Monterrey (dpa) - Das frühe WM-Aus gegen Marokko war gerade erst ein paar Minuten alt, da tobte in den Niederlanden bereits die Trainerdiskussion. Mit der Entscheidung, gegen den Afrikameister im Sechzehntelfinale auf fünf Verteidiger zu setzen, habe Ronald Koeman seinen Kopf bereits vor dem Anpfiff auf die „Schlachtbank“ gelegt, schrieb die Zeitung „De Telegraaf“ nach dem dramatischen 2:3 (1:1, 1:1, 0:0) im Elfmeterschießen.Eine der ersten Fragen nach der bitteren, aber letztlich verdienten Niederlage war deshalb auch, ob der Bondscoach dem Verband bereits seinen Rücktritt angeboten habe. „Das habe ich nicht getan“, antwortete Koeman. „Ich werde in Ruhe über meine Zukunft nachdenken“, sagte der 63-Jährige in Monterrey.Koeman ist seit Anfang 2023 zum zweiten Mal Trainer der Elftal. Es wird erwartet, dass der Ex-Profi sehr zeitnah sein Amt zur Verfügung stellt. Als ein Kandidat für die Nachfolge gilt Peter Bosz vom niederländischen Meister PSV Eindhoven.Heftige Kritik von IbrahimovicDie defensive Ausrichtung der Elftal im ersten K.o.-Spiel rief heftige Kritik hervor. Auch bei Ex-Star Zlatan Ibrahimovic, der die WM-Spiele für den US-Sender Fox Sports analysiert. „Diese Niederlage geht auf das Konto von Koeman“, sagte der Schwede. „Ich habe die niederländische Mannschaft nicht wiedererkannt. Koeman hat mit einer Identität verloren, die nichts mit der niederländischen Identität zu tun hat und das macht mich böse“, sagte der frühere Weltklassestürmer. „Du kannst verlieren, aber dann mit deiner eigenen Identität.“Das niederländische Fachblatt „Voetbal International“ meinte: „Beschämender Angsthasen-Fußball wird für Oranje fatal.“ Koeman wies die Kritik zurück. „Es geht nicht darum, Angst zu haben. Es geht darum, besser zu stehen. Wir haben mit drei Angreifern gespielt“, sagte der 63-Jährige. „Ich weiß, als Bondscoach werde ich gelobt, wenn das 1:1 nicht mehr fällt. Jetzt werde ich kritisiert, weil ich mit fünf Verteidigern gespielt habe“, sagte Koeman weiter. Der marokkanische Ausgleich durch Issa Diop war erst in der Nachspielzeit gefallen. Die Kritik interessiere ihn nicht, sagte der Bondscoach. Er würde immer wieder so entscheiden.Emotionales Gakpo-Tor reicht nichtUnd in der Tat wäre der Plan von Koeman fast aufgegangen und hätte für die bislang emotionalste Geschichte dieser WM gesorgt. Denn ausgerechnet Cody Gakpo hatte die Elftal in der 72. Minute in Führung gebracht. Der Angreifer vom FC Liverpool hatte wenige Tage vor dem Spiel öffentlich gemacht, dass sein zweiter Sohn während der Schwangerschaft seiner Freundin gestorben war.Nach seinem Tor sank Gakpo zu Boden und brach in Tränen aus. Die komplette niederländische Mannschaft bildete eine Spielertraube um den 27-Jährigen, der beim Aufstehen das Trikot über sein Gesicht zog und danach mit dem Finger gen Himmel zeigte.Dramatisches ElfmeterschießenDoch nach dem bitteren Last-Minute-Ausgleich für Marokko, das bei der WM in Katar vor vier Jahren als erstes afrikanisches Team das Halbfinale erreicht hatte, verlief auch das Elfmeterschießen auf dramatische Art und Weise gegen die Elftal. Der 120 Minuten lang überragende Torhüter Bart Verbruggen hatte den zweiten Strafstoß der Marokkaner durch Soufiane Rahimi eigentlich bereits gehalten, ehe er den Ball mit der Hacke selbst ins eigene Tor beförderte.Weil Justin Kluivert, Quinten Timber und Crysencio Summerville mit ihren Versuchen allesamt recht kläglich scheiterten und der potenzielle Bayern-Zugang Ismael Saibari am Ende sicher für Marokko traf, schieden die Niederlande zum dritten Mal nach 2014 und 2022 bei einer WM im Elfmeterschießen aus.Großer Frust bei OranjeIn der Kabine habe deshalb „Begräbnisstimmung“ geherrscht, sagte Routinier Marten de Roon, für den es die letzte WM war. „Das sind die schrecklichsten Momente als Fußballer“, stammelte Kapitän Virgil van Dijk ins Mikrofon. „Wir hatten alle einen großen Traum. Ich kann einfach nur Sorry sagen“, sagte England-Legionär Jan Paul van Hecke an die frustrierten Fans in der Heimat gerichtet, die neben dem Aus auch noch die feiernden Marokkaner in vielen niederländischen Städten aushalten mussten.Statt im Achtelfinale am Samstag in Houston eine lösbare Aufgabe gegen Kanada zu haben, geht es für das Oranje-Team nun wie für die DFB-Elf nach Hause, bevor die XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko eigentlich richtig losgeht. Koeman überholte mit seinem 64. Länderspiel als Bondscoach immerhin noch Louis van Gaal. Das weitere Länderspiele dazu kommen, gilt als ausgeschlossen.© dpa-infocom, dpa:260630-930-307365/2
„Begräbnisstimmung“ bei Oranje - Koeman vor dem Aus
Monterrey (dpa) - Das frühe WM-Aus gegen Marokko war gerade erst ein paar Minuten alt, da tobte in den Niederlanden bereits die Trainerdiskussion. Mit der Entscheidung, gegen den Afrikameister im Sechzehntelfinale auf fünf Verteidiger zu setzen, habe Ronald Koeman seinen Kopf bereits vor dem Anpfiff auf die „Schlachtbank“ gelegt, schrieb die Zeitung „De Telegraaf“ nach dem dramatischen 2:3 (1:1, 1:1, 0:0) im Elfmeterschießen.Eine der ersten Fragen nach der bitteren, aber letztlich verdienten Niederlage war deshalb auch, ob der Bondscoach dem Verband bereits seinen Rücktritt angeboten habe. „Das habe ich nicht getan“, antwortete Koeman. „Ich werde in Ruhe über meine Zukunft nachdenken“, sagte der 63-Jährige in Monterrey.Koeman ist seit Anfang 2023 zum zweiten Mal Trainer der Elftal. Es wird erwartet, dass der Ex-Profi sehr zeitnah sein Amt zur Verfügung stellt. Als ein Kandidat für die Nachfolge gilt Peter Bosz vom niederländischen Meister PSV Eindhoven.Heftige Kritik von IbrahimovicDie defensive Ausrichtung der Elftal im ersten K.o.-Spiel rief heftige Kritik hervor. Auch bei Ex-Star Zlatan Ibrahimovic, der die WM-Spiele für den US-Sender Fox Sports analysiert. „Diese Niederlage geht auf das Konto von Koeman“, sagte der Schwede. „Ich habe die niederländische Mannschaft nicht wiedererkannt. Koeman hat mit einer Identität verloren, die nichts mit der niederländischen Identität zu tun hat und das macht mich böse“, sagte der frühere Weltklassestürmer. „Du kannst verlieren, aber dann mit deiner eigenen Identität.“Das niederländische Fachblatt „Voetbal International“ meinte: „Beschämender Angsthasen-Fußball wird für Oranje fatal.“ Koeman wies die Kritik zurück. „Es geht nicht darum, Angst zu haben. Es geht darum, besser zu stehen. Wir haben mit drei Angreifern gespielt“, sagte der 63-Jährige. „Ich weiß, als Bondscoach werde ich gelobt, wenn das 1:1 nicht mehr fällt. Jetzt werde ich kritisiert, weil ich mit fünf Verteidigern gespielt habe“, sagte Koeman weiter. Der marokkanische Ausgleich durch Issa Diop war erst in der Nachspielzeit gefallen. Die Kritik interessiere ihn nicht, sagte der Bondscoach. Er würde immer wieder so entscheiden.Emotionales Gakpo-Tor reicht nichtUnd in der Tat wäre der Plan von Koeman fast aufgegangen und hätte für die bislang emotionalste Geschichte dieser WM gesorgt. Denn ausgerechnet Cody Gakpo hatte die Elftal in der 72. Minute in Führung gebracht. Der Angreifer vom FC Liverpool hatte wenige Tage vor dem Spiel öffentlich gemacht, dass sein zweiter Sohn während der Schwangerschaft seiner Freundin gestorben war.Nach seinem Tor sank Gakpo zu Boden und brach in Tränen aus. Die komplette niederländische Mannschaft bildete eine Spielertraube um den 27-Jährigen, der beim Aufstehen das Trikot über sein Gesicht zog und danach mit dem Finger gen Himmel zeigte.Dramatisches ElfmeterschießenDoch nach dem bitteren Last-Minute-Ausgleich für Marokko, das bei der WM in Katar vor vier Jahren als erstes afrikanisches Team das Halbfinale erreicht hatte, verlief auch das Elfmeterschießen auf dramatische Art und Weise gegen die Elftal. Der 120 Minuten lang überragende Torhüter Bart Verbruggen hatte den zweiten Strafstoß der Marokkaner durch Soufiane Rahimi eigentlich bereits gehalten, ehe er den Ball mit der Hacke selbst ins eigene Tor beförderte.Weil Justin Kluivert, Quinten Timber und Crysencio Summerville mit ihren Versuchen allesamt recht kläglich scheiterten und der potenzielle Bayern-Zugang Ismael Saibari am Ende sicher für Marokko traf, schieden die Niederlande zum dritten Mal nach 2014 und 2022 bei einer WM im Elfmeterschießen aus.Großer Frust bei OranjeIn der Kabine habe deshalb „Begräbnisstimmung“ geherrscht, sagte Routinier Marten de Roon, für den es die letzte WM war. „Das sind die schrecklichsten Momente als Fußballer“, stammelte Kapitän Virgil van Dijk ins Mikrofon. „Wir hatten alle einen großen Traum. Ich kann einfach nur Sorry sagen“, sagte England-Legionär Jan Paul van Hecke an die frustrierten Fans in der Heimat gerichtet, die neben dem Aus auch noch die feiernden Marokkaner in vielen niederländischen Städten aushalten mussten.Statt im Achtelfinale am Samstag in Houston eine lösbare Aufgabe gegen Kanada zu haben, geht es für das Oranje-Team nun wie für die DFB-Elf nach Hause, bevor die XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko eigentlich richtig losgeht. Koeman überholte mit seinem 64. Länderspiel als Bondscoach immerhin noch Louis van Gaal. Das weitere Länderspiele dazu kommen, gilt als ausgeschlossen.© dpa-infocom, dpa:260630-930-307365/2














