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Reformpaket: Wie Union und SPD bei Krankschreibungen zurückrudern Schwarz-rot will Krankschreibungen erschweren. Dafür gibt es Kritik von allen Seiten. Wie Regierungsvertreter darauf reagieren.
03.07.2026 - 19:24 Uhr Bundeskanzler Friedrich Merz CDU bei der Pressekonferenz nach dem Koalitionsausschuss. Foto: IMAGO/dts NachrichtenagenturNach der Kritik an der geplanten Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und der Forderung nach einem verpflichtenden Attest ab dem ersten Krankheitstag versuchen Union und SPD die Aufregung wieder einzudämmen. Man werde eine „unbürokratische Lösung“ suchen, sagte Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) am Freitag den Sendern RTL und ntv. Das Gesundheitsministerium und CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn verwiesen etwa auf Videosprechstunden bei Ärzten.Angesichts deutlicher Kritik aus der SPD verwies SPD-Generalsekretär Tom Klüssendorf darauf, dass dies keine Idee der Sozialdemokraten gewesen sei, sondern „das kleinere Übel“, um die Einführung von Karenztagen zu verhindern. Weil Regierungssprecher Stefan Kornelius betonte, dass die Vereinbarung der Parteichefs nicht bedeute, „dass man am ersten Tag zum Arzt gehen sollte“, ist unklar, wie der Beschluss des Koalitionsausschusses genau umgesetzt wird.Die Spitzen von CDU, CSU und SPD hatten am Donnerstag ein 34-Punkte-Reformpaket mit dem Titel „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ präsentiert. In dem Beschluss der Parteichefs heißt es: „Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und die unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach § 278 StGB stärker bestraft. Wir führen eine verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag der Erkrankung ein.“ Kanzler Friedrich Merz (CDU) hatte aber bereits am Donnerstag betont, dass Unternehmen oder Tarifverträge von der Krankschreibung ab dem ersten Tag abweichen können. Entsprechende Regelungen gibt es bereits heute in vielen Firmen. Mit der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung kehre man zudem nur zum Zustand vor der Corona-Pandemie zurück, erklärte Kanzleramtschef Frei.Kritik aus der SPDNicht nur aus der Opposition und von Ärzten, sondern auch aus der SPD kam dennoch deutliche Kritik. „Das ist komplett absurd, das muss jeder in der Union verstehen, der noch bei Verstand ist“, sagte der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Steffen Krach, der „Süddeutschen Zeitung“. Die Hausärzte seien zu Recht empört, man schaffe mehr Bürokratie. SPD-Generalsekretär Klüssendorf hatte zuvor betont, es habe einen „klassischen Kompromiss“ zwischen SPD und Union gegeben, weil man den geforderten Karenztag verhindert habe.Die CDU-Politiker Frei und Spahn verteidigten dagegen die Entscheidungen. „Wir haben mit die höchste Zahl an Krankheitstagen, etwa 18 Krankheitstage im Jahr pro Arbeitnehmer“, sagte der frühere Gesundheitsminister Spahn in der ARD. Kritik von Ärztefunktionären wies er zurück. „Dieselben Ärztefunktionäre, die uns während der Gesundheitsreform vor ein paar Wochen gesagt haben, oh Gott, das wären ja 80 Millionen Arztbesuche pro Jahr weniger, sagen jetzt, es würden zu viele Arztbesuche.“ Ärztevertreter haben vor einem Ansturm auf ohnehin überfüllte Praxen gewarnt.Reformen Viel Kritik am Reformpaket der Koalition Wirtschaft, Opposition und Gewerkschaften urteilen hart über das neue Reformpaket der Koalition. Woher die Unzufriedenheit kommt. Spahn und Frei betonten, dass es in der Debatte auch um Gerechtigkeit gehe. Wer tatsächlich krank sei, solle nicht arbeiten. Ansonsten sei es fairer gegenüber Kollegen, im Zweifel vielleicht doch zu arbeiten. Beide CDU-Politiker verwiesen darauf, dass es an Montagen und Freitagen besonders viele Krankschreibungen gebe. „Das kann man nicht medizinisch erklären“, sagte der Kanzleramtschef. Er verwies darauf, dass die Zahl der Krankentage doppelt so hoch wie in Frankreich sei. „Dann stellt sich tatsächlich die Frage: Ist es vielleicht in Deutschland zu einfach, mit einem Anruf zu sagen, heute komme ich nicht zur Arbeit?“, fragte Spahn.Allerdings ist dies umstritten: Die IG Metall sprach von schiefen Zahlenvergleichen. In Deutschland würden Daten genauer erfasst und seien deshalb schwer vergleichbar. Außerdem liege Deutschland zwar bei den OECD-Daten zu bezahlten Krankheitstagen weit oben. Betrachte man dagegen die durch Krankheit verlorene Arbeitszeit, relativiere sich die deutsche Sonderstellung.„Die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen deuten darauf hin, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankmeldungen geführt hat. Sie entlastet aber Arztpraxen, kranke Beschäftigte und Krankenkassen. Eine generelle Abschaffung ist daher nicht zu empfehlen“, schrieb Enzo Weber vom IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) auf der Plattform LinkedIn.Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wies darauf hin, dass es keine wissenschaftliche Klarheit gebe, ob die telefonischen Krankschreibungen die Zahl der Krankentage erhöht habe. Es gebe Indizien dafür, dass in Einzelfällen Atteste ohne ärztlichen Kontakt ausgestellt wurden. „Tatsächlich besteht auch nach Abschaffung der telefonischen Krankschreibung weiterhin die Möglichkeit, über eine Videosprechstunde einen Patient-Arzt-Kontakt zu organisieren“, betonte er. Die Neuregelung bringe Rechtssicherheit für alle Beteiligten. rtr Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick










