Schon wieder steht ein deutscher Nationaltrainer vor dem Aus. Das liegt auch daran, dass der DFB seine Möglichkeiten lange überschätzteDer Volkstribun Jürgen Klopp gilt als möglicher Nachfolger, sollte Julian Nagelsmann entlassen werden. Ob das Engagement eine gute Idee wäre, ist fraglich.02.07.2026, 11.16 Uhr7 LeseminutenDie Ablösung des Bundestrainers Julian Nagelsmann dürfte für den DFB teuer werden.Peter Cziborra / ReutersWie lange wird Julian Nagelsmann noch Trainer des deutschen Nationalteams bleiben dürfen? So lautet die Frage, die in den deutschen Medien diskutiert wird – unablässig, mit hoher Intensität, mal sachlich, mal polemisch. Nicht mehr zu halten sei der Coach nach dem Ausscheiden im Sechzehntelfinal gegen Paraguay bei der Fussball-Weltmeisterschaft, so spekulieren fast alle Kommentatoren – und die Rücktrittsforderungen fallen selten zurückhaltend aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu eindrücklich war der Auftritt der Deutschen bei der WM: Zum dritten Mal in Folge scheiterte die Equipe früh; selten spielte ein deutsches Nationalteam verkrampfter und orientierungsloser als in den Partien gegen Ecuador und Paraguay, den klaren Aussenseitern. Die Heimreise wurde unmittelbar angetreten, verwaist ist nun das geradezu herrschaftliche Quartier in North Carolina, im Städtchen Winston-Salem.Der dritte Nationaltrainer innert fünf Jahren, der gehen muss?In Frankfurt, in der DFB-Zentrale, dürften erste Gespräche stattfinden – darüber, ob es weitergeht oder wie eventuell die Modalitäten für eine Vertragsauflösung aussehen. Dass das teuer wird, davon gehen so ziemlich alle Kommentatoren aus. Was nachvollziehbar ist, wenn man die Spanne des Gehalts von Nagelsmann betrachtet, die zwischen extremen 7 Millionen Euro und immer noch stattlichen 4,8 Millionen Euro angegeben wird. Ganz gleich, was davon zutrifft – die Situation ist für den Coach komfortabel genug, dass eine Vertragsauflösung die ohnehin strapazierte Verbandskasse erneut schwer belasten dürfte. Es wäre der dritte Nationaltrainer, von dem sich der DFB innerhalb von nur fünf Jahren verabschiedet.Geht es nun um geeignete Kandidaten für seine Nachfolge, so wird vor allem der Name Jürgen Klopp genannt. Klopp, der vielleicht letzte Volkstribun des deutschen Fussballs, hat sich nicht nur durch seine erfolgreiche Arbeit in Dortmund und Liverpool für ein mögliches Engagement qualifiziert. Er hinterliess auch als Kommentator bei Magenta TV nicht gerade den Eindruck, als sei er abgeneigt.Da ist die mittlerweile legendäre Formulierung, wonach er froh sei, dass Julian Nagelsmann das Team aufstelle – und dieser Erleichterung ein lakonisches «noch» hinzufügte. Und da ist der jüngste Auftritt, bei dem er sagte, er wolle nicht über seine Person reden – es dann aber doch ohne Unterlass tat. Auf diese Weise platziert man eine Bewerbung – nicht unbedingt diskret, aber vielleicht effizient genug.Die öffentliche Stimmung dürfte er ohnehin auf seiner Seite haben. Dies war allerdings bei Hansi Flick auch nicht anders, als er die Nachfolge von Joachim Löw antrat. Und nachdem Flick entlassen worden war, wünschten sich viele Fussballfreunde nichts sehnlicher als die Verpflichtung von Julian Nagelsmann.Wird als Nachfolger gehandelt: Jürgen Klopp.Jason Cairnduff / ReutersIm Amt aber ist Nagelsmann kein glückhafter Trainer. Er ruinierte konsequent, was er vorher aufgebaut hatte. Als er übernahm, waren viele erleichtert, denn dass dieser Mann sein Handwerk im Grunde beherrscht, steht ausser Frage. Auch eilte ihm der Ruf voraus, über ein ausgeprägtes Kommunikationstalent zu verfügen; dieser Ruf hatte allerdings schon in seinem letzten Jahr beim FC Bayern enorm gelitten.Da fuhr er nach einer Niederlage gegen Bayer Leverkusen in die Skiferien, zum Ärger des Vorstandes. Er kam mit dem Longboard zum Training. Man zweifelte an seiner Reife. Im DFB-Team wiederholte sich dies, als er sich ohne Not mit dem Stürmer Deniz Undav anlegte und ihn öffentlich blossstellte. Auch die Degradierung des treuen Torhüters Oliver Baumann zugunsten des Monuments Manuel Neuer wurde ihm verübelt.2024 wurde Kroos zu einem Comeback überredetAllerdings verdeckt die Diskussion um seine Person, dass es durchaus andere Probleme gibt, die mit der Mannschaft selbst zu tun haben: Dass Nagelsmann Neuer animierte, zurückzukehren, dürfte damit zu tun gehabt haben, dass das Team über keine stabile Hierarchie mehr verfügte. Nicht unähnlich waren die Ereignisse vor der Euro 2024 im eigenen Land. Da setzte er nicht nur auf Manuel Neuer, sondern animierte auch Toni Kroos dazu, für die Dauer des Turniers ein Comeback zu geben. Der Versuch glückte halbwegs, aber er zeigte auch: Dem aktuellen Personal ist nicht zu trauen, zumal viele Spieler schon an zu vielen erfolglosen Turnieren beteiligt waren.Kai Havertz vom FC Arsenal, der den ersten Elfmeter im Shoot-out gegen Paraguay vergab. Joshua Kimmich, der den Anspruch, ein Leader zu sein, zwar stets formuliert, aber auf dem Feld dann nicht einlöst, wenn es heikel wird. Und natürlich Antonio Rüdiger, der Innenverteidiger von Real Madrid. Er ist zu impulsiv, als dass sich andere an ihm aufrichten könnten. Und wer zurückblickt, der erinnert sich vielleicht auch noch daran, dass Ilkay Gündogan nicht mehr dabei ist. Der Captain und Toni Kroos standen für herausragende Qualität im Mittelfeld, und sie vermittelten eine Sicherheit, von der junge Spieler wie Jamal Musiala und Florian Wirtz profitierten.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenNun wird alles infrage gestellt, auch das Ausbildungssystem des DFB. Geradezu neidisch blickt man in diesen Tagen vom rechten Rheinufer hinüber zum Nachbarn Frankreich, dessen Equipe bei dieser Weltmeisterschaft mit einem offensiven Fussball vibriert, wie man ihn seit Ewigkeiten nicht mehr von einem Nationalteam gesehen hat. Die deutsche Ausbildung hinke hinterher, heisst es da und dort – aber auch das trifft den Kern nicht.Der DFB ist gerade dabei, sein Ausbildungssystem zu reformieren. Zudem ermöglichten die deutschen Kaderschmieden eine ganze Generation hervorragender Fussballer, deren beste Exponenten 2014 die Weltmeisterschaft gewannen. Damals schaute das Ausland nach Deutschland, vor allem die Engländer, die den Kopf schüttelten, weil selbst die zweite deutsche Auswahl noch gut genug war, um in Wembley zu bestehen.Genies lassen sich nur entdecken, nicht produzierenBloss hat die Konkurrenz dazugelernt, vor allem in Gestalt der Engländer. Und man darf ebenso nicht vergessen, dass Frankreich eine Ausnahmegeneration von Spielern hat. Auch die Franzosen haben harte Zeiten hinter sich – aber einen Kylian Mbappé, einen Michael Olise oder einen Ousmane Dembélé kann man nicht nach Belieben in einer Nachwuchsakademie formen. Allenfalls kann man das Genie fördern, sofern man es denn erkennt. Auch lassen sich die Bedingungen in Frankreich nicht einfach imitieren: die Bolzplatzkultur, das Spiel auf engem Raum. Insofern bringt der Vergleich nicht viel – selbst die Spanier haben mit Lamine Yamal nur einen einzigen Spieler von ähnlichem Format hervorgebracht.An dieser Situation wird der potenzielle Nachfolger Nagelsmanns nicht viel ändern können. Das, was bereits angestossen ist, braucht Zeit, um zu wirken – ein gutes Jahrzehnt darf man schon veranschlagen. Auch damals, um den Jahrtausendwechsel, dauerte es so lange, als die Deutschen nach dem Scheitern bei der WM 1998 ihr Ausbildungssystem nach französischem Vorbild umgestalteten. Die Generation der Weltmeister von 2014 machte erstmals 2009 an der erfolgreichen U-21-EM auf sich aufmerksam – mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels und Benedikt Höwedes. Die Autoren, die ein erfolgreiches Arbeiten ermöglichen, sind also durchaus vorhanden.Nagelsmann und die deutschen Spieler während des Spiels gegen Paraguay.ReutersDie Frage, die sich daher stellt, ist eine ganz andere: Wie konnte die einst gemeinsam mit Spanien führende Fussballnation Europas derart auf den Hund kommen? Spanien, immerhin 2014 ebenfalls in der Vorrunde der Weltmeisterschaft ausgeschieden und zwei Jahre später bei der Europameisterschaft nicht viel erfolgreicher, gelang die Restauration alter Stärke mit dem EM-Titel vor zwei Jahren – während der DFB noch keine Anzeichen einer Besserung zeigt.Eine Ursache könnte darin liegen, dass man sich lange viel zu sicher wähnte. Als aufschlussreich könnte sich ein Blick ins Jahr 2017 erweisen: Damals, ein Jahr nachdem die Deutschen bei der Europameisterschaft in Frankreich immerhin noch den Halbfinal erreicht hatten, standen zeitgleich zwei Turniere an, bei denen DFB-Teams reüssierten: der Confederations Cup in Russland und die U-21-Europameisterschaft in Polen.Das Turnier in Russland wurde gar nicht mit der ersten Mannschaft bestritten, den Kern bildeten jene Spieler, die international noch nicht zur Elite zählten, aber auf dem Weg dorthin waren – kein Toni Kroos, kein Philipp Lahm, kein Manuel Neuer. Dafür mit dabei: Marc-André ter Stegen, Niklas Süle, Joshua Kimmich und Leon Goretzka.Nicht einmal 24 Stunden nach dem Finalsieg beim Confederations Cup gewann die von Stefan Kuntz trainierte U 21 gegen das haushoch favorisierte Spanien mit 1:0 den U-21-Titel – dabei waren Spieler wie Serge Gnabry, Nadiem Amiri und Maximilian Arnold. Phänomenal, so wurden seinerzeit die Aussichten für die Deutschen an der WM in Russland bewertet. Joachim Löw, der Nationaltrainer, ging mit einer noch grösseren Zuversicht in das Turnier als vier Jahre zuvor in Brasilien.Das Engagement von Klinsmann war risikoreich – und gelangDazu hatte Löw auch allen Anlass. Weltmeister, Confederations-Cup-Sieger und U-21-Europameister: Eine solche Dominanz hat es in der Geschichte des deutschen Fussballs nie gegeben. Aber dieses Hochplateau, so hat es im Rückblick den Anschein, war der Ausgangspunkt für eine gedankliche Behäbigkeit, die bis heute nicht überwunden ist. Ganz gleich, wer Nagelsmann nachfolgen wird: Es gilt, dieses Muster aufzubrechen. Ohne Widerstand wird dies kaum geschehen. Zumal es fraglich ist, ob die Funktionäre in Frankfurt einen Trainer beschäftigen würden, der genügend Statur hat, die Praktiken im Verband grundsätzlich zu hinterfragen.Wie lohnend dies sein kann, hat sich 2004, nach dem Aus bei der Europameisterschaft, gezeigt: Damals installierte der DFB, durch seinen damaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, das Trainerduo mit Jürgen Klinsmann und dessen Assistenten Joachim Löw. Unumstritten war die Entscheidung nicht, und sie war mit einem grossen Risiko behaftet. Aber sie stellte sich als richtig heraus: Das Jahrzehnt, das folgte, gilt als dasjenige, in dem der deutsche Fussball nicht nur die einheimischen Fussballfans, sondern auch das Ausland begeisterte.Passend zum Artikel
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