Klüger weitermachen: Was wir im Alter von den Stones und Madonna lernen könnenZwei neue Alben und eine tolle Perspektive fürs Älterwerden: zum erfreulichen Zustand der Superstars.28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenErfindet sich gerade einmal wieder neu: Madonna.Alex AntoniIn den Medienkulissen der nicht mehr neuen Unübersichtlichkeit kommt man schwer zurecht. Tiktok, X, Instagram und Youtube – wer steigt da noch durch? Mutmasslich die Jüngeren, aber selbst die sollen mittlerweile erschöpft sein. «Digital Detox» ist eine Idee, auf die Generation-Zler gekommen sind, nicht die Boomer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deshalb ist es gut, wenn wenigstens ein paar sogenannte Klassiker Orientierung stiften. Dass die Ausrichtung auf Bewährtes ausgerechnet im Pop, der Sphäre der Übergänge, Wechsel und Veränderungen, um sich greift, kann dabei als Pointe gelten. Früher hielt man sich an Bücher und an etablierte Autoren und Autorinnen. Heute, da immer weniger lesen, machen Pop-Stars den Job der wertkonservativen Galionsfigur.Madonna, 67, und die Rolling Stones (78–82 Jahre) veröffentlichen fast zeitgleich neue Alben. In der Generationenperspektive ist das ein Glücksfall, vor allem für Boomer und Vertreter der Generation X. Für die Altersgruppe 50 plus sind beide quasi bewusstseinsprägend: Man wuchs mit ihnen auf, hörte jahrzehntelang ihre Musik. Jetzt wird man mit ihnen alt.Und kann man gut mit ihnen alt werden, mit der Queen of Pop und den Megastars des Rock’n’Roll? Erstaunlich gut sogar. «Confessions II», Madonnas 15. Studioalbum, ist die x-te Variante einer sogenannten Neuerfindung, was in ihrem Falle eigentlich nur heisst, die Looks und die Outfits dem Zeitgeist anzupassen, sonst aber wird weiter sehr feiner Dance-Pop gemacht. Und die Stones klingen so wie immer, als seien die 1960er Jahre nie vorbeigegangen. Auf «Foreign Tongues» knarzt, schrammelt und rumpelt es, dazu krächzt Mick Jagger, 82, schlichte, einprägsame Texte.Beide Superstars entstammen einer Ära, in der die Idee des Kanons noch auf Pop übertragbar schien. Die Stones seit den 1960er, Madonna ab den 1980er Jahren: Das waren das allgemeine Pop-Geschehen überragende Phänomene, deren Werke im Rückblick Konstanz und einen bildungsbürgerlichen Begriff von Qualität vermittelten. Dasselbe galt auch für Prince, Michael Jackson und David Bowie, aber die sind nicht mehr da, und deshalb halten sich die Älteren umso entschiedener an diese beiden Grossakteure populärer Musik.Aktuelle Gesten des Zeitgeists werden aufgenommenÄlterwerden, das merkt man bei beiden, hat nichts mit Aussitzen und Festklammern zu tun. Madonna und die Stones könnten ihren kulturellen Status mit jener Mischung aus Arroganz und Überheblichkeit verwalten, auf die sich Grossrapper wie Jay-Z und Kanye West mittlerweile verlegt haben. Stattdessen übersetzen sie das Konzept Dauer im Wandel in zwei musikalisch schlüssige, textlich geistreiche Werke, die ihre Ästhetik mit aktuellen Gesten des Zeitgeists vermitteln. Madonna ist erneut die laszive Diva, die im Mieder den bürgerlichen Milieus die Triebenthemmung anempfiehlt. Die Stones erzählen weiterhin von einer Gegenkultur, die in den alten Feinden auch die neuen erkennt: die Bourgeoisie, die korrupte Politik, das verwaltete Dasein.Das ist, wie gesagt, nicht neu, wirkt aber den Umständen entsprechend frisch und bewegend. Wenn in Madonnas neuem Video akrobatische Frauen grüne Laserstrahlen aus ihrem Schritt verschiessen, dann muss das Trad Wives und andere Neukonservative verstören, vielleicht sogar auf die Palme bringen. Und dass das neue Video der Stones einen jungen Angestellten zeigt, der zum Song «Rough And Twisted» durch eine Inner-City-Kulisse tanzt und sich des Anzugs entledigt, ist auch okay. «Hey, Gen-Z-Mensch, hey Millennial!», sagt diese Inszenierung. «Auch wenn dich die Corporate-Welt am Wickel hat, ein bisschen Revolte geht noch! Tanz ein paar Takte lang zu Keith Richards’ grummelnder Gitarre, dann lockert sich auch das Bewusstsein, das bekanntlich der Sitz des Falschen und des Regulierten ist.»Der Körper als Spielfläche der LüsteIdeologiekritisch gesehen sind solche Szenarien eher schlicht. Aber moralisch betrachtet sind sie einwandfrei. Madonnas greller Feminismus und die Allround-Revolte der Rolling Stones wirken jetzt, wo Machtverhältnisse unverrückbar und alternativlos erscheinen, integer. Eigentlich hätte man diese klare kritische Kante vom Hip-Hop erwartet, aber dessen amtierende Würdenträger Kanye West, Jay-Z, Drake und Kendrick Lamar verzetteln sich in narzisstischen Fehden und schauen kaum über den Tellerrand ihrer Befindlichkeit hinaus. Es sind dann Veteranen wie Bob Dylan und vor allem Bruce Springsteen, die bei Konzerten sagen, was gesellschaftspolitisch Sache ist.Für unser Älterwerden heisst das: beim Alten bleiben, das aber in modernisierter Form. Auf Bestände setzen, diese aber beleben mit neuen Chiffren und Formen. Sich neu erfinden, wie es bei Madonna notorisch heisst, aber diese Neuerfindung entlang einer Idee vollziehen. In Madonnas Fall wäre das die Weigerung, Weiblichkeit mit bürgerlichen Normen einzuhegen. Dass sie mit dieser Haltung heute offene Türen einrennt und jenen, die jetzt «Fotzenrap» hören und in Kink-Klubs tanzen, nur ein müdes Lächeln entlockt: geschenkt. Der Habitus ist trotzdem cool: Der Körper, auch der alternde, hat als Spielfläche der Lüste noch lange nicht ausgedient, und noch so viele Chatbots, Avatare und KI-Simulationen werden ihn nicht ersetzen.Die Rolling Stones zeigen, dass Älterwerden am besten in Kollektiven und die Vernetzung über Generationen hinweg geschieht. Auf «Foreign Tongues» steht Paul McCartney, 84, am Bass. Robert Smith, 67, der Sänger von The Cure, bedient den Synthesizer. Und mit der Coverversion des Amy-Winehouse-Stücks «You Know I’m No Good» verneigt man sich in Richtung einer musikalischen Zukunft, die leider nie stattgefunden hat. Madonnas Paul McCartney heisst Kate Moss, 52. Im Kurzfilm zum neuen Album schaut das Model mit glamouröser Strenge in die Kamera. Auch hier der Ausdruck eines kollektiven Bewusstseins: Wir sind zusammen gross geworden. Jetzt werden wir gemeinsam älter.Pop ist ein Ideen- und Stilreservoir unserer jüngeren Geschichte. Und die Enzyklopädie, in der wir unsere kulturellen Prägungen nachschlagen. Wenn wir unter «A» wie «Alter» schauen, stehen da jetzt auch Madonna und die Rolling Stones. Gut, dass dieser Eintrag bereits viele Jahre umfasst. Vielleicht werden es noch ein paar mehr.