Manchmal produziert der Spielplan die größten Ungerechtigkeiten. Schon vor dem Sechzehntelfinale zwischen den Niederlanden und Marokko stand fest, dass eine Mannschaft ausscheiden würde, die mit ihren bisherigen Auftritten zu den Bereicherungen des Turniers zählte und den Einzug ins Achtelfinale verdient gehabt hätte. Ähnlich verhielt es sich mit dem Austragungsort, der sich am Montag ebenfalls von der WM verabschieden musste: die Fußballstadt Monterrey, die bei der WM 1986 in Mex­iko mit zwei Stadien vertreten gewesen war und diesmal nur vier Spiele erhielt, darunter drei in der Vorrunde. Dabei entfachte Monterrey erneut jenes kaum greifbare, aber umso intensiver spürbare WM-Gefühl, das nördlich des Rio Grande, von Los Angeles bis New York, bisher oft vermisst worden ist.Doch weder die beiden Teams noch die malerische Stadt an den Ausläufern der Sierra Madre Oriental mit ihren fußballbegeisterten Einwohne­r­n ergaben sich dem Trübsinn. Geme­i­nsam sorgten sie für ein Fußballepos, das im­mer weiter verlängert wurde. 90 Minuten, 120 Minuten, Elfmeterschießen: Erst dann stand fest, dass Marokko eine Runde weiter ist.Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 gestanden, ehe Marokko einen Elfmeter mehr verwandelte und den der Partie angemessen spektakulären Shootout 3:2 gewann. Von insgesamt zehn Elfmetern fanden fünf ihr Ziel nicht, wobei nur einer davon gehalten wurde: Marokk­os Torwart Bono wehrte den vorletzten Versuch des Niederländers Crysencio Summerville im Stehen ab. Tatsächlich hatte er antizipiert, dass Summerville hoch schießen würde, und begab sich aufrecht in die rechte Ecke. Die Szene wirkte so unwirklich, als stamme sie aus einem Computerspiel. Danach verwandelte Marokkos von den Bayern umworbener Offensivmann Ismael Saibari zum Sieg. Die übrigen vier Fehlschüsse landeten zwei Mal am Pfosten, fulminant an der Latte – der Ball sprang bis kurz vor die Mittellinie zurück – und im Toraus. Zudem wehrte der niederländische Keeper Bart Verbruggen den zweiten Elfer von Soufiane Rahimi zwar ab, lenkte den Ball in einer fließenden Bewegung mit der Hacke jedoch noch über die Linie. Dieser Ausgleich erwies sich als Wendepunkt, nachdem die Niederlande zunächst im Vorteil gewesen war.Für Oranje ist es das zweite WM-Aus nacheinander im Shootout. Vor vier Jahren unterlag die Elftal im Viertelfinale auf diese Art dem späteren Weltmeister Argentinien. Entsprechend verbittert fiel das Fazit aus. Spielführer Virgil van Dijk, der mit fast 35 Jahren seine letzte WM absolviert haben könnte, sprach von „schrecklichen Momenten“. Sein Kollege, der Routinier Marten de Roon, beschrieb die Atmosphäre in der Kabine als „Begräbnisstimmung“.Gestorben ist einmal mehr der ewig unerfüllte Traum vom ersten WM-Triumph des Landes. Verantwortlich gemacht wurde dafür wenig überraschend Bondscoach Ronald Koeman, dessen Vertrag mit dem Turnier endet. Er werde „in Ruhe“ über seine Zukunft nachdenken, sagte er am Abend, und betonte, seinen Rücktritt noch nicht eingereicht zu haben. Diesen fordern nicht wenige Landsleute, weil sich Koeman aus ihrer Sicht gegen Marokko an der 4-3-3-Formation versündigte, die in den Niederlanden ebenso unverhandelbar erscheint wie die orangefarbenen Nationaltrikots.Der letzte Schuss: Ismael Saibari trifft zum 3:2 im Elfmeterschießen für Marokko. Ricardo Mazalan/APIn diesem Duell auf Augenhöhe – beide Nationen stehen unter den besten Zehn der Weltrangliste – entschied sich Koeman, aus dem eigentlichen Dreiermittelfeld auf Tijjani Reijnders zu verzichten und stattdessen die Abwehr mit Nathan Aké zu einer Fünferkette zu verstärken. Die Überlegung zahlte sich zunächst aus: Marokko wirkte in einer abwartend geführten ersten Halbzeit von der taktischen Umstellung verwirrt. Als sich die Partie zunehmend offener gestaltete, gelang es den Niederlanden – auch dank der Paraden von Torwart Verbruggen – immerhin das 0:0 zu halten und sporadisch zu kontern. Nach einer Kopfballablage brach Summerville in der 72. Minute gegen aufgerückte Marokkaner frei durch und legte am gegnerischen Strafraum, bereits ins Straucheln geraten, den Ball quer zu Cody Gakpo, der traf.Gakpo und seine Frau hatten ihren gemeinsamen Sohn verloren – er brach nach dem Treffer in Tränen ausSein Tor war eines der emotionalsten dieser Weltmeisterschaft. Denn der Offensivspieler des FC Liverpool hatte erst wenige Tage zuvor öffentlich mitgeteilt, dass seine Partnerin während der Schwangerschaft den gemeinsamen zweiten Sohn verloren hatte. Dennoch entschied sich Gakpo, bei seiner Mannschaft zu bleiben. Beim Jubel brach er unmittelbar in Tränen aus, er zog sich das Trikot übers Gesicht und deutete mit dem Finger in den Himmel. Anschließend sah alles danach aus, als würde Gakpo zum Matchwinner werden und Koemans Plan aufgehen – bis zur Nachspielzeit. Der famose Chemsdine Talbi, der auf dem Flügel der Marokkaner spät eingewechselt worden war, schlug eine lang gezogene Flanke in den Strafraum, die van Dijk falsch einschätzte. Hinter ihm stand der aufgerückte Innenverteidiger Issa Diop, der seine 1,94 Meter nutzte, um den Ball per Kopf zu verwerten.Der Ausgleich und die Aussicht auf das Elfmeterschießen weckten bei den Marokkanern Erinnerungen an die WM 2022. Damals wurde Spanien im Achtelfinale ebenfalls im Shootout bezwungen. Der Adrenalinschub hatte das Team danach bis ins Halbfinale getragen, wo es an Frankreich scheiterte. Vorausgesetzt, die Franzosen schlagen Schweden und anschließend Deutschland-Bezwinger Paraguay sowie Marokko in der nächsten Runde den Mitgastgeber Kanada, käme es im Viertelfinale zur Neuauflage dieses Duells. Doch das Marokko von heute ist mit jenem von vor vier Jahren kaum zu vergleichen.Aus dem auf hartnäckiger Verteidigung und Umschalten basierenden Stil ist ein flexibler Offensivfußball geworden, der tatsächlich – und das ist nicht einmal übertrieben – dem derzeitigen Nonplusultra des Vereinsfußballs ähnelt: Paris Saint-Germain. Zwar verfügen die Marokkaner nicht über dieselbe individuelle Qualität wie PSG, doch die Mannschaft ist ebenso eingespielt wie technisch versiert und spielfreudig. Wesentlichen Anteil an den ständigen Positionsrochaden, die die Niederländer im Vergleich dazu nahezu statisch wirken ließen, hat Trainer Mohamed Ouahbi. Er übernahm das Amt erst im März von Walid Regragui, der nach der Finalniederlage im Afrika-Cup zu Jahresbeginn zurückgetreten war; später wurde Marokko wegen eines zwischenzeitlichen Spielboykotts der über den Schiedsrichter empörten Senegalesen allerdings noch am grünen Tisch zum Sieger erklärt.Als Sohn marokkanischer Eltern, die vor seiner Geburt nach Belgien ausgewandert waren, steht Ouahbi stellvertretend für den Großteil seiner Mannschaft. Insgesamt 20 der 26 WM-Kaderspieler wurden im Ausland geboren und entschieden sich dennoch aufgrund ihrer familiären Wurzeln für Marokko. Zum Auftakt bestand die gesamte Startelf der sogenannten Atlas-Löwen aus Spielern, die außerhalb des Landes geboren wurden – ein Novum in der WM-Geschichte. Die Nationalelf gleicht einem Dream-Team der marokkanischen Diaspora, das es bei dieser Weltmeisterschaft – um den Gedanken fortzuführen – mit den Best-of-Versionen der Topnationen aufnimmt.Die Niederlande wurden bereits geschlagen. Der Elftal könnte am Ende nur der schwache Trost bleiben, womöglich wie vor vier Jahren gegen den späteren Weltmeister ausgeschieden zu sein. Und der Stadt Monterrey die Hoffnung, dass dort die Geburtsstunde eines großen marokkanischen Teams zu erleben war.