Selbstzerfleischung in den Niederlanden nach dem WM-Out: Der Trainer Koeman ist weg, im Netz werden Spieler rassistisch angefeindetDie Niederlage der Niederlande gegen Marokko zieht weite Kreise. Vergessen geht, dass das fussballerische Selbstbild der Niederländer nicht mehr zur Realität passt – ihnen fehlt es an der Qualität früherer Zeiten.Sven Haist, Monterrey02.07.2026, 11.54 Uhr3 LeseminutenIst nicht mehr Trainer der niederländischen Nationalmannschaft: Ronald Koeman.ImagoDer Frust über das Ausscheiden im Sechzehntelfinal der Weltmeisterschaft entlud sich in den Niederlanden erwartungsgemäss am Nationaltrainer Ronald Koeman. Sein pragmatischer Ansatz steht im Kontrast zum fussballerischen Dogma des Landes, das von jeher auf dominantem Ballbesitzfussball beruht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Besonders deutlich zeigte sich dies bei der jüngsten Niederlage im Penaltyschiessen gegen Marokko am vergangenen Dienstag: Koeman entschied sich, die Taktik aus der Vorrunde zu verändern und einen Mittelfeldspieler zugunsten eines zusätzlichen V­e­rteidigers zu opfern. Damit versündigte er sich an der in den Niederlanden sakrosankten 4-3-3-Formation, die ähnlich unverrückbar ist wie die orangefarbenen Trikots. Obwohl der Plan fast aufging – Marokkos 1:1-Ausgleich fiel erst in der Nachspielzeit –, wurden nach der Partie sofort Rücktrittsforderungen laut.Die Niederlande wollten den WM-TitelKonsequenzen daraus zog Koeman bereits am Tag danach: Er gab in einer gemeinsamen Erklärung mit dem niederländischen Fussballverband seinen Abschied bekannt. Sein Vertrag wäre mit dem Ende des Turniers ohnehin ausgelaufen. Er trage die Verantwortung dafür, dass es «nicht gelungen» sei, bei dieser Fussball-Weltmeisterschaft «Geschichte zu schreiben».Gemeint war damit unmissverständlich der WM-Titel, den die Niederlande trotz drei Finalteilnahmen bis heute nie erringen konnten. Neben sportlichen Gründen verwies Koeman auf die Gesundheit seiner Frau Bettina, die gegen den erneut ausgebrochenen Brustkrebs kämpft. Der 63-Jährige übernahm die Elftal vor dreieinhalb Jahren und führte sie an der EM 2024 in den Halbfinal; während seines ersten Engagements als Bondscoach von 2018 bis 2020 hatte kein grosses Turnier stattgefunden.Koemans Taktikwechsel beruhte auf der Einschätzung, seiner Mannschaft fehle die Qualität, um den Geheimfavoriten Marokko spielerisch zu bezwingen. Diese Analyse widerspricht der Betrachtung einiger einflussreicher Experten. So zeigte sich Rafael van der Vaart überzeugt, die Niederlande seien «besser» als Marokko – obwohl die Nordafrikaner in der Weltrangliste vor ihnen stehen. In dieser Haltung spiegelt sich das historisch gewachsene Selbstverständnis eines Landes, das über Jahrzehnte herausragende Fussballpersönlichkeiten hervorgebracht hat.Verband prüft wegen Hasskommentaren AnzeigenDie Qualität der gegenwärtigen Mannschaft wird diesem Selbstbild jedoch kaum noch gerecht. Zu den prominentesten Akteuren zählten der Captain Virgil van Dijk, der seinen Zenit überschritten hat, sowie der Mittelfeldstratege Frenkie de Jong. Im Sturm fehlt es grundsätzlich an Spielern von Spitzenformat. Hinzu kamen Verletzungssorgen.Mit der Mannschaft, die 2010 den WM-Final erreichte und in der Spieler wie Arjen Robben und Robbie van Persie standen, ist diese Auswahl also nicht mehr zu vergleichen. Das räumte immerhin auch Nigel de Jong ein, der 2010 selbst der Finalelf angehört hatte und heute als technischer Direktor des Verbands fungiert. Das Fazit laute, dass das Nationalteam vom Titel «weit entfernt» sei, sagte er.Bezeichnend dafür war das Penaltyschiessen gegen Marokko, in dem Justin Kluivert, Quinten Timber und Crysencio Summerville verschossen – Spieler, die Drucksituationen dieser Grössenordnung nicht gewohnt sind. Nach der Partie wurden sie zu Zielscheiben von bedrohlichen und rassistischen Beleidigungen auf Social Media. Der Verband prüft Anzeigen, die zu strafrechtlichen Ermittlungen führen könnten. Einhellig wurden die Hasskommentare verurteilt. «Feige», nannte sie Ruud Gullit.Als Nachfolger von Ronald Koeman werden die niederländischen Trainer Michael Reiziger, Peter Bosz und Arne Slot gehandelt. Sie verbindet die Vorliebe für eine offensive Spielphilosophie.Passend zum Artikel