PfadnavigationHomeSportFelix Magath„Nagelsmann war eine falsche Entscheidung – die gilt es zu korrigieren“Stand: 07:23 UhrLesedauer: 5 MinutenNach dem WM-Aus der deutschen Nationalelf übt Henning Feindt, Chefredakteur der „Sport-Bild“, scharfe Kritik an Bundestrainer Nagelsmann. Er sieht den Coach in der Hauptverantwortung und hält Jürgen Klopp für den einzig geeigneten Nachfolger.Felix Magath glaubt, dass Julian Nagelsmann Bundestrainer bleibt. Der frühere Nationalspieler warnt davor, zu glauben, dass mit einem Trainerwechsel alle Probleme behoben wären. Zu lange wurde die Lage schöngeredet.Bleibt Julian Nagelsmann Bundestrainer oder entlässt der Deutsche Fußball-Bund den 38-Jährigen? Felix Magath, der den VfL Wolfsburg und den FC Bayern München zu drei Meisterschaften führte und 43 Länderspiele für Deutschland absolviert hat, glaubt nicht an eine Zukunft von Nagelsmann bei der Nationalelf.WELT: Herr Magath, hat Sie das frühe Aus und das enttäuschende Auftreten der Nationalmannschaft bei dieser WM überrascht?Felix Magath: Überrascht nicht. Denn seit der Europameisterschaft war keine Entwicklung zu sehen. Es wurde immer mal etwas verändert und experimentiert. Dazu kamen drei konkrete Probleme: Kai Havertz und Jamal Musiala waren länger verletzt. Florian Wirtz hat nach seinem Wechsel zu Liverpool, wo er offenbar in ein völlig gestörtes Umfeld gekommen ist, sein komplettes Selbstvertrauen eingebüßt. Deshalb war es schwer einzuschätzen, wie gut die Mannschaft überhaupt sein kann.WELT: Ist unabhängig davon Paraguay unterschätzt worden?Magath: Ich glaube, dass das 7:1 gegen Curaçao falsch eingeordnet worden ist. Das war eine gute Leistung, keine Frage. Doch man hat sich auf die Schulter geklopft und eingeredet, dass alles funktioniert. Doch es ist halt ein Unterschied, ob ich gegen einen Gegner auf Augenhöhe spiele oder gegen Curacao. Ich glaube, dass dies bei der Mannschaft zu einem Gefühl trügerischer Sicherheit geführt hat.WELT: Bereits beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste und erst recht beim 1:2 gegen Ecuador gab es dann Hinweise auf Instabilität.Magath: Ja, gegen die Elfenbeinküste war deutlich zu sehen, dass wir Schwierigkeiten haben, ein klares, gefährliches Offensivspiel aufzuziehen – und dass wir immer wieder Schwächen in der Defensive hatten. Wir waren nie wirklich überzeugend.WELT: Die Torwartfrage, die Debatte über die Rollen von Kimmich oder Undav – wurden zu viele Baustellen mit ins Turnier genommen?Magath: Das war natürlich problematisch. Aber das eigentliche Problem war, dass sich in den vergangenen zwei Jahren nie eine Mannschaft abgezeichnet hat, von der man den Eindruck hatte: Das könnte unsere WM-Elf sein. Darauf können sich die Spieler einstellen. Und dann beginnt die WM und es gibt eine Besetzung mit Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović im Mittelfeld, die so ja auch neu war. WELT: Machen Sie das Julian Nagelsmann zum Vorwurf?Magath: Dass die Position eines Nationaltrainers eine nicht ganz leichte Aufgabe ist, ist ja unbestritten. Aber warum sucht man für diese Position dann einen Trainer aus, der über relativ wenig Erfahrung verfügt? Diese Frage muss mir erstmal jemand beantworten. Die Erfahrung, die ein Nationaltrainer, der eine Mannschaft bei einer WM betreut, haben sollte, kann er gar nicht haben. Warum, glauben Sie, haben die Brasilianer Carlo Ancelotti geholt? Weil er Erfahrung hat. Darum geht es.WELT: Trägt Nagelsmann die Hauptschuld?Magath: Er hat sicher auch mit Problemen zu tun gehabt, für die er nicht verantwortlich war. Aber aufgrund seiner fehlenden Erfahrung war es für ihn auch besonders schwer. Das hat ihn halt auch überfordert. Er hat mal dieses, mal jenes versucht. Er hat keine Kontinuität hineingebracht.WELT: Es gab auch bei dieser WM wieder viel Ablenkung. Die Frauen und Familien der Spieler sollen oft im Mannschafts-Quartier gewesen sein. Stört so etwas die Konzentration?Magath: Selbstverständlich. Das ist alles Ablenkung. Wir haben ja schon in Katar gesehen, dass es nicht guttut, sich mit etwas anderem als mit Fußball zu beschäftigen. Diese politischen Aktivitäten gingen ja auch in die Hose. Ich muss mich fokussieren – auch wenn bei einer WM viele Mannschaften dabei sind, die da eigentlich gar nicht hingehören. Trotzdem ist es eine WM. Darauf muss ich mich voll einlassen.WELT: Deutschland ist zuletzt zweimal in der WM-Vorrunde gescheitert, nun im Sechzehntelfinale. Dazwischen lag das Erreichen des Achtelfinales bei der EM 2021 und das Viertelfinale vor zwei Jahren. Haben wir uns die Leistungsstärke der Mannschaft zu schöngeredet?Magath: Ja, natürlich. Wir sind zwar bei der Heim-EM ins Viertelfinale gekommen, aber wir haben doch keinerlei Glanzleistungen vollbracht. Wir haben Schottland klar geschlagen, doch die anderen Spiele waren alle nicht richtig gut. Und wir haben die EM ja ohnehin nur gerettet, weil wir Toni Kroos kurz vorher zurückgeholt haben. Aber es ist ja leider der Zeitgeist bei uns, sich Dinge schönzureden.WELT: Wie kann der deutsche Fußball denn wieder in die Weltspitze vorstoßen?Magath: Das müsste ganz unten anfangen: in der Ausbildung. Die Ausbildung beim DFB ist nicht so ausgerichtet, um Spitzenspieler auszubilden. Wir bilden nur noch Durchschnitt aus: Masse statt Klasse. Oliver Bierhoff ...WELT: ...der frühere Manager der Nationalmannschaft ...Magath: ... sagt doch seit Jahren: Wir bilden keine Innenverteidiger, keine Stürmer mehr aus. Dabei hatten wir in früheren Jahren gerade auf diesen Positionen die Qual der Wahl. Mittlerweile wird in der Jugend ja teilweise sogar ohne Tore gespielt. Das ist doch hanebüchen.WELT: Sind dafür nicht eher die Vereine und die von ihnen betriebenen Nachwuchsleistungszentren zuständig?Magath: Das gehört ja zusammen. Der DFB schreibt den Nachwuchsleistungszentren vor, wie ausgebildet werden soll. Dafür gibt es dann Punkte und Geld – für Dinge, die der DFB will. Das ist wie in der DDR – Ausbildung von oben nach und unten und für alle gleich: von Garmisch-Partenkirchen bis Flensburg. Doch wenn alle gleich ausbilden, müssen wir uns nicht wundern, wenn wir nur noch gleiche Spieler haben. WELT: Derzeit stecken sie beim DFB die Köpfe zusammen und beratschlagen, wie es weitergeht. Könnten Sie sich vorstellen, mit Nagelsmann weiterzuarbeiten?Magath: Naja, nach der WM 2018, als es darum geht, ob Joachim Löw weitermacht, hat es beim DFB auch geheißen: Jetzt analysieren wir alles knallhart, jetzt werden wir jeden Stein umdrehen. Und was ist passiert? Nichts. Löw hat sechs Wochen Urlaub gemacht und dann ging es weiter wie vorher. Es würde mich nicht wundern, wenn es jetzt ähnlich läuft. Aber zu Nagelsmann: Seine Verpflichtung war eine falsche Entscheidung. Die muss korrigiert werden. Doch es wäre ein Fehler, zu glauben, dass es damit getan wäre. Es geht auch um die Ausrichtung des DFB. Es wäre nicht schlecht, wenn es dort etwas mehr um Sport und etwas weniger um Politik gehen würde. WELT: Viele wünschen sich Jürgen Klopp. Wäre er eine gute Lösung? Magath: Mit ihm hätten wir sicher eine bessere WM gespielt.