PfadnavigationHomePolitikDeutschlandReformpaket„Ich hätte das nicht gemacht“, sagt Lauterbach – Kritik an neuen KrankschreibungsregelnStand: 11:22 UhrLesedauer: 2 MinutenKarl Lauterbach (SPD)Quelle: Markus Lenhardt/dpaDas Echo auf die Pläne der Regierung zu einer Krankschreibung ab Tag eins ist kritisch. Der Hausärzteverband wählt besonders drastische Worte. Der Beschluss sei „absolut katastrophal“.Die deutschen Hausärzte haben die Vorhaben der schwarz-roten Koalition scharf kritisiert, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und eine verpflichtende Vorlage der Krankschreibung ab dem ersten Tag einzuführen. Die Beschlüsse seien „absolut katastrophal“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Auf unsere Praxen kommt damit eine riesige Bürokratiewelle zu, die kaum zu bewältigen sein wird“, betonte er. „Die Koalition macht sich mit diesen vollkommen faktenfreien Beschlüssen nicht nur unglaubwürdig, sie nimmt auch die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf“, beklagte der Mediziner.Verfolgen Sie hier unseren Liveticker mit allen Entwicklungen zum ReformpaketAlle Statistiken und Untersuchungen belegten zweifelsfrei, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankmeldungen geführt habe. Es handele sich nur um einen statistischen Effekt, weil durch die elektronische Erfassung mehr Krankschreibungen in der Statistik auftauchten, so der Verbandschef.Lesen Sie auchDie Krankschreibungspflicht ab Tag eins werde dazu führen, dass Millionen zusätzliche Menschen in die Arztpraxen kommen müssten, nur um sich eine Krankschreibung abzuholen – „ohne dass das medizinisch irgendeinen Sinn ergibt“. Blumenthal-Beier: „Die Folgen werden längere Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten sein, die wirklich unsere medizinische Hilfe brauchen.“Lauterbach: „Ich hätte das nicht gemacht“Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) distanzierte sich im Gespräch mit dem „Spiegel“ vom Beschluss. „Ich hätte das nicht gemacht, aber die Betriebe können davon abweichen“, sagte er. „Wichtiger sind die Beschlüsse zur Termingarantie bei Fachärzten und zur Infarktvorsorge. Damit verhindern wir jedes Jahr Tausende Herztote“, so der SPD-Politiker weiter. Grünen-Experte Dahmen sieht „reine Zettelwirtschaft“ Auch die Grünen kritisieren den Beschluss des Koalitionsausschusses für eine verpflichtende Krankschreibung ab Tag eins scharf. „In einer Zeit, in der die Koalition das Gesundheitswesen mit ihrer Kürzungspolitik in den Würgegriff nimmt, schickt sie gleichzeitig Millionen zusätzlicher Patienten für reine Zettelwirtschaft in die Arztpraxen“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Janosch Dahmen dem „Spiegel“.Lesen Sie auchLesen Sie auch„Menschen mit Erkältungen oder Magen-Darm-Infekt gehören zur Erholung nach Hause – nicht für eine Kurzzeit-Krankschreibung ins überfüllte Wartezimmer. Das bindet ärztliche Kapazitäten, verschlechtert den Infektionsschutz und ist das genaue Gegenteil einer modernen Primärversorgung.“Mit Blick auf Reformen im Gesundheits- und Pflegebereich, zu denen im Beschluss der Koalitionsspitzen nichts steht, kritisiert Dahmen: „Der Koalitionsausschuss hat sich in der Gesundheitspolitik offensichtlich statt mit der Lösung großer Probleme mit der Erschaffung neuer befasst.“ Die Konflikte bei den Krankenkassenfinanzen und der Pflegereform habe die Spitzenrunde ausgeblendet und stattdessen „ein neues, gesundheitspolitisches, Bürokratisierungs- und Belastungsprogramm vereinbart.“nw/krott