurz oder lang die Kommunikation. Lesen Sie auchEin Viertel aller Kinder und Jugendlichen hierzulande wurde bereits digital von Erwachsenen zu diskreten Verabredungen aufgefordert, fast einem Drittel wurden Nacktaufnahmen angeboten oder zugesendet. In 3457 Fällen wurden Täter 2024 wegen Missbrauchs im Internet überführt. Die Dunkelziffer liegt laut allen Experten weit höher. Und die Fallzahlen steigen (hoffentlich wegen verstärkter Fahndung). Sexuelle Erniedrigung gehört zum digitalen ZeitalterSexuelle Erniedrigung von Kindern gehört bislang also zum digitalen Zeitalter. Daran wird sich wenig ändern – wenn wir nicht brachiale Maßnahmen ergreifen. Etwa ein strikt überprüftes Nutzungsverbot sozialer Netzwerke bis zum Alter von 15 Jahren. Ohne solch ein Verbot, mit dem derzeit zahlreiche Politiker im In- und Ausland flirten, wird sich nichts Wesentliches ändern. Schließlich sind die Missstände alles andere als neu. Seit allemal zehn Jahren mühen sich die relevanten Institutionen, Kinder und Eltern über Gefahren wie Cyber-Grooming aufzuklären. Genauso lang wird an Eltern appelliert, bei den Geräten ihrer Kinder auf höchste Sicherheitseinstellungen zu achten und sie anzuhalten, Fremden im Netz keine persönlichen Daten zu überlassen.Bequemlichkeit bis an die Zynismus-GrenzeDas nutzt. Aber zu wenig. Wofür es vor allem einen Grund gibt: Es ist naiv, von Eltern, Kindern, Internetanbietern stets verantwortungsvoll-mündiges Verhalten zu erwarten. Internetanbietern geht es primär um Kunden, nicht um deren Schutz. Fast alle verzichten auf effektive Alterskontrolle – und argumentieren, im Zweifel sollten eben die Erziehungsberechtigten überprüfen, ob ihr Kind nur altersgemäße Angebote nutze. Das aber ist Bequemlichkeit bis an die Zynismus-Grenze.Nach einem Jahrzehnt der Daueraufklärung darf man bilanzieren: Ein Teil der Eltern schafft es einfach nicht, dem Nachwuchs auf die Finger zu schauen. Wie kommt man überhaupt auf die absurde Idee, es müssten ja nur ausnahmslos alle Eltern ausnahmslos alles richtig machen, um das Problem zu lösen? Manche interessiert es schlicht nicht, andere haben noch immer keine Ahnung, in welchen digitalen Welten sich ihr Kind tummelt. Lesen Sie auchWas die Richterin im oben erwähnten Kölner Prozess auf den Punkt brachte, als sie sagte: „Unser Problem ist, dass niemand von uns eine Playstation hat“ – woraufhin ein Schmunzeln durch den Gerichtssaal ging. Zu viele Erwachsene gehen derart, leichthin, über ihre Unkenntnis hinweg. Was soll man sich in seiner knappen freien Zeit auch in diese Kinderwelt hineinarbeiten? Die illusorische Überforderung von KindernDiese Unlust ist verständlich. Und verheerend. Denn: „Wo Kinder im Netz unterwegs sind, sind auch Täter, die sie kontaktieren. Das Ausmaß dieser Bedrohung ist vielen Eltern noch immer nicht klar“, sagt Lena Rüschen, Expertin für Cyber-Grooming beim LKA NRW (Name auf Bitten des LKA geändert). „Täter, die sich aufs Drohen und Locken verstehen, 50-jährige Männer, die sich in der Anonymität des Netzes als 13-jährige Mädchen ausgeben. Und Kriminelle, die sich bislang noch an jede technische Neuerung erfolgreich angepasst haben“. Lesen Sie auchErst recht verträumt klingt es, ausgerechnet von Kindern mündiges Verhalten zu erwarten. Mindestalter-Grenzen und hohe Sicherheitseinstellungen (durch die sie für Fremde nicht ansprechbar wären) sind ihnen oft unsympathisch. Ja, viele sind auch schon reflektierter. Aber fast 50 Prozent der Zehn- und Elfjährigen haben einen TikTok-Account, obwohl man sich dort erst ab 13 anmelden darf (laut Studie „Kindheit, Internet, Medien“). Aus kindlicher Sicht sprechen zu oft zu gute Gründe gegen Vorsichtsmaßnahmen, wie Fachfrau Rüschen sagt. So sind viele Minderjährige „von dem Wunsch getrieben, in sozialen Medien ihre Reichweite und die Zahl ihrer Follower zu steigern. Diesem Ziel schadet es, das Konto auf Privat zu stellen.“ „Mir doch egal“ durch die BlumeMündigkeits-Appelle stoßen hier an Grenzen. Bleibt die Repression. Ein besonders hoher Verfolgungs- und Fahndungsdruck wie etwa in NRW. Vor allem aber ein Nutzungsverbot für soziale Netzwerke bis zum Alter von 15 oder 16 Jahren, eine Pflichteinwilligung der Eltern und politischer Zwang gegenüber Social-Media-Anbietern, effektiv das Alter zu kontrollieren. Dafür wirbt aktuell eine breite Koalition von NRW-Innenminister Reul über Bundesbildungsministerin Prien bis zu Frankreichs Staatschef Macron. Sie haben es erkannt: Manchmal ist der Appell an die Mündigkeit kaum mehr als die gebildete Version von „Mir doch egal“.
Überforderte Mündigkeit: Sexueller Missbrauch von Kindern – mir doch egal? - WELT
Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Netz wird seit einem guten Jahrzehnt an die Mündigkeit von Eltern, Kindern und Internetanbietern appelliert. Verantwortungsbewusstsein soll es richten? Nein, die hat ihre Chance gehabt. Nun müssen beinharte Verbote her.






